Esther Ernst | wo ich war

GROSZ GEORGE - HÜRZELER LUZIA - VON DER ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT - RÜHEMANN KILIAN - TAN FIONA - DIE KUNST DES SCHABKARTONS - GEMÄLDEGALERIE - STINGEL RUDOLF


 

GROSZ GEORGE
Korrekt und anarchisch
Akademie der Künste, Pariser Platz, Berlin
+ hoppala, die Ausstellung ist ja bumsvoll und man muss sich sogar anstellen, um eine Zeichnung gucken zu können. Spätestens da wurde mir klar, Grosz ist ein Superstar und es ist nicht nur eine Allgemeinbildungslücke, dass ich George Grosz nicht kenne, sondern mehr... Und weiter bin ich erstaunt, dass die vielen Menschen ganz genau schauen, sich Zeit nehmen für die unzählig präsentierten Skizzen, Collagen, Drucke, Notizbücher... Obwohl, das stört mich ja ein wenig bei den Akademie-Archiv-Ausstellungen: dass da Vitrinenweise Notizbücher ausgestellt werden, die man dann nicht wirklich anschauen kann. Das ist so blufferisch, da soll man sehen: ah, da zeichnet einer manisch dauernd rum, aber mehr darf man dann eben auch nicht. Faksimiles wären dafür doch eine gute Lösung. Wäre auch ein schöner Job für mich. Und ansonsten fand ich es jetzt nicht so berauschend. Beim Portrait der Mutter hab ich laut gelacht und gedacht: Ja, so sehen Mütter aus.


 

HÜRZELER LUZIA
Aus dem Auge
Kunstmuseum Solothurn
+ grosszügige, dreiteilige Videoinstallation im Hauptraum; linke Projektion: ein Schauspieler, der als lässiger Geschäftsmann über die Strasse eilt und dabei über eine Stunde in einer Haltung ausharrt, die ein Videostill imitiert, mittige Projektion: indischer Handtaschenverkäufer, der wiederholt Tuch und Taschen auslegt und plötzlich alles zusammenpackt und davon rennt, rechte Projektion: ausgestopfter Löwe in irgendeinem traurigen Käfig, ab und zu läuft ein exakt gleich aussehender Löwe durchs Bild. Sehr schön gemachte Arbeit, irritierend zwischen Still und Fake, ruhig, etwas belanglos auch, bisschen schade, dass über Monitor im gleichen Raum die Arbeit durch Interviews mit dem Schauspieler und dem Händler "erklärt" wird (oder aber auch den Löwen interviewen).
Auch die weiteren Videoarbeiten sind eher leicht und luftig, humorvoll, aus dem Alltag heraus, für meinen Geschmack sogar ein bisschen zu schnelllebig, obwohl ich ansonsten das Argument der Nachhaltigkeit oftmals überbewertet finde...


 

VON DER ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT
Aspekte der zeitgenössischen Sammlung des Kunstmuseums
Kunstmuseum Solothurn
+ Sehr schöne Ausstellung, hab ich mir gerne angeschaut, auch weil natürlich viele Serien- und Sammlungsarbeiten ausgestellt waren (erstaunlich, dass Solothurn doch recht grosse und umfassende Kunstwerke kaufen kann). Daniela Keisers 150-teilige Fotoserie über Kulissenstädte, oder das ausufernde Zeichnungswerk von Barbara Meyer Cesta mit schematisch festgehaltenen Einfamilienhäusern aus Bleistift und Leuchtmarker (leider nicht schön gerahmt, wirklich schade), oder die Fotoinstallation von (...vergessen...), der sämtliche Fotographien seines Berlinaufenthaltes wie eine Modellstadt auf eine Umzugs-Kartonlandschaft aufklebt, der man ähnlich einem Tagebuch folgt, Geschichten herausliest, Orte erkennt und in Beziehung setzt.Vielleicht ist es der langsame Schaffensprozess, das stetige Weiterentwickeln, Hinzufügen, das Wachsen der Arbeiten bis zu einem differenzierten, bodenständigen Werk, was mir so viel Freude beim Schauen und sich Hineinbegeben macht...


 

RÜTHEMANN KILIAN
Attacca (Manor-Kunstpreis Basel)
Museum für Gegenwartskunst, Basel
+ Im diesem Museum hab ich als Kind zum ersten Mal Beuys, Judd, Serra, Sol le Witt und so weiter gesehen. Und wie vom Blitz getroffen war ich an diese Erfahrungen von damals erinnert, als ich die Ausstellung von Rüthemann betrat. Schwieriger Raum, seltsam offene unstrukturierte Architekur, und gleichzeitig macht der Raum stets einen verbauten Eindruck auf mich. Rütemanns Arbeiten sind minimalistisch und raumgreifend zugleich. Je zwei gespritzte diagonalverlaufende Beton-Linien kreuzen mehrere Wandflächen aus. Eine ebenfalls gespritzte, rechteckige Betonfläche zieht sich als Wandbild ums Eck, eine vom Gipsermeister persönlich gezogene Stuckaturlinie zieht sich leicht gewellt an einer zwanzig Meter langen Wand entlang. Und dann stehen in einer Ecke vier von Hand ausgenommene (geschnitzte) Schaumstoffblöcke, die mich erst an die Olivestones oder Fettobjekte von Beuys, dann an Judds Skulpturen erinnern und auf jeden Fall an früher im Museum.

