Esther Ernst | wo ich war

DAS GOLDENE KLEEBLATT - FOR THE USE OF THOSE WHO SEE - GEMÄLDEGALERIE BERLIN - VON WULFEN AMELIE - WILSON ROBERT - WASMUTH CORNINNE - SELECTED ARTISTS 2009 - AUF DER MAUR STEFAN

 

DAS GOLDENE KLEEBLATT
Tina Z’Rotz, Lex Vögtli, Monika Dillier, Nele Stecher
Kasko, Basel
+"Vier befreundete Künstlerpositionen werden im Raum vereinigt und als Ausstellung gezeigt. In jeder Ecke eine Einzelausstellung." Und das Schöne ist, dass es eben nicht nach schnell-schnell-Kunsthochschulgruppenausstellung ausschaut. Vielmehr nimmt man die Freude und die Ungezwungenheit von den vier Künstlerinnen, mit der sie diese Ausstellung realisieren, wahr. Die Arbeiten haben streng genommen nichts miteinander zu tun und das ist auch entspannt. Besser es bleibt bei der Lust eine feine Freundinnen Ausstellung zu machen, als dass dann noch ein Rattenschwanz an Konzept oder, noch schlimmer, Bla-Bla-Theorie hinterher hinkt.
Schön präsentierte Skulpturen von Tina Z’Rot (Materialobjekte (ein aus Sägespänen geformtes Stück Ast, geschnitzte Holzbordüren in Baumstämmen) auf Sprühpunkt auf Wand und Boden), und mir war auch gar nicht so klar, dass die Zeichnungen von Monika Dillier so nahe an denen von Martina Gmür sind.

 

FOR THE USE OF THOSE WHO SEE
Kunstwerke, Berlin
+ feine, kleine Ausstellung mit einem unglaublich einfachen aber imposanten 16-mm Film von Javier Téllez "Letter on the Blind, For the Use of Those Who See". Téllez lud sechs blinde New Yorker zum Berühren eines lebenden Elefanten ein. Ein karger Betonplatz, ein riesiges aber gutmütiges Tier, eine Tierpflegerin, ein Bänkchen auf dem sechs blinde Menschen sitzen und Téllez, der ihre Empfindungen zurückhaltend dokumentiert. Diese sind aufgeregt, machen seltsame Geräusche, erzählen was sie ertasten und riechen, und lassen uns teilhaben an Wahrnehmung und Gedankengängen und zwar ganz ohne Kitsch. Toll. Und ein bisschen kommt es mir so vor, als wäre ich hier in den 60-igern. Ist aber nicht, ist neu der Film, von 2007.

 

GEMÄLDEGALERIE
Deutsche Malerei des 13. bis 16. Jahrhunderts
Gemäldegalerie, Berlin
+ das Schöne an dem Hartz-4-Zustand ist, dass man es sich endlich leisten kann, sämtliche Museen zu besuchen. So habe ich mir vorgenommen die Gemäldegalerie in mehreren Etappen abzuklappern.
Heute: Deutsche Malerei, 13. – 16. Jahrhundert
Toll ist das. Auch ein viel entspannteres Schauen als bei zeitgenössischer Kunst, weil da ja über die Jahre schon der ganze Mist aussortiert wurde und ich eben nicht mehr dauernd in dem Beurteilungszwang stecke und klägliche Argumente zusammenkratze. Irgendwie kennt man ja den ganzen Kram ein bisschen und dann natürlich doch viel zu wenig: warum hat denn der Cranach eine Kopie eines Altars von Hieronymus Bosch gemacht? Mit meinem kleinen Führer lese ich mich lexikonmässig durch die drei Säle und Kabinette und schwubs sind schon zwei prima Stunden vorbei.
Ganz schön viel Humor hatten die damals. Ist doch spitze, der Jungbrunnen für die alten Weiber.

 

VON WULFFEN AMELIE
Bitte keine heisse Asche einfüllen
Galerie Crone, Berlin
+ was ist denn das, was die da macht? Eine reizvolle Kombination von schulisch-oll gezeichneten Bleistift- Portraits (würde ich mich ja nie trauen, dazu war ich zu lange in der schweizerischen wir-zeichnen-ein-Jahr-lang-einen-Hundeschädel-bis-er-sitzt-Ausbildung), und naiv-grob gehaltenen Aquarell-Gegenständen und mutlosem Krakel-Krakel?
Ein bisschen beklemmend sind diese Zeichnungen, und so wahnsinnig ernsthaft. Mädchenhaft auch. Verloren oder verliebt, oder beides zusammen, in der eigenen Suppen-Welt. Und dann steht auf dem Ausstellungszettel (darf man ja eigentlich nicht lesen...), dass Frau von Wulffen akribische, vor dem Spiegel entstandene Selbstportraitstudien anfertigte und diese "aussichtslose Archäologie des Selbst" in ihren Zeichnungen mit Innenansichten und Träumen mischte. Steht da wirklich. Uhaaah. Da wird mir ganz anders. Und das alles ohne einen Funken Humor.
Na dann, gute Nacht!

