Charlotte Lindenberg | Essay

Walk under Ladders

Hubert Kiecol streckt Fühler aus


Kiecol, Installationsansicht Galerie Grässlin Frankfurt 2010, Foto CL

Er-kunde statt Erd-kunde
Platz hätte er ja, in der Galerie Grässlin in Frankfurt, die nur (gefühlte) Zentimeter vom Hangarformat trennen. Dementsprechend gespannt war ich, wie sich Kiecols bodenständige Klötzchen inmitten der weitläufigen Halle behaupten.
Falsch. War mein Fehler. Hatte ich doch Kiecols Werk mit dem verwechselt, was mitteleuropäische Museen am liebsten ankaufen.

Und letztere – auf die Gefahr hin, zu simplifizieren – bevorzugen nun mal Exponate mit Wiedererkennungswert. In Kiecols Fall sind das Häuschen und Stufen. Aus Beton. Und eher kleinformatig. Hat Vorteile: Handlich im Aufbau, flexibel in der Positionierung, und problemarm zu konservieren – verglichen mit den organischen Herausforderungen, die KollegInnen gern in Museumsmagazinen parken.
Inzwischen weiß ich, wie wenig repräsentativ diese überschaubare Auswahl für Kiecols eigentlichen Aktionsradius ist. Gerechterweise sei hinzugefügt, dass ein weiterer Grund für meine Häuslebauer-Voreingenommenheit in der eigenen Unfähigkeit liegen mag, Ungewohntes in bestehende Schemata einzugliedern. Kurz: Von Weitem Erkennbares wird gespeichert unter "ach, der X wieder mit seinen Ys". Alles Abweichende verschwindet vor Erreichen des Langzeitgedächtnisses in diversen synaptischen Spalten. Erhalten bleibt das selbstgemachte Stereotyp.


Kiecol, Installationsansicht Galerie Grässlin Frankfurt 2010, Foto CL

Den Blick in Erwartung besagter bodennaher Objekte gesenkt, wird man beim Betreten der Halle von der nun plötzlich dominierenden Vertikale gewissermaßen angehoben. Allein vier Leitern geben die Richtung an, unterstützt von zwei nicht minder aufstrebenden Skupturen. Durch diese wegweisende Geste erlebt der Betrachter fast körperlich, was Kiecol als sein derzeitiges Hauptanliegen bezeichnet: "Leichtigkeit." Wenn es ihm gelänge, diese auch im Alltag zu verwirklichen, sei er zufrieden.

Nach oben offen
Stairway to Heaven? Nicht wirklich. Denn das Wohin bleibt vage. Während Stehleitern in einem klaren Zenit enden, signalisieren die fast sehnsüchtig in die Höhe ragenden Anlegeleitern eine fast enervierende Unabgeschlossenheit. Gleiches gilt für Wald, eine Installation, bestehend aus einer Betonbank vor fünf lebhaft gemaserten vertikalen Holzlatten an der Wand. Ihre oben unregelmäßige Skyline verlängert den waagrechten Betonkörper der Bank in ungewisse Höhen und verwandelt die Ruheposition zum Stuhl mit thronähnlich hoher Lehne, von dem der gedachte Be-sitzer häufigerer aufzuspringen scheint als in der Horizontalen zu verharren.


