Gastbeitrag | Kritik
Kunst als Friedensstifter?
von Daniela Höhn
„Über Wut“ - eine Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin:
Über Wut / On Rage
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
noch bis 9. Mai 2010
Kunst als Friedensstifter? - „Über Wut“ - eine Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin:
Wut ist ein Gefühl. Man hat sie im Bauch, die Nase voll, die Fäuste geballt, bereit, zuzuschlagen. Wut ist ein unangenehmes Gefühl, gesellschaftlich nicht wirklich akzeptiert. Dennoch ist ihr eine Ausstellung gewidmet, die derzeit im Haus der Kulturen der Welt in Berlin läuft.
Wer sehen will, was Kunst über Wut zu sagen hat, muss zunächst eine hölzerne Konstruktion passieren, eine eigenwillige Interpretation des Ischtar Tors, wie sich herausstellt. Das originale Ischtar Tor, das einstige Wahrzeichen Babylons, ist heute ein Highlight des Berliner Pergamonmuseums und Babylon ein fernes Land, das wir Irak nennen. Symbole der westlichen Konsumkultur schmücken das von Michael Rakowitz nachgebaute Ischtar Tor im Haus der Kulturen der Welt: Pepsi-Cola und Lipton, dazu arabische Schrift. Samuel Huntington bezeichnete sowas als „Clash of Civilizations“: ein Zusammenprall der Kulturen, der sich in Gewalt entladen kann, die wesentliche geopolitische Konfliktlinie des 21. Jahrhunderts.
Durch das Tor hindurch ist ein Bildschirm zu erkennen. Per Video wird eine Zahnarztbehandlung vorgeführt. Wut hat mit Schmerz zu tun, mit dem Unwillen und Aufbegehren, das wir empfinden, wenn er uns zugefügt wird. Tritt man näher heran, sieht man Zahngold, gefällig im Schaukasten präsentiert, denkt, dass es herausgerissen wurde, denkt an den Holocaust: zu kaltem Hass geronnene Wut, die ihren Ausdruck fand in der perfektesten und grausamsten Todesmaschinerie, die die Welt je gesehen hatte. Wut kann sich an sich selbst entzünden und zum Flächenbrand werden. Sie trifft oft die, die sie nicht ausgelöst haben, was man mit dem psychologischen Effekt der Verschiebung erklären kann. Es reicht, einen Sündenbock gefunden zu haben. Die Künstlerin Regina José Galindo, um deren Projekt es geht, stammt aus Lateinamerika. Auch dort hat man Erfahrung mit geraubtem Gold. Die Assoziationen werden andere sein als die eines deutschen Betrachters. Gefühle sind subjektiv. Das macht es so schwer, sie zu erfassen und vorauszuberechnen. Dennoch werden Gefühle politisch genutzt. Menschen aufzuhetzen, die unzufrieden sind, sich ins Unrecht gesetzt fühlen, ist leicht. Die Videoprojektion „Final Judgement“ des iranischen Künstlers Shoja Azaris führt das eindrucksvoll vor Augen, sogar in historischer Perspektive. Beim ersten Hinsehen fühlt man sich an ein Gemälde von Hieronymus Bosch erinnert: Szenen, die nebeneinander stehen, Erzählsequenzen, wie Fetzen eines Gesprächs, dessen Inhalt sich nur aus der Zusammenschau ergibt. Warme Farben, Gelb-, Gold- und Rottöne dominieren – und Grün, die Farbe des Islam. Dass es um den Islam geht, wird schnell klar, angesichts der vielen bärtigen Männer mit Turban. Man hört Predigten, monotonen Singsang, Maschinengewehrsalven. Das Bild platzt immer wieder an einigen Stellen auf, andere Bilder werden eingeblendet. Man sieht, wie sich jemand gerade noch in Sicherheit bringt, aufgepeitschte Menschenmassen, die durch die Straßen ziehen, Blut, dann eine Explosion, eine Feuersbrunst, die alles zu vernichten scheint, bis das Video von neuem beginnt. Wut ist hier ein Kreislauf. Wut macht Angst und die wiederum bringt neue Wut hervor. Wut ist aber auch Energie und Energie kann – physikalisch betrachtet – nicht verloren gehen, sie wird höchstens umgewandelt.
Wenn man sie nicht ausleben kann, wird Wut zum Schwelbrand. Jimmie Durhams Installation „Building a Nation“ hat die amerikanischen Ureinwohner zum Thema. Achtlos herumliegende Autoreifen und Bretter deuten Verwahrlosung an, mangelnde Selbstachtung, internalisierte Marginalisierung, aber dann ist da eine Wand mit Glassplittern: Würde man da draufhauen, vor Wut tobend und wie von Sinnen, halb wahnsinnig vor Schmerz, wenn es gar nicht anders ginge? Ein Mensch mit unterdrückter Wut gleicht einem Dampfkessel unter Hochdruck. Entweder er explodiert irgendwann oder er richtet seine Aggressionen nach innen.
In der Ausstellung „On Rage / Über die Wut“ im Haus der Kulturen wird Wut vor allem als kollektives Gefühl behandelt, als etwas, das politische Auswirkungen hat oder zumindest haben kann. Bilder müssen trotzdem immer mit eigenen Bildern gefüllt werden. Wut ist etwas, das man selbst spüren, am eigenen Leib erfahren muss, um es verstehen zu können und genau hierin liegt die große Stärke der Ausstellung: Sie setzt Kunst geschickt ein, um zwischen der Ebene der individuellen Erfahrung und gesellschaftspolitischen Problemen zu vermitteln. Vielleicht ist das wichtiger denn je, in einer Zeit, in der Kriege für viele Menschen nur noch am Bildschirm stattfinden. Am 29. März wurde ein Terroranschlag auf die Moskauer Metro verübt. Die Folgen von Wut sind leider für uns alle höchst real. Wut erzeugt Angst und die wiederum bringt neue Wut hervor. Das Wort „Aggression“ kommt von lateinisch „aggredi“ „angreifen“. Zum Schluss sei hier aber hinzugefügt, dass es vom Klang her auch dem Verb „agere“ ähnelt, „handeln“, „in Bewegung setzen“, das also, was uns voran bringt, vielleicht sogar Frieden stiften lässt ...
„Über Wut / On Rage“, Haus der Kulturen der Welt Berlin, noch bis 9. Mai 2010, Do – Mo 11 – 19 Uhr, Mi 11 – 22 Uhr, Eintritt 5 € / 3 €, Montags frei, Begleitprogramm mit Vorträgen, Performances und Filmen
Gastbeitrag, 01.04.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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