Charlotte Lindenberg | Kritik
Schöner Wohnen
Unbrauchbar aber gepflegt: "raumpflege" macht sich´s gemütlich

Speisezimmer: Göbel (Wandobjekt), Richter-Kundel (Esstisch & Stühle) und Fass (Kartoffelteppich), Foto CL
Das mit der "raumpflege" ist ein spaßiger Titel, der keine wirklich zutreffende Arbeitsplatzbeschreibung liefert. Wahr ist, dass sich die Arbeiten der vier Künstlerinnen mit Innenarchitektur in Verbindung bringen lassen. Dieses "in Verbindung bringen" geht so:
Hundertwassers Schlängelhäuser ohne Ecken und rechte Winkel wirken geradezu kantig gegen das Gebilde, in dem die Künstlerinnengruppe "raumpflege" am 17.1. ihre Ausstellung im hessischen Seligenstadt eröffnete. In dem aus dem 14. Jh. stammenden Fachwerkhaus ist aber auch gar nichts gerade - abgesehen vom horizontalen Pegel des Eröffnungs-Pro Seccos. Der Rest ist schief: Balken, Bögen, Stiegen, Wände – alles von sieben Jahrhunderten malerischst gekrümmt. Umso weniger malerisch die Ausstellung. Keine der vier Raumpflegerinnen malt. Und das mit der "raumpflege" ist ein spaßiger Titel, der keine wirklich zutreffende Arbeitsplatzbeschreibung liefert. Wahr ist, dass sich die Arbeiten der vier Künstlerinnen mit Innenarchitektur in Verbindung bringen lassen. Dieses "in Verbindung bringen" geht so:
Sylvia Richter-Kundels "Umrissmöbel" aus Holz und Wellpappe stellen das materielle Äquivalent von dreidimensionalen Möbelzeichnungen dar, also von Entwürfen, die lediglich die Außenkonturen festlegen. Richter-Kundels aus Außenkanten ohne Füllung bestehende Tische, Stühle, Schränke und Konsolen sind somit angewandte Raumpflege, weil die Konturen den Raum dazwischen umreißen, ohne ihn zu verdrängen. Wir erkennen vertraute Gegenstände anhand ihrer Kanten und Ecken und erblicken somit funktionale Objekte mit der gleichen Überzeugung, wie wir die Luftgitarre zwischen den Händen des ektsatischen Klampfenmannes sehen. Oder des Kaisers Kleider – aber das ist eine andere Geschichte.
Doch Richter-Kundel liefert uns keine wahrnehmungspsychologischen Schlüsselreize, die wir gemäß unserer Sehgewohnheiten zu vertrauten Anblicken ergänzen. Ihre Umrisse verhalten sich zum von ihnen umschriebenen Körper wie Linienzeichnungen zu Malerei: Sie markieren die Grenzen, zwischen denen unsere Fantasie herumalbern darf - und darüber hinaus, denn ihre Schatten verleihen dem skelettierten Mobiliar eine zusätzliche Dimension.

Anjali Göbel Direkttapete (Eykalyptusblätter), Foto CL
Vegetarisch
Eingedenk der gemeinsamen Mission, das lokale Kunstforum zu möblieren, hat auch Anjali Göbel ihre outdoors gesammelten Rohstoffe zu Haushaltswaren geformt: Ein Bettvorleger aus Pappelkätzchen, Stuhlpolster und Pantoffeln aus Lärchennadeln.
Zwar hat sie in der Vergangenheit immer mal wieder Gebrauchsgegenstände durch Kombination mit Samen und Kräutern auf visuell ansprechende Weise hoffnungslos de-instrumentalisiert, doch gewöhnlich plaziert Göbel die etwa durch Schneckenfraß und Pilzbefall geschaffenen Naturschönheiten weniger anwendungsbezogen. So mäandern auch hier Eukalyptusblätter an der Wand entlang, und Buchsbaumsamenkapseln spazieren über Wände, deren weiße Geräumigkeit einzig dazu dient, der rätselhaft zielstrebigen Prozession sämtliche Widerstände vom Leib zu halten.

Ulla Reiss Wams & Kinderkleidchen (Kaktusfaser), Foto CL
Fashion Victims
Ulla Reiss´ Objekte erinnern an Wams, Korsage und Handschuh, bis aus der Nähe betrachtet das Material der Form die Schau stielt und der anekdotische Aspekt "ich war eine Socke" hinter drahtigem Geflecht aus Kakusfaser zurück tritt. Wer will, kann Reiss´ aus Binsen gefügten Wasauchimmers mit diesem oder jenem assoziieren, doch bald vergisst man die Pflegevereinbarung und kann sich gegenüber der zarten Gewinde der strapazierten Worthülse "poetisch" nicht länger erwehren. Titel wie Zimmerbrunnen und Perücke Modell Piroschka haben eher Untherhaltungswert und wenig mit den eigensinnigen Gespinsten zu tun. Eine Treppe hat Reiss mittels Grasfaser in eine verkehrsberuhigte Zone verwandelt und aus Quecke eine Gardine gewebt.

Ulla Reiss Musikzimmer (Installation: Schmiele gesteckt, 3 Notenblätter, Grassamen geklebt), Foto CL
Keim frei!
Auch Veronika Fass, die seit Jahren das Farb-und Formpotenzial von Kresse und keimenden Kartoffeln dekorativ zur Geltung bringt, hat ihr Keimdesign in den Dienst der Innenarchitektur gestellt und mittels tiefbraunem Humus an leuchtend grüner Kresse und violettem Erdapfeltrieb einen orientalisch anmutenden Teppich geschaffen. Dass die visuell reizvollen Triebe aber auch weniger romantisch zur Geltung kommen können, beweist der mit gleichen Rohstoffen nachgepflanzte EAN-Code der Kressesamenpackung.
Aber das wär doch nicht nötig gewesen
Sämtliche Objekte lassen den durch den Namen der Gruppe bzw. der Ausstellung geschaffenen thematischen Rahmen nicht zwingend notwendig erscheinen. "raumpflege" wird dem Aktionsradius der vier Künstlerinnen nicht gerecht, steht aber für ein äußerst seltenes, und daher unbedingt pflegebedürftiges Phänomen: Übereinstimmend erklären die Raumpflegerinnen, dass sie ihren Zusammenschluss als bereichernde Zusammenarbeit erleben. Eine übereinstimmende Grundausrichtung trotz unterschiedlicher Heransgehensweise bringt das Phänomen hervor, das sich auf die bewährte Formel von der Einheit in der Vielfalt verkürzen lässt.
Ist die begriffliche Klammer somit auch zu eng für die eigentliche Bandbreite der Einzelnen, eignet sie sich doch hervorragend zur Verschlagwortung eines seltenen Falles von Wachstumsförderungsgebilde.
Charlotte Lindenberg, 19.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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