Wald mit Meister, Galerie Grässlin Frankfurt 2010, Foto CL

In diesen offenen Enden, die einem materialisierten Fortsetzung-folgt-Versprechen gleichen, sind sich sämtliche Arbeiten ähnlich, ebenso wie in der Behandlung des unteren Endes, dessen Schnittstelle zum Boden grundsätzlich ins Auge fällt. Ob durch eine Standfläche ausbalanciert oder durch Betonstufen abgestützt – all die scheinbar hypertrophen Vertikalen ruhen sicher auf der Horizontale. Die prekären Konstruktionen sind nur optisch labil, physikalisch aber zuverlässig geerdet. Ihr Ausgangspunkt ist somit sicher, ihr Ziel aber bleibt offen.
Apropos biografisch lesbar: Kiecol fordert vieldeutige Sichtweisen geradezu heraus durch die Titel, die er stets freigiebig formulierte – auch in Jahrzehnten, als man weltweit darauf verzichtete.
Schwelle, Reise nach oder Weg nach oben weisen auf Hintergedanken hin und den Skulpturen Zeichencharakter zu.
Dabei ist der Gesamteindruck weniger symbolisch als vielmehr der einer materialästhetischen Sorgfalt, die innerhalb des Farbspektrums zwischen Anthrazit und Braun- und Grautönen unterschiedlichste Oberflächen akzentuiert. Die Kombination strukturarmer und -reicher Flächen, wie sie etwa durch die glatt gegossene Betonform vor Naturholzplanken entsteht, findet sich in allen Arbeiten, wo elementare Stoffe aufeinander treffen.
Die für Kiecolsche Verhältnisse geradezu als Farbenpracht zu bezeichnende Palette resultiert aus der Dominanz von Holz. Dessen vermehrter Einsatz, zusammen mit Stahl und Beton, verdankt sich der Tatsache, dass das Thema – Thema, nicht Werkstoff! - Beton für Kiecol ausgereizt ist.
Der Pfuibäh-Aspekt, den Beton noch in den 1980er Jahren genossen hatte, ist seit der folgenden Dekade einer – buchstäblich - flächendeckenden Ästhetisierung gewichen. Die Zeiten, da Beton als toteste aller toten Massen galt, deren schwere Entzündbarkeit auf jeder besseren Stoßstange bedauert wurde ("Schade, dass Beton nicht brennt" klagte ein populärer Aufkleber in Zeiten, als "ökologisch", "gut" und "böse" noch eindeutige Begriffe waren) sind Geschichte. Unterdessen wurde das einst als materialisierte Lebensfeindlichkeit verfemte Material bereits zum "Marmor der 90er Jahre" geadelt. Infolge dieser Amnestie büßte der einst ekle, nun museumstaugliche Stoff für Kiecol zumindest seine Aufreger-Qualität ein.


Kiecol Icone, 1990, Galerie Grässlin Frankfurt 2010, Foto CL

Und wo er dann doch noch zum Einsatz kommt, dann nur im Gewand einer verborgenen "Schönheit", die nach zwanzig Jahren vorsichtig an die Oberfläche tritt. So ist beispielweise eine Icone von 1990 durch Oxidation der im Beton enthaltenen Erze zu einem gefleckten Augenschmaus verwittert, an dem Leonardo seine Freude gehabt hätte.
Neben Höhen- und Materialunterschieden trägt ein weiterer Kontrast zur heterogenen Erscheinung der einzelnen Arbeiten bei: Dichte. Verglichen mit der Massigkeit von Stufen, Plinte und Bank, wirken die senkrechten und diagonalen Gitter gelöst und scheinen mehr Raum zu enthalten als zu verdrängen. Obgleich sich aber jede Gruppe aus in Höhe, Volumen und Material verschiedenen Teilen zusammensetzt, entsteht nirgendwo tatsächliche Unwucht.
Beim Nachdenken über die Tatsache, dass trotz der allgegenwärtigen Spannungen keine Arbeit visuell auseinanderfällt, erinnere ich mich an eine Information, die ich über den Namensgeber der Ausstellung, die nämlich „Pluto" heißt, gelesen hatte. Der Zwergplanet bewegt sich auf einer elliptischen Bahn, die deutlicher als die anderer Planeten von der Form eines Kreises abweicht, um die Sonne. Demnach entfernt sich Pluto also zeitweise weiter von seinem Gravitationszentrum fort als Planeten, die kreisförmig die Sonne umrunden. Dennoch verliert er sein Gleichgewicht ebenso wenig wie die verwegen in alle Richtungen wegstrebenden Fühler in andere Sphären.

Charlotte Lindenberg, 21.03.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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