Gastbeitrag | Kritik
Mit Jáchym Fleig endet im Neuen Kunstverein Gießen die Reihe „Stadt – Raum“
Gastbeitrag von Von Rüdiger Oberschür – Region Mittelhessen

Wer genau nach oben schaut, entdeckt kleine Flugzeuge: Fleigs „Deckenrelief“ spielt auf ein ehemaliges Geschwader-Denkmal gegenüber des Kunstvereins an.
Mit dem „Deckenrelief“ des Bildhauers Jáchym Fleig beendet der Neue Kunstverein seine Reihe „Stadt – Raum“. Die Ausstellung läuft noch bis zum noch bis zum 12. März. Die Fragen nach der architektonischen Sondersituation der einst in den 30er Jahren gebauten Kiosk- Toiletten- und Umspannanlage und seiner heutigen Position an der „Licher Gabel“, greift Fleigs Ausstellung, oder besser Installation, auf durchaus politische Weise auf.

Fleig ist der erste Künstler der Reihe, der im und gleichzeitig am Kunstverein gearbeitet hat. Sein „Deckenrelief“ wirkt gerade ohne Sonnenlicht wie eine beunruhigende Bakterienkultur auf Beton, die wie durch Wand und Glas gewachsen scheint. Sind es Stuckornamente, ist es Schimmel – schön oder giftig? Zum Essen sicher nicht, auch wenn Ingke Günther, die hier zusammen mit Jörg Wagner kuratiert hat, ebenso wie die Baseler Kunsthistorikerin Janine Schmutz (Einführung) auf den allgemeinen ersten Eindruck anspielten: Zuckerguss oder Sahnebaiser.
Das wäre jedoch für Fleig zu süß. Der 40-Jährige installiert amorphe Strukturen, die für Architektur wie Schmarotzer in Baumwipfeln sind. Aus jeder Form und Gestalt gelaufen, besetzt auch sein „Deckenrelief“ aus Fugenfüllergips hier den Bau. Ob es hinein- oder hinauswächst, Träger oder Wirt ist, bleibt nur keine Spekulation, wenn man den ursprünglichen Zustand des Ortes kennt.

Man könnte auch an Stuck denken, den man durch die chemische Reinigung gejagt hat – Rokoko trifft Pestizid. „Ich mache abstrakte Konstrukte“, sagt Fleig, der das Relief an drei Wochenenden fertig gestellt hat, selbst über seine Arbeit. Fleigs „parasitärer Kunstbefall“, wie es der Kulturjournalist Tankred Stachelhaus genannt hat, spielt jedoch nicht nur gekonnt mit der Irritation über seinen Charakter, spielt mit Innen und Außen, sondern lässt auch Raum für Anspielungen. Und zwar buchstäblich: Fleig hat in der Struktur seines Reliefs kleine Flugzeuge ausgespart, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Damit spielt Fleig, der sich mit der unmittelbaren Umgebung stadtgeschichtlich auseinandergesetzt hat, auf das ehemalige Denkmal „Kampfgeschwader 55 Greif“ auf der Licher Gabel an. Heute steht dort ein Mahnmal zum Gednekn an alle Opfer des Zweiten Weltkriegs. Stadtgeschichte wächst aus der Decke und wird „wie ein Schattenriss lesbar“, so Kuratorin Günther.
Gastbeitrag, 27.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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