 

WILSON ROBERT
Video Portraits
Galerie Thomas Schulte, Berlin
+ das ist langweilig, was der da macht. Und sehr einfach. Und auch ein bisschen schlampig sind diese Videoportraits, viel zu bunt, unangenehm überscharf, weil dass dann surrealistischer wirken soll(?). Mir kommen die inszenierten Portraitfotografien, wie man die offenbar nennt, so super didaktisch vor. Und nur weil es im Theater revolutionär war, Licht, Ton, Text und Musik als je eigenständige und gleichberechtigte Strukturen und Elemente einzusetzen, gilt dies heute doch längst nicht mehr für die Videokunst.
Ich bin da vielleicht zu jung, um ehrfürchtig davor zu stehen.

 

WASMUTH CORINNE
Supracity
Haus am Waldsee, Berlin
+ Schöne Ausstellung. Spannend, gerade weil man einen sehr offenen, vielleicht sogar uneitlen Einblick in Wasmuths Arbeit kriegt.
Das zum Beispiel 1994 entstandene Werk "Mikroskopische Anatomie" reiht diversre Ausschnitte anatomischer Querschnitte zu einem farbig fröhlichen Bild mit einfachen Übergängen gekonnt aneinander. Dieses Werk wurde wahrscheinlich noch von Hand, als Collagevorlage, mit Material aus ihrem riesigen Bilder-Archiv, zusammengeschnippelt. Der Unterschied zu dem 2009 entstandenen Werk "703" ist immens. Verschiedene Ebenen sind schichtweise angelegt, zum Teil ineinander verzahnt, oder aber durch klare Schnitte von einander abgegrenzt. Die Fotovorlagen produziert Wasmuth nun selbst und verarbeitet sie am Computer. Die Bildverarbeitungstechnik des Computers übersetzt Wasmuth wiederum in die Malerei. Und weil in der Ausstellung nicht chronologisch gehängt wurde, wird man so toll hin und her geschüttelt, zwischen Raupen und Schichten.

 

SELECTED ARTISTS 2009
Arbeitsstipendium vom Berliner Senat
Neue Gesellschaft für Bildene Kunst, Berlin
+ Oh, das sieht aber irgendwie eng aus hier. Und uähh, das wird ja immer dichter, je weiter man in die Ausstellung rein läuft. Und aha, da sind ja etwa sechs ex-Goldräuschlerinnen dabei. So, so. Und sonst? Weiss nicht, ist immer was schwierig mit diesen Gruppen-wir-können-nichts-dafür-Ausstellungen.
Paula Kraneis rote Buntstift-Autobahn-Landkarten-Zeichnungen haben mir gut gefallen. Ist ja klar. Immer gefällt einem, was man selber macht. Wie langweilig...
(Foto vergessen)


 

AUF DER MAUR STEFAN
Kuscheltiere
Galerie Hilt, Basel
+ Puh, ist das ein Abgrund. Ich hab seine kleinformatige Teddybär-Malerei bereits vor einem Jahr im Kunsthaus Baselland gesehen und bin da schon einigermassen konsterniert stehen geblieben. Die Welt ist schlecht, diese Bilder todtraurig und die Menschen werden immer debiler. Nun hat die Galerie Hilt den jungen Herr Auf der Maur ins Programm genommen und zeigt die ganze Öl-Plüsch-Tier-Sammlung in den leicht verbaut-schrabbeligen Galerieräumen. Und klar, die zwar etwas ledierten Stofftiere (fällt ja niemandem auf) sind so süss und herzig, dass die mit Sicherheit ganz ungebrochen gekauft und übers Sofa gehängt werden. Zumal die Klientel dieser Shopping-Galerie in der Einkaufsmeile Basels schätzungsweise eher älter ist.
Grusig, grusig. Und darin auch wieder schön. Passt zum Weihnachtsmarkt um die Ecke.


Esther Ernst, 09.03.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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