Gastbeitrag | Kritik
Weißer Terror – Portraits nordamerikanischer Erstbewohner
von Wolfgang Müller
Vielstimmige Begeisterung herrscht in der Kunstkritik vom Tagesspiegel bis hin zur Berliner Zeitung über den „White Cube“ von Karin Sander in der Temporären Kunsthalle. Tom Mustroph stimmt in der tageszeitung eine Eloge auf den weißen Kubus an: „Keine Objekte verstellen den Blick.“ Doch woher bezieht der weiße Würfel als sakraler Erhebungsraum in Zeiten des neo-individualliberalen Konsenses seine unhinterfragte Re-Artikulation?
Ist er nicht aufgrund seiner totalitären Ausschlüsse seit seiner Entstehung Kritikobjekt der Avantgarde? Es bedarf offensichtlich einer kleinen Erinnerungsarbeit: Welche Funktion und Bedeutung besitzen Weißsein und Geometrie in der modernen Staatskunst? (1) Zunächst wurde die (post)koloniale Kritik an der Sakralisierung von Weißsein und dessen Re-Interpretation als weißer Terror als interessante Bereicherung empfunden und begeistert aufgenommen. Nun aber scheint sie durch noch strahlendere, reinere, jetzt nahezu völlig objektlose White Cubes ersetzt. Wiederholt sich die Geschichte als Farce? Der Form und dem Inhalt nach offensichtlich so brutal wie der Prototyp selbst. Die Gespenster der Vergangenheit inszenieren sich als allerneuste Reflexionsarbeit. So in dem aus Hunderten von Künstlerbeiträgen zusammengerührten Ausstellungskunstwerk von Karin Sander, das sich exklusiv an hörende Menschen richtet. Die Metropolenpresse jubelt: So geradlinig, sprich: vernünftig, konnte sich Berlin selten der Welt in einer Ausstellung ZEIGEN. Dominieren im gegenüberliegenden Deutschen Historischen Museum derzeit noch widersprüchliche, fast zu graue Bilder in einer aktuellen Retrospektive der Nachkriegsära bis 1989, so hebt sich in der Temporären Kunsthalle alles auf in blendend weißem Nebel. Dieser wird gern als „Klarheit“ empfunden. Es ist, wie Tom Mustroph in der taz bemerkt „etwas für Liebhaber eher minimalster Genüsse“: Doch dann kommt der Mann kraftvoll zur Sache: „Betritt man den großen Saal, so ist man von dessen Leere überwältigt.(...) Die Wände sind nackt. Der Raum ist ein idealer weißer Kubus.“ Diese Menschlichkeit als Störfaktor zu überwindende Erhabenheitsästhetik bedarf – ein Schelm, wer’s ahnte – eines schwarzen Kontrapunktes. Im Delirium der Leere findet der Autor schließlich Halt: „Einzig ein auf Augenhöhe angebrachtes regelmäßig unterbrochenes, schwarzes Band aus Buchstaben und Zahlen sorgt für Ablenkung.“ Punkt – Barthessches Punctum?
