Charlotte Lindenberg | Essay
Der Zwiebel Kern
Das Wesen im Ding in Frankfurt

Andreas Wegner, Le Grand Magasin, 2010, Installation mit diversen Materialien, Detail, Foto CL.
Erkenntnistheoretisch hmm.
"Die Welt – so könnte man radikal verkürzend sagen – besteht aus zweierlei: lebende Wesen und leblose Dinge", findet der Einführungsvortrag. Angesichts dieser in der Tat ziemlich radikalen Ultrakurzthese würden konstruktivistisch Gesonnene nach Luft schnappen. Doch immerhin hatte der Verfasser vor radikaler Verkürzung gewarnt. War ja schließlich nur die Headline für den Text zu einer Ausstellung, die vom Innen und Außen der Materie handelt.
Insofern geht es weniger um die traditionsreiche Behandlung der Problematik von Subjekt und Objekt als vielmehr um das Objekt mit dem ihm innewohnenden Subjekt: seinem Wesen.
Welches Wesen? Wesen haben Wesen, wohingegen Sachen per definitionem keins haben.
Echt nich? Wer sich über animistische Verirrungen erhaben glaubt, möge überschlagen, wie oft wir mit unseren ach so wesenlosen "Objekten" SPRECHEN ("du mich auch!") – ihnen drohen ("Depp, lass das. Mach hinne oder ich zieh 'n Stecker!") oder ihnen unter Aufbietung sämtlicher Beschwatzungskunst Deals vorschlagen ("Och komm, bitte! Nur einmal noch! Dafür fahr ich dich morgen auch in die Waschanlage!")
Soviel zum Thema leblos.
Diese Grauzone zwischen dem Wissen, dass menschlich Geschaffenem kein Leben eignet, und dem uns zuweilen beschleichenden Zweifel, dass es das wohlmöglich doch tut, beleuchtet - im wahrsten Sinn des Wortes – die Ausstellung "Das Wesen im Ding". Doch geht es nicht um kindliche Fantasien hinsichtlich eigenwilliger Objekte und andere Formen der Dingmagie, sondern um die Suche nach dem "Eigentlichen" – um den Wunsch, imn Artifiziellen Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.
"Is ja gut jetzt",
denke ich beim Betreten des Foyers. Schreiben würd ich sowas natürlich nie, aber denken schon – hört ja niemand. Denn das Empfangkomittee bildet eine fast vertraute Ansammlung von Klimbim – genauer: qualitativ anbetungswürdigen Gebrauchsgegenständen aus genossenschafltich arbeitenden Betrieben. Andreas Wegners materialisierter Glaube an das Gute im Ding hatte diese Zone im Eingangsbereich bereits anlässlich der vorigen Ausstellung gefüllt (siehe unter November 09 im Archiv dieses Blogs "Bilder vom Künstler"). Einen Monat später sind die mehr oder weniger zweckdienlichen mehr oder weniger Gebrauchsgegenstände auf einem dreieckigen Plateau in Augenhöge arrangiert. Und diese Darreichungsform stellt tatsächlich eine Steigerung dar, denn beim Abschreiten der Parade verschieben sich die, die ... an dieser Stelle erspare ich uns eine verbale Aufzählung zugunsten einer optischen:
Andreas Wegner, Le Grand Magasin, 2010, Frankfurter Kunstverein, Installation mit verschiedenen Materialien, Detail, Courtesy the artist and several cooperatives, Foto CL.
... also sie verschieben sich so, dass ständig eins hinter dem anderen hervor- und zurücktritt und sich spaßige Paarungen ergeben.
Erstaunlicherweise lässt die Kenntnis die wirtschaftspolitisch vorbildlichen Herstellung die inneren Werte der eher unscheinbaren Produkte durch ihre - sagen wir mal - unaufgeregte Erscheinung hindurchleuchten. So erstrahlen die zurückhaltend gestalteten Träger nicht immer erkennbarer Funktionen im informationsgesättigten Glanz ihres ethisch und ökologisch konsequenten Hintergrundes. Verständlicher ausgedrückt: "Wissen lässt okayer aussehen." (Kommentar während einer Führung).
Während die Form der von Wegner vertriebenen Waren mehrheitlich der Funktion folgt, wüted ein Stockwerk höher der vergegenständliche Irrwitz. Der Name der Abteilung "Museum der Dinge" bezieht sich auf die gleichnamige Berliner Sammlung des Deutschen Werkbunds, einer 1907 gegründeten Vereinigung "zur Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk" (von der Homepage des Werkbunds). Dementsprechend überwiegt dort edle Schlichtheit, derzufolge eine Tasse nichts außer ihrer "Tassenhaftigkeit" (Kommentar während einer Führung) behauptet.

Das Museum der Dinge, Frankfurter Kunstverein, Installation mit verschiedenen Materialien, Detail, Foto CL.