 

TAN FIONA
Rise and Fall
Aargauer Kunsthaus, Aarau
+ ...da bin ich jetzt bisschen enttäuscht von. Mit ihrem aufregenden Beitrag bei der letzten Biennale im Holländischen Pavillon im Gedächtnis, bin ich mit extra viel Zeit nach Aarau gereist und war seltsamerweise ziemlich schnell gelangweilt, nein eher abgeturnt. Ist mir zuviel Frauenkram und zuviel Emotionen dauernd, fast ein bisschen aufdringlich, moralisch, Zeigefinger – nein, Zeigefinger stimmt nicht, es sind Arbeiten, die (noch schlimmer) nobel am Zeigefinger vorbei schwappen. Vielleicht ist es diese ungeheure Sensibilität in diesen langatmigen Filmen, die mich plötzlich rasend machte und ich Lust auf Kunst vom Krachbruder Dieter Roth kriegte...

Später im Biergarten ist das Servierfräulein mehrmals auf den toten Vogel neben meinem Tisch getreten, das fand ich dann wieder gut.


 

DIE KUNST DES SCHABKARTONS
Cartoonmuseum Basel
+ Schabkarton... wie ging das schon wieder...
Die Schabkartonzeichnungen ähneln im Aussehen den Holzschnitten, sehen in der Regel allerdings feiner aus und sind unaufwändiger, beziehungsweise billiger herzustellen. Sie entstehen indem durch Schneiden und Kratzen ein mit weisser Kreide bedeckter Karton unter einer schwarzen Deckschicht freigelegt wird. Hannes Binder kommt mir natürlich sofort in den Sinn und dann ist aber auch schon Ende im Gelände. In der Ausstellung bin ich schnell fasziniert von den technischen Möglichkeiten des Schabkartons (das sind ja alles Schraffurkönige), die feinen Unterschiede und Variationen im Umgang mit der Technik (unglaublich schöne Handkollorationen), während sich die Erzählweise kaum von anderen Comicformen unterscheidet.
Erstaunlich viele junge Künstler beschäftigen sich mit Schabkarton. Line Hoven aus Hamburg hat mir gut gefallen.


 

GEMÄLDEGALERIE
Niederländische und französische Malerei, 14. – 16 Jh.
Gemäldegalerie Berlin
+ Ach Mensch, ich hab ja null Ahnung von Bibel und muss dauernd den Pfarrer Urs fragen, warum denn zum Beispiel so oft der Johannes neben Maria steht, wieso er geköpft wird oder wie das genau funktioniert mit der Dreifaltigkeit... Und diese Woche neue Rätsel, allerdings eher kunstgeschichtlicher Art: warum malen die Holländer denn soviel lustiges Unkraut an den Bildrand?
Die Zeitlichkeit in den Bildern macht soviel Spass, die Parallelgeschichten im Hintergrund, wird man ja crazy von soviel Narration. Toll auch diese ständige Moral, die dann doch wieder gebrochen wird, die beknackten Monster, welche die unzüchtigen Menschen quälen, die Darstellung von Hölle ist sensationell. Und ich bin erstaunt, dass sich die Monsterqualität über die letzten Jahrhunderte nicht verändert hat; die Horrorfilm-Gremlins von 1984 sehen doch nicht anders aus als die Dinger bei Bellegambe oder Christus oder so.


 

STINGEL RUDOLF
LIVE
Nationalgalerie Berlin
+ Aha, wo kommt denn der her? Kenn ich nicht (aufregend, gibt’s ja nicht so oft in der Nationalgalerie). Ein Italiener aus New York also. So, und dann stinkts auch gleich wie bei Domäne. Liegt ja auch Teppich, alles voll von, eine stark bearbeitete Abwandlung seines eigenen indischen Agra-Teppichs. Der Agra-Teppich ist der neue Durchstarter in der Peppichbranche, weil er so prima mit der Einrichtung harmoniert und qualitativ fast so gut sei wie der persische, so der erste Internetbeitrag zu diesem Thema... Aber der Künstler will auf das bürgerliche Wohnen anspielen, auf die Salonkultur, deshalb auch der opulente Kronleuchter in der Mitte der Nationalgalerie. Schön siehts aus, ruhig isses. Lädt zum Verweilen ein, weiss noch nicht, ob bei mir da was ins Rattern kommt. Im Untergeschoss vier Gemälde mit Alpenansichten, fotorealistisch gehalten und ab Fotos gemalt, mit sämtlichen Alterungsspuren dieser Fotografien. Sieht auch schön aus, gewaltig, imposant, weiss trotzdem nich, auch komisch.

Esther Ernst, 18.04.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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