Gastbeitrag | Alles
Tim Berresheim und Markus Oehlen ...
... in der Kunsthalle Gießen
Gastbeitrag von Rüdiger Oberschür
Tim Berresheim und Markus Oehlen in der Kunsthalle Gießen
Mit „Radieschen und Erdnuss“ scheint Ute Riese vollständig in Gießen angekommen zu sein. Die erste Kuratorin, und das meint nicht den Gender-Aspekt, der neuen Gießener Kunsthalle hat nach Anke Doberauer mit Tim Berresheim und Markus Oehlen nun gleich zwei renommierte Gegenwartskünstler in die Universitätsstadt geholt. Zur Vernissage kam sogar Daniel Hug, Direktor der Art Cologne und manch prominenter Sammler. So wehte schon mit Rieses zweiter Ausstellung der Wind, den man sich von der Kunsthalle so erhofft hat: ein Wind aus überregionaler bis internationaler Richtung

So wurde es aus im Kulturdezernat immer wieder betont: Sinn und Zweck der neuen, im Rathaus eingebetteten Kunsthalle sei es, innerhalb des Kunstbetriebs mehr Aufmerksamkeit auf die Stadt zu ziehen. Mit „Radieschen und Erdnuss“ ist das nun erst einmal gelungen.
Auf der einen Seite skurrile Skulpturen, die durch eingebaute Lautsprecherboxen und Autoradios Musik als Bestandteil visuell integrieren. Auf der anderen Seite großformatige Siebdrucke, die die Opposition von Abstraktion und Gegenständlichkeit in neue Dimensionen lenken: Mit der ersten gemeinsamen Ausstellung von Tim Berresheim (* 1975) und Markus Oehlen (*1956), eröffnen sich dem Betrachter beim Herumgehen immer wieder neue Blickwinkel und Kombinationen.
Die unterschwellige Raumstruktur, die Oehlen geschaffen hat und dabei gerade durch die bewusste Positionierung seine voluminösen, organisch geschwungenen Skulpturen konstruktiv ins Verhältnis zu Berresheims Arbeiten setzt, ist der eine Aspekt. Beide wollen die Ausstellung auch als „gemeinsame Erklärung“ verstanden wissen.

Der zweite Aspekt ist das Zusammenspiel von Oehlens Schnurmantel-Gebilden, die wie eine psychedelische Ironisierung auf Hans Arp oder Niki de Saint Phalles „Nanas“ wirken, und den Arbeiten Berresheims. Seine fünf großformatigen Siebdrucke mit dem Titel „Wishing Radish (Silkscreen)“, brandneu und exklusiv für Gießen produziert, nehmen den Faden von Oehlens „Pferd“ oder den der drei Meter hohen Figur „Free Fidelity Camp“ buchstäblich auf. Was bei Oehlen die bunte Faser des Zusammenhalts ist, wuchert in Berresheims Siebdrucken als Schlaufe, Schleife oder Flatterband. Auf seinen am Computer vollendeten, transmedialen „Compositings“ sprießt der Spliss, ranken die Seilschaften.

„Ist es ein Objekt oder ein Bild?“, wirft Berresheim bei der Pressevorbesichtigung in den Raum und verabreicht sich eine weitere Priese Schnupftabak. Beide seiner Werkgruppen erteilen der (natürlich längst überholten) oppositionellen Fragestellung von „gegenständlich oder konkret-abstrakt“ eine generelle Absage. Eine Sonne hier, ein Ballerinafüßchen da, Geometrie und Chaos, angerissene Motive und dazwischen eine reine Akzentuierung von Fläche und Linie: Die opulenten Formationen und Guilloche-Ornamente in Berresheims Werken loten in einer wahrhaft innovativen Bildsprache die Möglichkeiten und Bedingungen von Bedeutungsträgerschaft und Rezeptionsmechanismen aus.
Dass die Korrespondenzen zwischen Oehlen und Berresheim in der Kunsthalle so prächtig gelingen, liegt zwar auch an dem wunderbar hohen wie tiefen Raum, bleibt aber doch erstaunlich. Es liegen immerhin fast zwei Generationen zwischen beiden Künstlern. In einer Nische der durch indirektes Licht angenehm beleuchteten Halle kann man Audio-Arbeiten beider Künstler über Kopfhörer hören.
Berresheims fünf Siebdrucke mit dem Titel „Wishing Radish (Silkscreen)“, brandneu und exklusiv für Gießen produziert, nehmen den Faden von Oehlens „Pferd“ oder dem drei Meter hohen „Free Fidelity Camp“ buchstäblich auf. Was bei Oehlen, der neben der Arbeit mit der legendären Punk-Band „Mittagspause“ auch mit Martin Kippenberger Platten aufgenommen hat, die bunte Faser des Zusammenhalts ist, wuchert in Berresheims Siebdrucken als Schlaufe, Schleife oder Flatterband. Auf seinen am Computer vollendeten, transmedialen „Compositings“ lotet Berresheim in einer ungesehenen Bildsprache die Möglichkeiten und Bedingungen von Bedeutungsträgerschaft und Rezeptionsmechanismen aus.
Daniel Hug gibt da unumwunden zu, dass er ein riesiger Fan Berresheims ist. Der Direktor der Art Cologne hat für gesamte Ausstellung nur lobende Worte. „Mir gefällt die Situation, dass die Kunsthalle im Rathaus ist. So kommen Politik und Kunst zwangsläufig zusammen“,
meint der Schweizer mit US-Pass, der zuletzt auf der Art L.A. als Berater tätig war und
Enkel des ungarischen Konstruktivisten und Bauhauskünstlers László Moholy-Nagy
ist.
Später im Restaurant bei hessischen Spezialitäten erzählt Hug, dass 30 % aller gehandelten Künstler in den USA aus Deutschland kommen. Vor allem Polke, Kiefer und Richter gelten hier wie dort als regelrechte Stars. Auch Berresheim hat schon in LA ausgestellt und Potenzial zu mehr als zum Geheimtipp zu werden. RE 7
Was die Krise angeht, meint Hug, er hätte schon zwei große Krisen er- und überlebt. „Es geht weiter, der Markt erholt sich. Aber die Zeit der Spekulationen ist sicher vorbei“, so Hug, der sich sicher ist, dass andere Werte als Preis die Zeit überdauern und prägen werden. „In 30 Jahren werden wir auch sicher nicht über Damien Hirsts Schädel sagen ‚Wow’.“ Gute Kunst spiegle immer eine Generation wieder, meint Hug. „Qualität lebt von der Idee“, fügt er hinzu. Für die Art Cologne hat er auch schon einen Tipp parat: die Chinesin Yin Xuishen, vertreten durch die Alexander Ochs Galerie.
So hat sich an einem einzigen Sonntagmorgen der Stellenwert der gelungenen Ausstellung quasi von selbst erklärt. Allein das große lokale wie überregionale Interesse geben Ute Rieses Idee und Konzept mehr als Recht. Und der Traum von einer innerstädtischen Kunstachse – vom Oberhessischen Museum zur Kunsthalle zum Neuen Kunstverein – wird ganz nebenbei immer mehr zur Selbstverständlichkeit. So war auch Jáchym Fleig, dessen Künstlergespräch zu seinem „Deckenrelief“ später im Neuen Kunstverein stattfand.
Gastbeitrag, 31.03.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.