Gastbeitrag | Kritik

Nationale Identität statt Hakennasen

Gastbeitrag von Daniela Höhn

Die Ausstellung „Fremde? Bilder von den Anderen in Deutschland und Frankreich seit 1871“ zeigt, dass Klischees langlebig sind – auch wenn sie manchmal ihre Erscheinungsform ändern.

Wer ist ein Deutscher? Wer ein Franzose? In Frankreich wird gerade über nationale Identität debattiert. Dabei geht es viel um den Islam. Kopftücher und Minarette – so hört man immer öfter – passen nicht zu „europäischen Werten“. Anders ist, was anders aussieht – oder etwa nicht? Doch sagt ein Kopftuch wirklich etwas aus über die Frau, die es trägt? Und ist es fair, von Minaretten auf Terrorismus zu schließen? Die Ausstellung „Fremde? Bilder von den Anderen in Deutschland und Frankreich seit 1871“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin zeigt, dass sich, was den Umgang mit Andersartigkeit betrifft, im Laufe der Geschichte gewisse Kontinuitäten erhalten haben.

Heute, nach der Erfahrung des Holocausts, möchte zwar niemand mehr mit Rassismus oder Antisemitismus in Verbindung gebracht werden, aber als Bedrohung werden „die Anderen“ nach wie vor wahrgenommen. Gängige Vorurteile sind, dass Ausländer „uns“ die Arbeitsplätze wegnehmen, dass sie „unsere“ Sozialkassen belasten und außerdem die Kriminalitätsstatistiken erhöhen. Wollen „sie“ nicht vor allem unseren Wohlstand?

„Ansturm der Armen“ titelte der „Spiegel“ im September 1991, darunter ein Boot, schwarz-rot-gold angestrichen, übervoll und von weiteren Menschenmassen umlagert. Der „Republikaner“-Slogan „Das Boot ist voll“ war in den frühen 1990er Jahren allgegenwärtig, Anschläge auf Asylbewerberheime, wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen, leider auch.

Fast hundert Jahre früher waren „die Anderen“ zum Beispiel italienische Wanderarbeiter. Eine Karikatur im „Simplicissimus“ von 1904 zeigt zerlumpte Gestalten: eine Frau mit Kopftuch und Ohrringen, die Männer geduckt umherschleichend, unrasiert. Es ist kaum anzunehmen, dass das der Wirklichkeit entsprach. Vielmehr lassen sich bekannte Stereotypen wiedererkennen - die der „Zigeunerin“ und des „Kriminellen“ - die offenbar verwendet wurden, um die ausländischen Arbeitskräfte zu diskreditieren.

In Frankreich ängstigte man sich vor armen Juden. Sie galten als unhygienisch und damit als mögliche Überträger von Krankheiten, wie eine „dokumentarische“ Zeichnung von 1892 „belegt“.

In den 1930er Jahren - die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise waren noch deutlich zu spüren – bemühten sich dann faschistische Splittergruppen, wie die „Parti franciste“, Juden als reiche Müßiggänger darzustellen, die das Leben genießen, während die (nicht-jüdischen) Franzosen in der Fabrik schuften oder vor der Suppenküche Schlange stehen.

Die Nationalsozialisten machten die jüdische Bevölkerung schließlich zum Sündenbock schlechthin. Der von ihnen gern verwendete Typus des „Kaftanjuden“, zynischer Weise eine armselige Erscheinung, stand für einen ausbeuterischen, entfesselten Kapitalismus und auch für dessen Gegenteil, den Kommunismus. Totaler kann ein Feindbild wohl nicht mehr sein.

Nach Ausschwitz und sechs Millionen Toten ist man glücklicherweise vorsichtiger geworden mit visuellen Stereotypisierungen, vor allem wenn es um physiognomische Merkmale geht. Heute muss unter anderem die Burka, ein Kleidungsstück, als Symbol für Andersartigkeit herhalten. Und es wird immer häufiger von „Werten“ gesprochen, von der Unvereinbarkeit kultureller Prägungen. Sollen Ausländer sich integrieren oder assimilieren, wenn sie „bei uns“ leben wollen?

„La France, tu l'aimes ou tu la quittez!“ - meinen einige Franzosen. Im Zuge der Debatte über nationale Identität, die seit dem Herbst letzten Jahres auf Anordnung der französischen Regierung geführt wird, ist so manches gesagt worden, das man nicht erwartet hätte. Man soll Frankreich verlassen, wenn man es nicht liebt, steht auch auf einem Schlüsselanhänger in Frankreichform, der in der Berliner Ausstellung „Fremde? Bilder von den Anderen“ zu sehen ist - ein Wahlwerbegeschenk der rechtsextremen „Front National“ aus den 1980er Jahren ....

Wer bestimmt eigentlich, wer Franzose sein darf? Und wie würde eine Debatte über nationale Identität bei uns geführt werden? Wer ist ein Deutscher? Kann man das denn so genau sagen?

Ausstellung „Fremde? Bilder von den Anderen in Deutschland und Frankreich seit 1871“, Deutsches Historisches Museum Berlin, noch bis 21. Februar, täglich 10 – 18 Uhr, Katalog 26 Euro.

Gastbeitrag, 22.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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