Gastbeitrag | Kritik
Oberhessisches Museum zeigt Fotografie im Dialog
Susanne Esche und Robert Blaszczyk eröffnen Einblicke in die Möglichkeiten eines Mediums unter generellem Realismusverdacht
Gastbeitrag von Rüdiger Oberschür - Region Mittelhessen

Unschärfe als Brücke, als Verbindung – das fällt einem bei Susanne Esches und Robert Blaszczyks Arbeiten im Oberhessischen Museum Gießen unmittelbar ein. „Fotografie im Dialog“ ist die Ausstellung untertitelt. Und gerne sieht man den beiden (ehemaligen) Essener Folkwangschülern bei ihren Gesprächen zu. Die 61-jährige Esche und der junge Eleve Blaszczyk – zwei Generationen, zwei Ästhetiken, zwei Geschlechter – gehen in ihren fotografischen Erlebnisräumen über die Fragen von Ist-Zustand und objektivem Ideal weit hinaus. Oder besser: dran vorbei. Was heißt Zeit und was bedeutet Raum?

„Was heißt eigentlich Momentaufnahme?“ – könnte man als zweiten Untertitel aufs Plakat schreiben. Oder: Wo fängt Verfremdung an, wo hört Realismus auf und was passiert dazwischen? Gerade bei Esche, die lange Jahre für viele angesehene Magazine als Fotojournalistin gearbeitet hat, sieht man alles andere als Schnappschüsse von Welt. Die Arbeit am Bild ist hier zentral.
Unschärfe als Stilmittel verbindet beide Ästhetiken. Esche zeigt mit der achtteiligen Reihe „Wo das Meer beginnt“ ein verschwommenes Strandleben unserer Gegenwart. Das bunte Treiben vor der Weite des Horizonts lässt durch seinen Konturverlust einen Zwischenraum der Un-Zeit entstehen, wo Zivilisation und Urgewalt wie eingefroren scheinen. Daneben reduziert ihre Reihe „Nachtwechsel“ Hochhaus-Architektur auf fast gespenstische Weise zum Skelett von Lichtpunkten und Linien. Esche selbst nennt es etwas „abstruses an der Schnittstelle von Fotografie und Malerei“, obwohl ihre teilweise durchaus voyeuristischen Aufnahmen mit Hilfe digitaler Bildbearbeitung entstehen.

Blaszczyk, dessen Bilder in Lambda-Ausbelichtung auf Fotopapier meist in einer kleinen Auflage von fünf Exemplaren erscheinen, thematisiert mit „Konfrottation“ und „Komposition“ zunächst ein Spiel von Ordnung, Anordnung und Unordnung. In „Konfrottation“ korrespondiert ein Haufen von Handtüchern auf dem Boden eines Badezimmers mit der Symmetrie der Fliesen. In „Komposition“ setzt schon das erste Verschwimmen ein – ein merkwürdig durchsichtiger Schleim beherbergt schwarze, wiederum sehr klar angeordnete Klumpen. Sind es Rosinen, Kaffeebohnen?

Bemerkenswert ist dann Blaszczyks fünfteilige Reihe „Being Francis Bacon“, in der ein junger Mann – in einem Atelier als Bacon-Double inszeniert –, durch einen scheinbar cholerischen Anfall vor der Kamera für deutliche Unschärfe sorgt. Bacon, dessen zentrales Thema in der Malerei die Darstellung des menschlichen Körpers war, wird durch Körper, Bewegung und Unschärfe zum genreübergreifenden Sujet von Blaszczyks Polyptychon.
Die Ausstellung schafft es ohne große Anstrengung den generellen Realismusverdacht der Fotografie fort zu spülen und beide Künstler bei allen Unterschieden wirklich in einen fruchtbaren Dialog zu setzen.
Noch bis zum 4. April. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr. 14. bis 16. Februar geschlossen.
Gastbeitrag, 25.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.