Roland Barthes prägte den Begriff des Punctum für die ambivalente Struktur des Kunstwerkes: sie resultiere aus der Gleichzeitigkeit von Berührung und Abstand. Im Weißen Würfelraum der Ausstellung ZEIGEN dominiert kalte Distanz, die Abwesenheit des Anwesenden - ein geradezu genialisch unbewusstes Abbild des gegenwärtigen Weißen neo-individualliberalen Konsens, so wie er in politischer Praxis und medialer Re-Präsentation vorherrscht: Vieles plappert munter, zahlreich und beliebig um den Brei herum – die massiven Ausschlüsse bleiben dabei stumm. Werden sie auch nur angedeutet, holt der Neo-Individualliberalismus seine Abwehrkeule hervor, indem er die kleinste Andeutung gewisser Grenzen und Ausschlüsse als „Empfindlichkeit“ persönlich „betroffener Subjekte“ abtut. Die wohl entscheidende Schwachstelle in Karin Sanders Werk in der Temporären Kunsthalle besteht darin, dass sie einem überkommenen Freiheitsbegriff anhängt, der da lautet: „Der Markt wird’s schon richten.“ Für diese ihr zugrundeliegende Überzeugung spricht die große Flexibilität, mit der die Kuratorin im Laufe des Realisationsprozesses ihr Konzept umdeutet und jeweils an aufkommende Kritik anpasst. Zuerst lädt sie in sehr persönlich gehaltenem Ton Künstler ein, „akustische Informationen über deren Kunst oder künstlerisches Schaffen" zu präsentieren. Kurze Zeit später sollen „neue Wahrnehmungsebenen in der Interaktion zwischen Architektur und Betrachter“ erschlossen werden, um zur Eröffnung überraschend in der Banalität vom „Schneeballsystem der Künstlernetzwerke“ zu landen: Die Seilschaft als sakrales Kunstwerk? Ja, natürlich. Warum nicht? Ist die Orientierung auf den Markt in rein zahlenmäßiger Vielfalt aber tatsächlich der Weg zu selbstbestimmten Freiheiten? Führt sie nicht vielmehr zu einer Herrschaft totaler Beliebigkeit, in der sich nur stillschweigend die Macht ohnehin vorhandener Bekanntheitsgrößen durchzusetzen vermag?
Im Zuge meiner aktuellen Hörspielrecherche über die affektökonomische Funktion der weißen, besonders der deutschen Imaginationen nordamerikanischer Erstbewohner erreichte mich ein Fotoband mit dem Titel „Silent Warriors“. Tief berührt und zugleich fast abgestoßen konnte ich meinen Blick lange nicht von diesen fotografischen Performanzen lösen. Auch hier wird mit der White Cube-Ästhetik und deren obligatorischen, schwarzen Rahmensetzungen operiert. Hervorgehoben werden so hundertneunundvierzig Personenportraits. Seite für Seite werden sie im Buch vor einer White Cube-Backgroundästhetik geradezu schablonenhaft zweidimensional präsentiert. Um sie nicht in grenzenloser Leere zerfließen zu lassen, ist jedes Foto quadratisch durch einen schwarzen Rand begrenzt. In fast pornographisch zu nennender Schärfe zeichnen sich die Gesichtstrukturen der Fotografierten vor gleißend hellem Hintergrund ab. Der Fotograf, der deutsche Eric Klemm hat seine Modelle in den USA und Kanada aufgenommen, wobei er sich offensichtlich auf einen physiognomischen Typus „Indianer“ als Konstante fokussierte. Künstlerische Orientierung war ihm dabei das immer noch stark wirksame romantisierende Bild der Erstbewohner Amerikas durch die hundert Jahre alten Darstellungen des weißen Fotografen Edward Curtis. Während dieser jedoch seine Sujets „verschönerte“, sie retouchierte und auf diese Weise Bilder von verlorenem Stolz und Würde wiedergeben wollte, richtet Eric Klemm seinen Focus auf das Bild des „edlen Wilden“, der „vom Leben gezeichnet“ ist. Seine Modelle findet er vor Kaufhäusern, Märkten und auf Parkplätzen. Als Kontrast dazu setzt er Portraits von Menschen, die sich in traditionellen-inszenierten Kostümen, Körperbemalungen und Schmuck darstellen. Diese findet er auf den alljährlich stattfindenden Powwows, Festen der amerikanischen Erstbewohner. Was in seiner fotografischen Anthropologie abwesend ist - der Begleittext im Buch weist darauf hin - sind