Ganz anders dagegen der Inhalt der zwei Jahre später (1909) in Stuttgart eingerichteten "Abteilung der Geschmackverirrungen". Diesem Fundus sind die nun nach Frankfurt geladenen Pinguine und aus Granit gemeißelte Gießkannen entsprungen, deren Gemeinsamkeit in ihrem Credo besteht: "Ich bin hässlich, aber praktisch."
Diese Ausgeburten entfesselter Designerhirne sehen so ziemlich allem ähnlich außer ihrem Wesen, so dass ihre Funktion – überlebensnotwendige Kulturtechniken wie etwa das Erfassen von Likörgläsern und Kaviar – nur mit überdurchschnittlichem Vorstellungsvermögen geahnt werden kann.
Krippenspiel mit Morchel
Nachhaltig verunsichert von Ufos, die unaufgefordert ihre wahre Natur offenbaren ("ätsch, ich bin eine Höhensonne"), stößt man im nächsten Raum auf wohltuend neue Sachlichkeit. Bei Florian Haas, gelernter Mykologe, der auch mit Installation und Performance auffällt, ist endlich wieder drin, was draufsteht: Zapfenrübling, Weißmilchender Kelchbecherling und Bovist lauten die Titel der Gemälde, auf denen Zapfenrüblinge, Weißmilchende Kelchbecherlinge und Boviste zu erkennen sind. Minutiös dokumentiert und kontrastreich inszeniert, sind Haas' Pilze stets mykologisch wasserdicht wiedergegeben.
Ja, aber. Wo manifestiert sich nun das Wesen des Kahlen Kremplings? Wo die Hallimaschigkeit des Hallimaschs? Das Spiel mit Schein und Sein entsteht durch Haas' mehrdeutigen Einsatz der naturgetreu abgepinselten Un-Menschen: Titel wie Michelangelo oder Albert Speer zum 70. Geburtstag haben keineswegs zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Heiratsantrag, Angefressen und Im besten Alter lassen Hintergedanken ahnen, und Maria oder Stern von Bethlehem stellen ganze Personengruppen dar, wie beispielsweise die Geburt Jesu.

Florian Haas, Stern über Bethlehem, 2008, Öl auf Leinwand 45,5 x 60,5 cm, Courtesy the artist and Galerie Heike Strelow, Frankfurt a.M., Foto CL.
Stoned
Ingsamt 128 Passepartout gesäumte Aufnahmen von drei Gegenständen, die schlichte Gemüter als "Stein" identifizieren würden, verteilen sich über Schautafeln von der Sorte, wie sie normalerweise in eher verdunkelten als erleuchteten Räumen illuminierte Handschriften in fließendem Latein präsentieren. Ebenso wie man in solchen Stätten der Hochkultur nach den ersten Buchstaben feststellt, dass diese Lektüre kenntnisreichere Rezeption erfordert und daraufhin den Blick noch einmal großzügig schweifen lässt, bevor man ihn Abwechslungsreicherem zuwendet, bemerkt man auch angesichts von Till Krauses Serie Element für eine künstliche Natur (1998), dass hier mehr Freude am feinen Unterschied gefordert als vorhanden ist. Ursache für die 128-fache Anwesenheit des von allen Seiten fotografierten Gegenstandes ist die Tatsache, dass es sich um drei synthetisch erzeugte und von Hand modellierte Möchtegern-Steine handelt. Also nix Heart of Stone.
Apropos "alles Lüge": In klassischer Manier arrangiert Bettina Lauck klassische Protagonisten klassischer Stilleben zu klassischen Metaphern der menschlichen Existenz. Nicht nur inhaltlich gemahnen Früchte, Blüten und mausetote Mäuse an die pädagogisch wertvollen Stilleben des Barock, die Todsünden und Vergänglichkeit in malerischer Pracht in Grund und Boden verdammten. Auch Laucks caravaggeske Lichtdramaturgie lenkt den Blick mit der Autorität von Spotlights aufs Geschehen – und damit auf die subtilen Unstimmigkeiten, die die Fotos als Produkte ihrer von Glaubensverlust und Ironie geprägten Zeit ausweisen: Zwischen scheinbar wildwüchsige Beeren hat sich eine Staniolkugel verirrt, neben in kosmischem Dunkel schwebenden leuchtenden Himmelskörpern liegt ein scheinbar übersehenes aber nicht zu übersehendes Kabel. Will sagen: Hier ist nichts gewachsen, sondern alles gebaut.
Musthave oder Teufelswerk?
