Markus Wirthmann | Kritik

BILD Dir Deinen Kunstverein

Hamburger Kunstverein - der echt alte* - auf Kuschelkurs mit Street-Art und Springer-Presse.

Stefan Marx
19. Dezember 2009 - 28. November 2010
im Foyer und

Uns Hamburg
27. März - 24. Mai 2010
Der Kunstverein, seit 1817. Hamburg

Seit langem war ich mal wieder in Hamburg und seit noch viel längerer Zeit habe ich eine Eröffnung im Kunstverein miterlebt. Machte ´nen merkwürdig gestrigen Eindruck, der Verein.

*Eine der ersten Amtshandlungen Florian Waldvogels, als er letztes Jahr die Leitung des Kunstvereins in Hamburg antrat, so erzählen mir Freunde, war die Neu- bzw. Wieder-Alt-Benennung des Kunstvereins durch den Zusatz „seit 1817“. Ne olle Kamelle also, der Hamburger hat sich schon daran gewöhnt - aber wie gesagt komme ich ja nicht so oft an den Hafen. Mit so ´ner Umbenennung wird gleich mal den Vorgängern ans Bein gepinkelt und die eigene Duftmarke hinterlassen. Riecht hier aber muffig wie von 1817.

Seit 2010: Street-Art im Foyer - echt schlecht und echt nicht witzig - inklusive aktuellem Kultur-Politik-Bezug: Die Elbphilharmonie als Sponge-Bobs Großmutter.

Seit 1950: Etwas über tausend Fotos aus der hamburgischen Geschichte. Der Main-Act im ersten Stock. Trocken systematisch, nach Entstehungsort und Sujet sortiert, auf Hartfaserplatte gepinnt. Das mobile Stellagensystem scheint für den Mehrfacheinsatz konzipiert zu sein und verströmt die spröde Eleganz eines Aktenlagers. Man kann den Lageristenschweiß fast riechen; alle Durchgänge gabelstaplerbreit. Die Ausstellung zertifiziert nach ISO wasweißich - Fluchtwege nicht verstellen!

Auf den Fotos Markierungen und manchmal Kritzeleien in rot, deutliche Bearbeitungsspuren. Diese heimatkundliche Fotoschau stammt komplett aus dem BILDarchiv der Springer Presse und trägt die Arbeitsspuren aus vorelektronischer Zeit. Alle Fotos waren sämtlichst Material der BILD-Zeitung, Regionalausgabe Hamburg. Diesem Konvulut soll hier anscheinend der Beelzebub BILD aus- und die Kunst eingetrieben werden.

Vom Kunstverein erfahren wir über Art und Qualität des Materials folgendes:

„Es sind Reportagefotografien, die scheinbar beiläufig aus der Sicht der Passanten aufgenommen wurden. Die Fotografen stellen sich mit ihren Kameras nicht über das Geschehen.
Die Fotos sind die Zeugnisse von Beteiligten. Darin liegt ihre künstlerische Stärke. Sie sind aus der aktuellen Situation heraus entstanden, sie sind nicht gestellt oder von langer Hand vorbereitet.“

So viel gequirlten Blödsinn in vier Sätze zu packen, ist nicht so einfach. Ja, es handelt sich komplett um professionelle, von BILD-Reportern aufgenommene Reportagefotografien - und die sind nur SCHEINBAR beiläufig entstanden, wie hier sehr richtig angemerkt wird, denn die Leutchen waren am Ort des Geschehens NICHT zufällig sondern aus gutem, nämlich beruflichem Grund! Und: Neineinein, die Reporter stellen sich auf keinen Fall ÜBER das Geschehen, sie sind nämlich von der BILD-Zeitung, und da ist man ja immer mitten drin - aber auch immer auf der rechten Seite - egal ob bei der Demo oder im Hundesalon. Auch richtig ist, dass die Fotos von BETEILIGTEN stammen. Hier mag es sich um eine Freudsche Fehlleistung handeln oder um die Naivität des Kunstverein-Autors. Ich dachte bisher, der Pressefotograf sei qua Berufsethos eher unbeteiligt am Geschehen - aber bei einem BILD-Reporter mag das ja anders sein, und ob darin die künstlerische Stärke liegt, wage ich zu bezweifeln. Klar, es gibt einige sehr gelungene Aufnahmen, aber das meiste ist banal und liefert zumindest in dieser zertifizierungsreifen Präsentation maximal Zeitkolorit, sentimentales Zucken und ein staubiges Gefühl auf der Zunge.