Rechtsanwälte, Lehrer, Unternehmer, Manager, Wissenschaftler oder Ärzt_Innen. Zwischen Müll und Folklore entwickelt Eric Klemm sein Bild der amerikanischen Erstbewohner. Es konstituiert eine Art „edlen Vitalismus“. Im Fotobuch „Silent Warriors“ wird die Gewalt weißer, pornographischer Blickregime sichtbar, aber eben – und hier entsteht Qualität – auch Irritation. Denn die Portraitierten bringen die simplen Zuschreibungsschemata durch ihre Zitat-Kombinationen selbstbestimmter Zugehörigkeitsmerkmale ins Schwimmen. Die alterisierend-heroisierende Strategie des Fotografen bleibt spürbar – doch präsentieren die Personen andere visuelle Narrationen. Und das macht die Fotos spannungsreich und berührend. Es sind keineswegs nur die Kleidung und die Frisuren, in der sich gleichwohl Elemente aktueller musikalischer Vorlieben wie Gothic oder Punk mit re-inszenierter Tradition zu durchaus politisierenden Statements verdichten können. Dazu kommt die sprechende Stille der Gesten und Blicke der fotografieren Menschen selbst, die sich machtvoll typifizierenden Zuordnungen widersetzen.(2) Vielleicht formt sich das, was mir auf den ersten Blick wie „indianisch“ stolze Würde erschien, ja gerade im großen Bildraum, der den Objekten des fotografischen Blickregimes trotz der White Cube-Rahmung im Portrait nicht genommen werden kann und den sie beanspruchen, um als Blick-Subjekte die Betrachtung umzukehren? Zumindest wird die Goethe’sche Frage nach Schönheit als Aushandlungsraum in atemberaubender Dringlichkeit offenbar. Die Menschen performieren in paradox-geheimnisvoller Offenheit – oder in kämpferischer Stille. Sie blicken zurück.
Eric Klemm, Silent Warriors, 230 S., Steidl Verlag Göttingen 2009, 45 Euro.
(1) s. White Cube and Black Box, Hito Steyerl in Eggers . u.a. (Hg.) Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005.
(2) ebd. “Becoming a Subject” von Grada Kilomba.
Gastbeitrag, 03.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Ich will nicht Winnetou sein - wild meinetwegen, aber nicht edel.
Dein Ansatz, das Weiß des "White Cube" hier für eine Art postkolonialistische Diskussion zu instrumentalisieren, finde ich arg an den Haaren herbeigezogen. Bei "Zeigen" geht es um ganz andere Dinge. Um den "White Cube" in der Interpretation von Brian O´Doherty und dessen Obsoletwerden seit den Neunziger Jahren, in denen sich die Kunst Karin Sanders entwickelt hat, zum Beispiel. Außerdem auch um Medialisierung und Kapitalisierung und vielleicht auch um Instrumentalisierung aber ganz und gar nicht um Fragen der Ausgrenzung von irgendwelchen Gruppen. Da kenne ich Karin Sander und ihre Arbeit zu gut, um Dir da nicht reinzugrätschen. Das ist ein klares Abseits.
Viel interessanter finde ich die Frage nach der Auswahl. Hätte Karin nicht vielleicht ein quasi demokratisches Verfahren wählen müssen statt an ihrem Netzwerk entlang einzuladen? Mittlerweile habe ich schon einige Gespräche führen können, die sich um die Frage des Dabei-Seins oder Ausgeschlossen-Seins winden. In der Presse wird ja der große Erfolg der Ausstellung auch mit der Tatsache belegt, dass niemand sich der Einladung entzogen habe. Das ist keinesfalls so. Ich kenne persönlich einige Künstler, die sich aus dem einen oder anderen, auf jeden Fall nachvollziehbaren Grund des Projekts enthalten haben.
Ich bin dabei. Allerdings habe ich mein Audio-Statement schon vor Jahren für eine ähnliche Ausstellung in der Galerie Mueller-Roth in Stuttgart abgeleistet. Damals war das noch quasi intim und schien mir klar und schlüssig. Die Künstler der Galerie und ein paar Gäste. Damals fand ich mein Statement auch schon peinlich - genauso peinlich wie meinen eigenen Anrufbeantworter abzuhören. Also hab ich´s nie getan.
Markus | 04.01.10
@markus
Natürlich geht es Karin Sander nicht um Ausgrenzung. Im Gegenteil, es sollen ja irgendwie ALLE dabei sein und gerade ist ein zusätzlicher Grund der Schwäche dieser Arbeit.
