Gastbeitrag | Kritik

Martin Waldes „Unken“ im Marta Herford

Gastbeitrag von Rüdiger Oberschür

Die Ausstellung des Wiener Künstlers ist ein Teil des Ausstellungs-Triptychons „A Second Home for Schrödingers Cat“ und ein synästhetisches Erlebnis zugleich - Zweitausstellung „Ich weiß gar nicht, was Kunst ist“

Unken – eines von jenen schönen Wörtern, das einem unmittelbar die Urtümlichkeiten der deutschen Sprache offenbart. Ob Lurch und Frosch oder die dunklen Prophezeiungen der Unkenrufe – Martin Walde macht aus dem Wort für das Marta Herford nicht nur den Titel seiner bisher größten Einzelausstellung, sondern den Vorhang eines magischen Zauberwaldes. Sich dem oder den „Unken“ auszusetzen, heißt eintreten in einen rhizomatischen Kosmos, in dem Videos, Installationen, Zeichnungen und Objekte wie durch unsichtbare Mangroven oder Lianen verbunden scheinen.

Berühren, anfassen, verändern

Schon vorm Eingangsbereich thematisiert die Installation „PINO-INO“ aus Holzresten in Anspielung auf Carlo Collodis „Pinocchio“ den Recycling-Gedanken. Der Besucher kann Teile davon erwerben und – nach der Vorstellung des Künstlers - am besten zu einem neuen Möbelstück verarbeiten. Damit ist gleich zu Beginn eine zentrale Ebene dieser bemerkenswerten Ausstellung gesetzt: Interaktion. Berühren, anfassen, verändern, gestalten – ist eine immer wiederkehrende Aufforderung an die Museumsbesucher. Schon neben der Garderobe dient das Video „Styromouse“ von 1998, worin Finger in Nahaufnahme Styropor zerkrümeln, als regelrechte Aufforderung. Im ersten Ausstellungssaal findet man dann eine hohe Styroporwand, in der man sich grafisch verewigen kann, sogar soll. „Eden Springs“ hat Walde die um einen Wasserspender ergänzte Arbeit genannt. Viele Besucher haben die Plastikbecher des Spenders in Aushöhlungen im Styropor gesteckt oder einfach Grußbotschaften hinterlassen. Den größeren Effekt erzielt die Wand allerdings durch ihren Eingriff in die Innenarchitektur. Im ersten Moment erkennt man den Raum, wo zuletzt Teile der Ausstellung „Pittoresk“ neue Perspektiven auf das Landschaftsbild eröffneten, kaum wieder und wird allein auf seine enorme Höhe gestoßen. Die unterstreicht Walde noch mit Kalenderblättern einer bereits fernen Zukunft, die von oben hinab auf den Boden segeln.

Bälle wie Ready mades

Aufforderungen zum Mitmachen gibt es auch im nächsten Raum, wo mit der Arbeit „Ball-Turn-Bag“ Football- und Basektbälle (allerdings nur am Wochenende) zur Umarbeitung in Handtaschen bereitliegen. Walde versteht die, Duchamps Ready-made-Idee nahe stehenden Bälle, als Sinnbild für Warenzirkulation: „Amerikaner würden sagen ‚Ah, that’s an American football!’, dann gehen sie hin und sagen: ‚Oh, no, it’s a basketball.“ Und ich sage: ‚Es ist eine Tasche’. Ich nenne es aber eher ein Reservoir. Ich komme aus einer Kaufmannsfamilie, die immer produziert hat. Und für mich was immer wichtig, dass ich in meiner Arbeit so etwas wie einen Kreislauf aufrechterhalte.“

Charme des Mysteriösen

Einen Raum weiter kann man die Dornröschen-Adaption „Sleeping Beauty / Fridge Rose“ von 2002 sogar anrufen. Inmitten eines Drahtwirrwarrs voller Rosenblüten aus Käsewachs hängt ein Mobiltelefon, das manchmal sogar klingelt. Nur: stört es, und wenn ja, wen? Darf man rangehen oder nicht? Mit der amorphen Drahtkonstruktion erweitert Walde nicht nur eindrucksvoll den Skulpturbegriff, sondern spielt auch humorvoll mit den Museumskonventionen.

