Gastbeitrag | Kritik
Debatte zur Bazzonale
von Kai Uwe Schierz
Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Debatte um die zur Zeit stattfindende "juryfreie Verkaufsaustellung" Bazonnale Lust 2010 und Erwiderung auf den Kommentar hier. Die Ausstellung steht under der Schirmherrschaft von Bazon Brock, Philosoph, Kulturwissenschaftler und Impresario und Achim Preiß, Professor für Architekturgeschichte an der Bauhaus Universität Weimar.
"Die Vielfalt der künstlerischen Perspektiven der Lust zu präsentieren ist Ziel dieser Ausstellung, zu der national sowie international Künstler aufgefordert wurden, ihrer Lust zu folgen und sie künstlerisch umzusetzen", schreiben die Veranstalter in der Pressemitteilung.
Nein, Herr Preiß hat m. E. nur eine bestimmte Vorstellung von der Kunst. Dass er von der konkreten Kunst viel verstünde, d. h., dass er sie ernst nähme, habe ich seinen Ausstellungen bis jetzt nicht anmerken können. Denn zum Kunstverstehen und -ernstnehmen gehört eine etwas gesteigerte Portion Sensitivität, die sich dazu bekennt, subjektiv zu sein, die sich also als subjektive, aber irgendwie auch begründete Perspektive auf einen bestimmten Gegenstand zu erkennen gibt.
Für mich ist nicht zu erkennen, dass Preiß eine nachvollziehbare ästhetische Perspektive auf seine Ausstellungsthemen entwickelte - weder bei Aufstieg und Fall (Verfall), noch bei der nunmehr präsentierten Lust-Bazonnale. Es hat vielmehr den Anschein, als wären ihm die Einzelbeiträge ziemlich egal. (Und Informaten bestätigten mir diesen Eindruck nun schon mehrere Male.) Diese Haltung begründet er theoretisch, nur dass mir diese Theorie wiederum wie Ideologie erscheint. Die Lust-Bazonnale 2010 mit den Sezessionsbewegungen des 19. Jahrhunderts zu vergleichen, entspricht einer Haltung der Selbstveredelung ebenso wie einer ziemlich kompletten Verkennung der Situation im 19. Jahrhundert. Sehr wohl haben nämlich die Sezessionisten des 19. Jahrhunderts Maßstäbe gehabt für das, was sie für kunstwert hielten. Und sie haben diese Maßstäbe auch in Ausschlusskriterien münden lassen. Folgerichtig, wie man nicht nur aus der kunsthistorischen Distanz empfindet, sondern unterstützt auch vom "Bauchgefühl", der eigenen Sensitivität und dem eigenen Erwartungshorizont (dem Bedürfnis nach Sinn), die es natürlich zu relativieren gilt (als Teil meines kulturellen Habitus’, aber sich dazu zu bekennen fällt nicht schwer). Tatsächlich denke ich, dass Herr Preiß als Bazon Brock-Adept dessen performativen Theorieüberschwang der Kunst gegenüber falsch verstanden hat, wenn er es bei der nur schwach begründeten (weil ideologischen) Attacke gegen die Institutionen belässt und in diesem Sinne den Antiakademismus der Sezessionisten fortschreiben will. Natürlich kann (und soll) man die Institutionen kritisieren, aber bitte doch mit satisfaktionsfähigen Argumenten! Mal (halb) abgesehen davon, dass Herr Preiß (wie auch Herr Brock) selbst - als gutverdienender Angestellter des Staates - Teil der Institutionen/ des Systems ist, seine Theorie über die Kunst unserer Zeit ist voller Ideologeme und gespickt mit Zeichen der Selbstadelung (er sieht sich als Vorkämpfer für eine neue Freiheit des Denkens und Machens in der Kunst). Mir ist er diesbezüglich den Chefs der dt. Gewerkschaften und ihren politischen Verlautbarungen zur Lage der Nation näher als den vielen ernstlich um die Kunst unserer Zeit (und ihre Pluralität) bemühten Theoretikern, deren Argumente man in einschlägigen Publikationen ebenso studieren kann wie in kuratierten Ausstellungen erfahren - und ihnen dann zustimmen oder nicht. Ideologisch ist z. B., wenn er uns vormachen will, es gäbe einen (mehr oder weniger einheitlichen) Block der institutionellen Bevormundung der Kunst/ der Künste in unserem Lande. Dieses Argument ist - bei Lichte betrachtet - so stichhaltig wie die meisten Verschwörungstheorien, die uns ja auch nicht gerade selten zu Ohren und unter die Augen kommen - leider. Und selbsterhöhend ist, wenn er glaubt, in seinem Blog-Beitrag darauf verweisen zu müssen, das