Zunächst war die Künstlerin verwundert, dass mein Beitrag (Information über meine Arbeit zu geben) auf "isländisch", (eine Übersetzung also: was ja ein minimaler ästhetischer Eingriff ist) zu hören sein würde: Isländisch würden doch wohl nur wenige verstehen und bei ZEIGEN, sagte sie, dominiere wohl deutsch und englisch.
Hier hatte ich erstmals das Gefühl, dass die Ausgrenzung hier unbewusst verläuft, "der Markt regiert". (immerhin sind sogar 7 Isländer dabei, sind also überproportional vertreten). Dann wird wie beim Meinungsforschungsinstitut einfach behauptet: 20% aller Berliner Künstler seien in diesem Konzept vertreten. Wer hat eigentlich diese Statistik erstellt? Wurden alle anderen 566 auch persönlich angerufen und überzeugt, so wie ich? Oder doch nur die Bekannteren? Was soll daran den repräsentatitiv oder ein Querschnitt sein?
Tatsächlich geht das Konzept dieser Ausstellung vom Zentrum, von Normalität, Mehrheiten und bestehenden, gegebenen Hierarchien aus. Es wird da absolut nichts in Frage gestellt, nicht gewichtet, umplatziert oder für Irritation gesorgt. (Das es den Berliner Tageszeitungen so gut gefällt, wundert mich beim Anblick ihrer aktuellen Feuilletons nicht so, hier gibts eben keine FAZ, die sich noch gutbezahlte, sprich unabhängige Kunstkritiker leisten kann).
Gleichzeitig soll niemand ausgegrenzt werden und das wird in fast familiären Ton ständig betont.
Wenn jedoch jemand auf Ausschlüsse und auf Grenzen hinweist, wird dieser Hinweis auf "Betroffenheit betroffener Subjekte" abgewehrt: "Da ist nur jemand nicht im Mittelpunkt etc. oder mosert, weil er so kurzfristig eingeladen wurde. "(typisches Argument der inzwischen schwer neo-individualliberal geschädigten taz)."
Auf meinen Einwurf der Künstlerin gegenüber: Gehörlose verstehen zb. gar nichts bei ihrem Audio-Kunstwerk, glaubte ich, Überraschung zu vernehmen. Und fast schon befürchtete ich, nun würde hektisch irgendein DGS-Dolmetscher engagiert werden. Darum geht es aber nicht. Es geht nicht um Reinheit und Unschuld. Oder darum, alle zu berücksichtigen.
Dann wurde plötzlich behauptet, dass bewusst nur bildende Künstler und keine Musiker eingeladen worden seien. Was bin ich dann jetzt plötzlich - kein Musiker mehr ? - oder zb. Gordon Monahan? Also, das ganze Konzept stimmt einfach vorne und hinten nicht, selbst wenn es tausendmal gedreht und hingewendet wird und durch Projektion von außen die Energie, Kraft oder Substanz erhalten soll, die ihm im Innern offensichtlich gänzlich fehlt.
Was soll auch entstehen, wenn ein an der Ausstellung bzw. dem Kunstwerk beteiligter Künstler (M. Babias) auch noch Autor des Katalogtextes ist, also selbst über das Kunstwerk schreibt, indem er Bestandteil ist und die Künstlerin später öffentlich darüber interviewt? Eine Außen- und Innenansicht? Eine kritische Diskussion? Vermutlich eher irgendwann eine Einzelausstellung im NBK.
Wolfgang Müller | 04.01.10
…bei der temporären Kunsthalle handelt es sich faktisch nicht um einen „White Cube“. Ein White Cube ist nichts weiter als ein weißes Hexaeder, ergo: ein geometrischer Körper mit sechs Quadraten als Begrenzungsflächen, bei welchem Länge, Breite und Höhe im Verhältnis 1:1:1 stehen. Bei Wolfgang Müller hingegen befinden sich weder die Länge seines des textuellen Outputs, noch die Breite seiner Einlassungen, noch die Höhe seines Erkenntnisstandes in einem entsprechenden Verhältnis.
Anton | 05.01.10