Gastbeitrag | Kritik

Utopie und Untergrund

Gastbeitrag von Daniela Höhn

Poesie des Untergrunds
Prenzlauer Berg Museum, Berlin
noch bis 7. Februar 2010

Die Ausstellung „Poesie des Untergrunds“ im Prenzlauer Berg Museum zeigt, was Gegenkultur in der DDR ausmachte und relativiert damit auch einige Mythen der Nachwendezeit

Das Jubiläumsjahr 2009 – 20 Jahre Fall der Berliner Mauer – ist zu Ende gegangen. Zeit, Bilanz zu ziehen: Heute gilt Berlin als kreativ und weltoffen. Paradoxerweise rührt dieser Ruf daher, dass es einmal Frontstadt im Kalten Krieg war. Aus dem grauen Ostberlin – so der Mythos - wurde nach der Wende ein buntes, avantgardistisch anmutendes Künstlerparadies. Die pluralistische Kultur des Westens scheint sich selbst übertroffen zu haben. Aber war die „Hauptstadt der DDR“ nicht auch ein Hort der Opposition und der staatlich überwachten, nur widerwillig hingenommenen Gegenkultur?

Die Ausstellung „Poesie des Untergrunds“ im Prenzlauer Berg Museum vermittelt einen Eindruck von der oppositionellen Kunst- und Literaturszene, die sich in den 1980er Jahren in dem Ostberliner Stadtteil entwickelt hatte.

Gleich am Eingang wird man von einer großen Schwarz-Weiß-Fotografie empfangen. Sie zeigt einen Raum, der mit Bildern vollgehängt ist. Junge Leute sitzen dichtgedrängt, zumeist auf dem Boden. Sie sehen aus, als würden sie zu Ostermärschen gehen und an der Küchentür „Schwerter-zu-Pflugscharen“-Aufkleber haben. Alles wirkt ziemlich improvisiert und ähnelt von der Atmosphäre her ein bißchen dem Universitätsmilieu damals in Westdeutschland. Der Titel der Fotografie lautet: „Lesung und Ausstellung auf dem Dachboden, Lychener Straße, Berlin 1983“. Harald Hauswald, der Fotograf, hatte in der DDR Druckverbot. Seine Bilder einer geduckten, aber nicht widerstandslosen Gesellschaft erschienen stattdessen in westlichen Medien.

Hauswald hat auch Punks fotografiert. Punk und Poesie gehörten im DDR-Untergrund zusammen. Viele alternative Kunst- und Literaturzeitschriften übernahmen die kantige Do-It-Yourself-Ästhetik der Fanzines. Siebdruck und Collage waren beliebte künstlerische Techniken. Durch sie konnten Brüche sichtbar gemacht werden, gesellschaftliche wie kulturelle, und darauf kam es an.

Auch der Surrealismus war eine wichtige Inspirationsquelle. Es gab sogar ein surrealistisches Fanzine - „Caligo“ - das von 1985 bis 1987 erschien. Sich spontan auszudrücken, ohne dabei das Bewusstsein als Filter einzuschalten, wie es André Breton einst gefordert hatte, konnte ein Mittel sein, um sich staatlicher Kontrolle indirekt zu entziehen, die Rebellion des Individuums quasi gegen eine vereinheitlichte Gesellschaft. Das eigene Unterbewusste übernahm die Leitung und nicht mehr das Kollektiv bestimmte, wo es langging. Utopien wurden neu definiert.

„Die Realität hat versagt“ fand die Lyrikerin Elke Erb. In der Ausstellung hängt der Spruch auf Packpapier gepinselt an der Decke. Darunter werden auf Stellwänden Schriftsteller vorgestellt, die zur Prenzlauer-Berg-Szene der 1980er Jahre gehörten. Das Papier ist vergilbt. Beim Lesen der Zeilen meint man fast, noch irgendwo das abgehackte Tackern einer alten Schreibmaschine zu hören. Auf einem Foto ist ein junger Mann mit John-Lennon-Brille zu sehen. Er schreit mit voller Wucht in ein Mikrophon. Sascha Anderson war Literat und Rocksänger, außerdem inoffizieller Mitarbeiter der Stasi.

Inmitten von Verrat und Überwachung muss es schwer gewesen sein, sich eine andere als die von oben vorgegebene Kultur zu erkämpfen. Wem konnte man trauen? Und musste man nicht trotz allem zusammenhalten? Die Ausstellung „Poesie des Untergrunds“ zeigt die Vielfalt der alternativen Ostberliner Kunst- und Literaturszene und dass es in ihr Widersprüche gab, die ausgehalten werden mussten. Vielleicht kann man nur im Untergrund so richtig ernsthaft von einer besseren Gesellschaft träumen. Auf dem Weg zur U-Bahnstation, im Prenzlauer Berg von heute, säumen jedenfalls topsanierte Altbauten in zarten Pastelltönen die Straßen. Das Paradies sieht anders aus.


Ausstellung „Poesie des Untergrunds“, Prenzlauer Berg Museum, Prenzlauer Allee 227 / 228, Öffnungszeiten: So bis Do 10 - 18 Uhr, Eintritt frei, noch bis 7. Februar 2010, Katalog 19, 90 €.

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