Gastbeitrag | Kritik
Corinne Wasmuth´s Weg ins Reich der Zwischenwelten – Ein One Way Trip
Gastbeitrag von Ille von Rott zu Schreckenstein
Ich mach mich auf den Weg durchs verschneite Berlin in Richtung Zehlendorf. Mein Ziel ist die Ausstellung „Supracity“ von Corinne Wasmuth im Haus am Waldsee. Die 1964 geborene Künstlerin, soll zu den einflussreichsten Malerinnen Ihrer Generation in Deutschland gehören. Begriffe wie „unzeitgemäße Langsamkeit“ oder „traumgleiche Tiefenräume“ oder „Ölgemälde in altmeisterlicher Manier“, schwirren durch meinen Kopf und machen mich mehr als neugierig.
Ich betrete das Haus und werde sogleich von einer Wand von Kritiken zu der Ausstellung in Empfang genommen. Super! Freue mich. Alle die hier hängen, schreiben in den höchsten Tönen, bezaubernde Sätze. Superlative! So auch Katja Blomberg, die Kuratorin der Ausstellung: „Man kann sich ihnen kaum entziehen, diesen Farbchoreografien und bühnenhaften Tiefenräumen. Zu unmittelbar entfalten sie ihren hypnotischen Sog, ziehen einen in imaginäre Tunnel, über rasende Autobahnen, in Kristalllandschaften fremder Planeten. Und sie zwingen zum Innehalten, so wie die Bilder selber ein Innehalten sind und zu Momentaufnahmen ferner und doch so naher Sehnsuchtsorte werden.“
Ich falle auf die Knie!
Die Spannung steigt. Ich gehe weiter in den ersten Raum, schau mich um und ….atme tief durch. Ich bin entsetzt! Wie kann man den Besucher nur so langweilig empfangen. Wie kann man eine Ausstellung, unabhängig von der Qualität der Bilder, nur so langweilig präsentieren und inszenieren?
WIE KANN MAN so über die Bilder schreiben und im gleichen Atmenzug sich so disqualifizieren.
Jede Wand ein Bild. Es sind großformatige Arbeiten. Die solitäre Hängung bekommt ihnen aber nicht. Sie wirken wie vergessen. In Erinnerung an die Lobeshymnen frage ich mich, ob ich die gleichen Arbeiten sehe, die draußen besprochen wurden. Ein Gedankenaustausch, der sich zu entwickeln anbietet, beim Betrachten von Kunst, ist hier nicht geglückt. Diese Kunst ist statisch und isoliert. Die Hängung, die ganze Aura der Räume, ein Verweigerungsakt.
Ich versuche mir die Vorfreude zurückzuholen und suche nach den „traumgleichen Tiefenräumen“, nach den „atemstockenden Momenten“ und der Lust in das Geschehen der Bilderwelten Corinne Wasmuth´s einzusteigen.
Ich sehe nichts dergleichen. Zumindest nicht das was mir so schmackhaft kredenzt werden soll. Jedoch möchte ich kein Spielverderber sein und gebe zu, dass die Arbeiten aus der Ferne betrachtet eindrücklich sind. Doch sie halten nicht stand. Das Auge, ein Meister im Entdecken, gibt sich nicht so schnell zufrieden. Es wandert über die Fläche auf der Suche nach den viel beschworenen Tiefen. Doch der Blick führt ins Leere.
Nichts bleibt übrig von den Versprechungen. Nichts wird einem so wirklich erzählt. Bei Nahbetrachtung löst sich dann alles auf. Wo sind die Schichten? Wo ist die altmeisterliche Manier des Malens? Oder geben wir uns heute wirklich allein damit schon zufrieden, dass auf Holz und in Öl gemalt wird, schon altmeisterlich ist? Oder, dass die Künstlerin nur 5 Bilder im Jahr produziert. Sind das schon Qualitätskriterien? Aber bleiben wir beim Bild. Wo bitteschön ist das Flirren unserer Zeit? Wo macht sich eine Tür auf, um in den Kopf dieser Künstlerin zu steigen? Und wo sind die, in allen Artikeln beschworenen Tiefenräume? Wo?
„Zwischen jenem Bild des ersten Eindrucks – erläutert Croce – und dem vollendeten, in allen Einzelheiten genau umrissenen Bild, läuft der ganze künstlerische Prozess ab. Fehlt jedoch jener erste harmonische Gesamtakkord, so werden Ausführung und Vollendung, so bedeutend sie auch sein mögen, niemals dazu gelangen, uns innerlich zu bewegen“.
Ich überlege, wo die Minen gelegt wurden, die es mir so schwer machen, Zugang zu den Arbeiten zu bekommen.
Corinne Wasmuth erzählt in einem Beitrag über ihre Ausstellung mit dem DeutchlandRadio Kultur, welche Bilder es sind, die ihre Bilder machen: „……mir ist mal aufgefallen, dass es so vergleichbar ist, wenn man kurz vor dem Einschlafen ist und dann hat man so Bilderkaskaden, so Bildfetzen, wo man auf einmal so komische Lichter oder Gesichter oder eine Person in der U-Bahn gegenüber, also so…. Und das vermischt sich, auch die Dimensionen: gelbe Herbstbäume wachsen auf Sand, so komische symbolische Sachen, dann denkt man, hä wie geht das denn! Es ist nicht so, dass ich mich dann hinsetze und sage, ich mal das jetzt, weil das so schön ist. Mir ist nur aufgefallen, dass diese parallele Welt die man hat, die aus dem Unterbewusstsein kommt, die hat viel mit meinen Bildern zu tun.“
Das Ausführen eines Bildes und das Vollenden dessen, bedeutet eine innere Annäherung an den Gegenstand, wie hier z.B. die Traumsequenzen. Die Kunst
verdeutlicht und festigt dies. Sie belebt und fixiert es außerhalb des Körpers des Künstlers, was wie ein blendender Strahl ins Auge gedrungen ist.
Diese parallelen Lebenswelten, begegnen uns in Corinne Wasmuth´s Bildern, jedoch nicht so gleißend wie wir es uns wünschen würden. Sie bleiben eindimensional und haften an der Oberfläche. Statt der Figuren und Großstadtdurcheinander sieht man eine Menge flacher bunter Flecken von wabernder Schemenhaftigkeit und einheitlicher Färbung, zeitweise aufgerüttelt von, im Sprachjargon zu findende Bezeichnung der Telekomfarben: Also Farben ohne Farbe zu sein, die unverbunden und ungeordnet neben- und übereinander in der vordersten Schicht des Bildes zu liegen scheinen.
Ich betrete die zweite Etage, mache aber kurz danach kehrt. Auf der Heimfahrt frage ich mich, auf welche der Minen bin ich nun getreten? Die erste Mine: die Kritiken (selbstgefällig, einsilbig und wenig nachfragend). Die zweite Mine: die Ausstellungsarchitektur (im Besonderen, die nicht vorhandene). Die dritte Mine: die Bilder selbst (Leidenschaftslos).
Gastbeitrag, 12.02.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Supi Text: Nicht nur lustig, sondern WAHR. Wer hätte nicht schon an der Sensibilität der eigenen Wahrnehmungs gezweifelt, wenn sich trotz lyrischster Schilderung und verwegendstem theoretischen Überbau keine Euphorie einstellen will?
Das Erklärungsmodell der Autorin aber tröstet mich, indem es meine monokausale Ursachenanalyse ("ich doof") durch den Hinweis auf das Zusammenspiel dreier Gründe ersetzt.
Danke.
CharLi | 16.02.10