Skandalöse seiner Lust-Bazonnale liege daran, weil "ein Teil der gezeigten Werke von sonderbaren, nicht unbedingt erfolgsorientierten Formen menschlicher Fortpflanzungsbemühungen, kurz von perversem Geficke, handelt". Ich muss sagen, so etwas habe ich kaum gesehen bei meinem Bazonnale-Besuch. Gesehen habe ich jedoch zahllose Kitschiers des Themas Lust und deren Werke, verstanden als ästhetische Angebote, deren Perspektive auf das weite Feld des Themas Lust ich nur als stark eingeschränkt, deren Versprechungen von Sinn und Sinnlichkeit ich nur mit dem Attribut "kitschig" etikettieren konnte, für’s erste, tut mir leid. Und ebenso gesehen habe ich Werke, die vom Kunstwollen mehr handeln als vom souveränen Umgang mit den selbstgewählten künstlerischen Mitteln. (Bei Bedarf: Ich kann’s konkret machen, vor Ort: aber bitte ohne Eintritts-Entgelt. Die paar Euro wären mir dann doch ein paar zuviel.) Also nicht die angekündigte Befreiung und Provokation fand (und findet) statt, sondern viel wirklich dünne Soße zum Thema Lust, das an sich - ich wiederhole mich - sehr weite Exkursionen des Schauens und Denkens bieten könnte und auch kann. Herr Preiß erscheint mir also nicht als der ungeliebte Provokateur, eine Rolle, in die er sich wohl gern hinein stilisiert, sondern wieder einmal als einer, der es nicht für nötig hält, genauer hinzuschauen und seine Ideologeme an der widerspenstigen Wirklichkeit zu überprüfen. Als ich ratlos durch die Bilderkorridore schritt, sagte eine Bekannte zu mir: Wow, he did it again! Und ich konnte ihr nur beipflichten. Er hat es wieder mal nicht für nötig gehalten, einen differenzierenden Blick auf die Artefakte zu richten. Ein solches Verfahren würde ja seine ideologischen Thesen auch eher demontieren. Nach diesem wiederholten Auftritt der ideologischen Ignoranz gegenüber den sichtbaren Einzelheiten der uns umgebenden (von uns konstruierten) Wirklichkeit, auch der bildkünstlerischen, und der daraus folgenden Notwendigkeit, sich angesichts dieser Vielfalt zu positionieren, also auch: konkret zu werten, kann ich nicht sagen, ich wäre gespannt auf das nächste Mal, Herr Preiß. Bitte handeln Sie das angekündigte Folgethema Afghanistan in einem Büchlein ab, meinetwegen mit vielen Abbildungen!
Gastbeitrag, 19.05.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Die Bazonnale ist ein Experiment.
Dieses visualisiert sich in Form einer Gesamtschau (freiwillig und voneinander unabhängig) eingereichter Arbeiten, die in einer Art Installation zusammengefasst sind.
Die Ausstellung wurde als unabhängige und unjurierte Ausstellung ausgeschrieben. Das nur wenige Mitarbeiter zählende Team der Bazonnale hat sich zu diesem ungewöhnlichen Konzept entschieden, um einen möglichst ungefilterten Einblick in sowohl das professionelle als auch private Kunstschaffen der Gegenwart zu gewähren. Im Allgemeinen werden unjurierte Ausstellung als Podium genutzt, nicht nur um aktuelle künstlerische Tendenzen zu diskutieren (weniger im Sinne von „contemporary art“), sondern vor allem die kulturpolitische Situation zu reflektieren. Dies scheint gerade in Thüringen, aber auch in anderen (Bundes-)Ländern dringend nötig. Wir haben daher eine Podiumsdiskussion geplant, zu der wir Sie in Kürze einladen werden.
Das ambitionierte Ziel, ohne Förderung, eine schützende Institution oder finanzielle Beiträge von den Beteiligten (was durchaus üblich ist, siehe die Unjurierte in Winterthur) soll die Unabhängigkeit dieser Veranstaltung unterstreichen. Es wurde versucht durch eine polifokale Hängung ein für den Besucher interessantes Bild der zahlreich eingesendeten (in der thematischen Auslenkung und Qualität) heterogenen Beiträge zu erzeugen. Die für uns überraschend aber auch erfreulich große Zahl von Teilnehmern führte zu einer visuellen Verdichtung und unterstreicht den experimentellen Charakter.
Die weitere Professionalisierung der Ausstellung in ihrem Erscheinungsbild wird angestrebt. Wir würden uns daher sehr über einen konstruktiven Diskussionsabend in der Realität freuen.
Ulrike Pennewitz | 20.05.10