Die Arbeit transportiert dabei ebenso den Charme des Mysteriösen wie das unüberhörbare Maunzen der Arbeit „Key Spirit“: Die Installation besteht aus zwei Türen und verbindet geschickt zwei der vier Ausstellungsräume. Jeweils vor den Türen liegt ein Haufen Schlüssel. Schnell versteht man den Zusammenhang von Miauen und verschlossenem Raum. Für Walde ist die Tür ein leitmotivischer Gegenstand, den er schon vielfach bis in labyrinthische variiert hat. Mit den Türen von „Key Spirit“ schließt er aber „Unken“ aber vor allem an das Ausstellungs-Triptychon „A Second Home for Schrödinger’s Cat“ im ZKM Karlsruhe und der Neuen Galerie Graz an. Die Katzengeräusche hinter der Tür beziehen sich das Gedankenexperiment des Österreichischen Physikers Erwin Schrödinger (1887-1961), wonach ein zusammen eingesperrter Atomkern und ein Katze, für einen gewissen Zeitraum ebenso zerfallen wie tot und nicht zerfallen und lebendig sein können. Walde macht daraus eine spannende Frage von Gleichzeitigkeit und Ungenauigkeit eines Zustands, die die Neugier des Betrachters und Zuhörers unaufhörlich weckt.

Haptisch, akustisch, visuell

Ziemlich spektakulär endet die „Unken“-Dramaturgie: Wenn Walde mit dem Reptilien-Video „Frog Chorus“ in einem Nebenraum oder dem Video „Red Glove“ schon bizarre Lichtungen seines Zauberwaldes etabliert hat, präsentiert er dem Ausstellungsbesucher in „Concoctions / Blurrping“ (1996) eine überaus beeindruckende Rauminstallation. Auf fünf großflächigen Videoprojektionen und in drei halb aufgeschnittenen Plastikcontainern blubbert, schäumt und zischt nur so. Zunächst ist die Installation eine Anspielung auf Problemflüssigkeiten und Chemikalien. „Für jeden Container habe ich eine andere Rezeptur erarbeitet. Über die Materialität hinaus geht es dabei auch um den Klang: Eine der Mixturen produziert große Blasen, die an der der Oberfläche mit rülpsenden Geräuschen platzen, eine andere spuckt mit schmatzenden Geräuschen Schleimstücke hoch“, erklärt Walde selbst.

Die Ausstellung schließt in voller Konsequenz als synästhetisches Erlebnis. Nach 30 Exponaten, die viel mehr Stationen eines eindrücklichen Parcours als allein stehende Werke sind, hat Walde einem gezeigt wie problemlos eine Ausstellung haptisch, akustisch und visuell erlebbar sein kann und gleichzeitig als permanentes Eröffnen von Perspektiven und Zusammenhängen, die niemals plakativ oder eindimensional daherkommen, funktioniert. Die Erweiterung des Skulpturbegriffs bei Arbeiten wie „Sleeping Beauty“ oder „Concoctions/Blurrping“

Wer Augen, Ohren und Kopf dann noch nicht voll hat, kann in der zweiten aktuellen Ausstellung im Marta namens „Ich weiß gar nicht, was Kunst ist“ Einblicke in eine bislang unbekannte Privatsammlung erhaschen. Darunter sind meist klein, aber auch einige großformatige Bilder sowie Fotografien von Herbert Brandl, Marcel Broodthaers, Jessica Diamond, Marlene Dumas, Joseph Beuys, Jan Fabre, Thomas Ruff, Andy Warhol, Bruce Nauman, David Hockney, noch mal Martin Walde und vielen anderen.


Martin Walde - Unken
MARTa Herford
30. Januar - 18. April 2010

und

"Ich weiß gar nicht, was Kunst ist"
Einblicke in eine private Sammlung
30. Januar - 18. April 2010

Gastbeitrag, 22.02.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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