Die zeitgenössische Datierung vermeintlich zeitloser Stilleben setzt sich bei Egill Sæbjörnssons Arrangements aus Requisiten der Stillebenmalerei fort, wie sie traditionell als Mal- und Zeichenmodelle Verwendung finden. Doch auch hier hat sich zwischen morandiförmige Gefäße und geometrische Körper eine dieser Spielfiguren verirrt, die bei ihrer Zielgruppe Habenwollen-Reflexe und bei ihren Eltern Gedanken an den Untergang des Abendlandes auslöst.
Ja, und? Bezug zum Thema? Ist das glubschäugige Plastiktier jetzt das "Wesen" der Stillebens? Nicht wirklich. Eher scheint es wie die Leugnung jeglichen Wesens. Denn beleuchtet von bunten Scheinwerfern ändern die weißgestrichenen Stilleben-Elemente ständig die Farbe, und durch die wandernden Schatten auch die Form – eine Veranschaulichung von Kontextabhängigkeit und damit Unverbindlichkeit der Wahrnehmung.

Egill Sæbjörnsson Kugeln, 2008, Frankfurter Kunstverein, Installation mit verschiedenen Objekten, Courtesy the artist, i8 Gallery Reykjavik and Gallery Grusenmeyer, Deurle, Foto CL.
Das Zusammenwirken optischer und materieller Phänomene spielt Sæbjörnsson in mehreren Arbeiten durch, wenn er etwa durch rhythmisch getaktetes Licht in diversen Einfallwinkeln psychedelische Farbspiele flackern lässt, die Betrachtende sogleich in den Andachtsmodus versetzen. Fertig gestaunt, entdeckt man als Quelle der erhabenen Schönheit von Punktstrahlern durchleuchtete Putzeimer aus halbtransparentem Kunststoff.
Endgültig erdfern geht es auf der Stirnseite des galaktisch finsteren Sæbjörnsson-Raums zu, wo meteoritenähnliche Riesenbrösel feierliche Kreise ziehen. Der 3 D-Effekt tritt hier ohne Brille und höchst überzeugend ein. Allein in den Intervallen, da kurzzeitig das Licht ausgeht, werden Haufen geknüllten Papiers sichtbar, die den auf sie projizierten Bildern Körperlichkeit verleihen. Auch hier erweist sich das Wesen des Kosmos als recht bodenständig.
Coming out
Das Offenlegen der Struktur, wie es sämtliche Künste in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts praktizierten, verbindet auch Nina Canells elektrifizierte Anordnungen. Hier dient Materie dazu, elementare Phänomene wie Licht, Wärme, Luft und Gravitation sichtbar zu machen. Ein Knochen stützt eine Leuchtstoffröhre und erfüllt somit die Funktion allen Gebeins, das schließlich ebenfalls energiegeladene Körper aufrechthält. Anzeigenadeln machen die dem menschlichen Ohr verborgene hochfrequenten Schwingungen ebenso anschaulich, wie der Blindenstock seinem Benutzer das Unsichtbare vermittelt, Nebelmaschine in Blubberwasser mit Mikrofon und Verstärker zeugen vom Wirken hochfrequenter Strahlen und schwebende Bälle vom Aufeinandertreffen gleichpoliger Magnete.
Während Canell das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung gleichzeitig inszeniert und präsentiert, und so das Wesen der Phänomene als Zusammenschaltung verschiedener Apparaturen sichtbar macht, demonstriert die Fotografin Yoon Jean Lee die Vielfalt der vermeintlich einzig wahren Natur. Ohne Manipulation des Vorgefundenen, allein durch Konzentration auf Übersehenes, verfremden Lees Detailansichten vertraute Interieurs. Auch diese auf den ersten Blick beliebigen Anblicke leben von der Störung innerhalb der altmeisterlichen Komposition. Formale Entsprechungen zwischen gedrechselten Tischbeinen und verdrehtem Telefonkabel ähneln schon beinahe Jeff Walls ausgeklügelten Kompositionen. Doch ins Bild ragende Fremdkörper wecken uns aus der Selbstvergessenheit, in der wir gerade den vertrauten aber unbewussten Dialog mit dem Ding beginnen, und erinnern daran, dass wir kein Sofa vor uns haben sondern einen C-Print. Nur widerwillig zur Raison gerufen, versenken wir uns gleich wieder in die Betrachtung der vergrößerten Kleinigkeiten, tauchen hartnäckig ein in die Dingwelt, vergessen Ausstellung und Zusammenhang und entziffern schwer lesbare Buchrücken auf einem fotografierten Regal. Erst das Fragment eines jener Titel reißt uns unsanft aus der Versenkung: "...uchamp". Das war doch der mit der Kontextabhängigkeit von Alltagsobjekten, oder? Der immer so Zeug ausgestellt hat, das kein Wesen hatte, aber im musealen Umfeld zu einem solchen gemacht wurde ...
"Das Wesen im Ding / The Inner Life of Things, bis 25. April 10, Kunstverein Frankfurt
Charlotte Lindenberg, 14.02.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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