Gastbeitrag | Essay

Eine Hommage zum Tod von Klaus Kumrow

von Ille von Rott zu Schreckenstein

Ich habe das Bedürfnis „meinem Helden“ posthum eine Dankesschrift zukommen zu lassen: Als ich das Ding, so nannte ich es, als ich es zum Erstenmal sah, das Ding ohne Titel, die Sänfte. Ich kann mich noch sehr genau erinnern. Ich besuchte meine Tante in Hamburg und sie nahm mich mit zu den Deichtorhallen. Sie wollte mir Kunst zeigen, in der Hoffnung diese, dem ungebildeten Kind näher zu bringen. Was wir uns eigentlich in den Hallen angesehen haben, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber als wir dort ankamen, sah ich das Ding ohne Titel, die Sänfte. Ich frug meine Tante, was das denn sei und was es darstellen solle. Damals hatte ich noch die Idee, dass Kunst etwas darzustellen hat. Ich frug sie, was es denn ist. An die Antwort kann ich mich nicht mehr erinnern. Erinnern kann ich mich jedoch an diese Kraft, die von diesem Ding ohne Titel, der Sänfte ausging. Irgend etwas war daran, was mich faszinierte. Ich drehte und wendete meinen Kopf, um einen Zusammenhang der einzelnen Teile, die sich hinter diesem blauem Glas verbargen zu entschlüsseln. Den Grund zu erkennen, der die vielen Ebenen innerhalb der Außenhaut miteinander verbindet. Es muss doch einen Grund für diese Räume im Raum geben. Da muss sich doch der Künstler etwas gedacht haben. Und wenn es nur ein Traum war und keinen Bezug zum Realen gab. Das Ding ohne Titel, die Sänfte steht doch nun da!

Es handelte sich also nicht mehr um realistische Perspektiven. Nein, es war Mathematik und Wissenschaft. Berechnungen und Dimensionen.
Das waren die wesentlichen Komponenten dieser Arbeit. Und wenn die Ausführung so präzise war, dann kann die Inhaltlichkeit sich nur noch in Geschichten tummeln, sonst bekriegen sie sich und versuchen sich gegenseitig auszuspielen. Es mag absurd klingen, aber Klaus Kumrow legte weniger Gewicht auf eine viseuelle Darstellung, nein, er vernachlässigte sogar die visuellen Elemente absichtlich. Stephan Schmidt-Wulffen bezeichnete Klaus Kumrow als einen Topologen, der an der Nahtstelle zwischen Vorstellungs- und Anschauungsraum experimentierte.

Er integrierte eine Vielzahl von Phänomenen, die sich mit einem Blick nicht erkennen liesen. Das war die Kraft, die von dem Ding ohne Titel, der Sänfte, damals ausging.

Es war im Jahr 2000 in Hamburg. An den Deichtorhallen. Meine Tante wollte sich dort eine Ausstellung ansehen und nahm mich mit, um dem Kind Kunst näher zu bringen.

Ich war noch sehr jung als ich sie sah, die Arbeit ohne Titel, die Sänfte.
Vielleicht war sie das erste Kunstwerk was mich dazu bewog mich der Kunst zuzuwenden.

Es gibt Menschen, die ihrer Zeit voraus sind und das Unglück daran ist, dass es auch diese Menschen sind, die irgentwann ihrer Zeit hinterher laufen - und warum? Weil wir es nicht sehen.

Die Nacht

Streichle den Horizont der Nacht, suche das pechschwarze Herz, das die Morgenröte wieder mit Fleisch bedeckt. Es könnte unschuldige
Gedanken in deine Augen legen, Flammen, Flügel und Grün, das die Sonne nicht erfand.
Es ist nicht die Nacht, die dir fehlt, sondern ihre Gewalt.

(Paul Éluard)

Gastbeitrag, 06.04.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Eine Abbildung von dem "Ding" findet man hier:
http://bit.ly/dqvrUE

Markus | 06.04.10

 

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