Das alles ist absoluter Bullshit und läuft geradewegs in Richtung Geschichtsfälschung. Der Versuch einer Teufelsaustreibung durch Entkontextualisierung des Bilmaterials geht völlig daneben. Man kann es kaum fassen, die BILD-Zeitung stilisiert sich mittlerweile selbst zur Kunstversteher-Postille, so geschehen in der Ausstellung 60 Jahre, 60 Werke, und der Leiter eines großen (und alten) deutschen Kunstvereins veredelt das Bildmaterial des Blattes posthum zur künstlerischen Hochleistung.

„Medienpartner der Ausstellung: BILD-Hamburg. Mit freundlicher Unterstützung von ullstein bild.“

Markus Wirthmann, 29.03.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

ja, der yilmaz d. war irgendwie besser. das wirkt doch alles etwas planlos, als hätte jankowski ihn da hingesetzt für ein neues video.

hhday | 29.03.10

 

Naja, Florian Waldvogels Auftreten halte ich sowieso für diskussionswürdig (Stichwort: Exklusiv-Dinner mit Mitgliedern, ADKV ist Scheisse, etc...). Wirkt sich das jetzt auch auf die kuratorische Arbeit aus?

CVC | 30.03.10

 

ach, lieber herr wirthmann,

ich glaube in so einem fall tut man besser daran, seine zeit und seinen geist nicht mit dem schreiben einer ernsthaften kritik zu vertun. natürlich denkt der kurator, er sei ein künstler, und als solcher erklärt er die BILD-zeitung zum kunstwerk, so a la ready-made. super idee! super provokation! gähn!

leute wie waldvolgel -- inclusive des allmächtigen vorstandsvorsitzenden -- haben das gefühl dafür verloren, dass das, was sie tun eine bedeutung hat, die politisch ist. die denken, sie sind post-politisch und meinen, sich von der BILD-zeitung ficken zu lassen, sei besonders cool: sollen doch die ewig nölenden kritiker sich wieder das maul zerreissen; wir stehen drüber, kippen uns einen hinter die binde und ziehen eine line rein.

das einzige, wofür sich diese ausstellung wirklich eignet, ist daran abzulesen, wie abgefuckt der kunstbetrieb, insbesondere der hamburger kunstverein ist -- aber das wussten wir vorher auch schon.

AH
p.s. bin schon gespannt darauf, wie die ganzen vasallen von falckenberg sich bemühen werden, die ausstellung als besonders gelungen zu "kritisieren".

annegreth | 30.03.10

 

Ach Markus, wusstest Du denn nicht, dass Harald Falckenberg der Vereinsvorsitzende des Hamburger Kunstvereins ist und die 60 Jahre 60 Werke Ausstellung ganz grossartig fand? Die Hamburger und BILD, die sind doch wie Bruder und Schwester.

Konstantin Schneider | 31.03.10

 

Annegreth spricht die reine Wahrheit, lieber herr wirthmann, zumal seit Jahren Hinz und Kunz "auf Kuschelkurs" mit der Blödzeitung sind. Trotzdem interessanter Text - besonders die Erwähnung der a bit too "embedded journalists" (=Beteiligten) und die beiden Fotos von der diskreten Begrüßungswand.
Aber wahrlich, ich sage euch: Das is erst der Anfang
(unk unk).

CharLi | 31.03.10

 

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