Gastbeitrag | Kritik
Es waren auf jeden Fall zu wenige Ausstellungen
von Tai Andy Hund & Ludwig Billy Costa
Peyton bei neugerriemschneiders Projektraum gegen Tom Burr in Neu´s Zweitraum: Sieger auf jeden Fall Tom Burr, allerdings was den Raum angeht: Peyton, so hübsch der alte Eisenwarenladen, die Bilder konnten eben aber fast nicht konkurrieren.
Aber auch die Wohnung am Mehringdamm, sehr schön.
Allerdings andersrum Nick Mauss bei Neu zu Haus´, naja, hmmm …, dagegen eine sehr anständige und umfangreiche Show mit dem Titel »Lost and Found« im neugerriemschneiders Stammsitz. Besonders angetan waren wir von »Various Things with Similar Shape« oder »Various Shapes and Materials« oder so ähnlich, von Jimmie Durham.
Auch Mike Nelsons »Golems Skalk (Andy)« ist aufgefallen, kryptisch, schön, keine Ahnung, schwierig wenn man sonst nichts kennt, aber wie gesagt, schon toll. Der rote Film von Simon Starling war in dem Moment nicht mehr zu schaffen, der Hunger war zu groß, sah aber spannend aus, ich geh noch mal hin.
Viele Teppiche gab es auch zu sehen, allerdings gute 20 Fahrradminuten entfernt, in einem anderen Stadtteil, übrigens ein schönes Moment dieser Ausstellungsschnitzeljagd, man sieht viel von Berlin, unterschiedliches Berlin, prima, also die Teppiche, leider alle zusammen, nebeneinander, sie stehlen sich die Show, ach so!! es sind ja alles Teppiche, keine Frage, die Illustration des Titels ist direkt und schließt Fragen aus, kein Entdeckungsmoment mehr, schade, ein, zwei gefallen mir schon sehr, vor allem der grob zerlegte, zersägte Teppich von Kai Althoff. Und die Afghanischen Teppiche habe ich alle gekauft.
David Lieskes Arbeit im selben Raum, ein Bienenkorb mit Erzählung behängt, ist auch sehr schön.
Und dann waren wir doch auch manchmal enttäuscht, Matthias Faltbakken konnt uns weder mit Solariumbräune und Make-up noch mit seiner Kunst den Atem rauben, Faltbakken, als Autor ist diesem Zeug so weit vorraus, dass diese Art Kunst schon bei seinem Roman »Macht und Rebel« (2005?) eigentlich nur noch als hoffnungslos vom Markt vereinnahmte Pseudosubversion eine Rolle hätte spielen können (Siehe dazu auch den blöderweise genau auf diese Subversion als Fetisch abzielenden Presstext der Galerie Nourbakhsch). Er hat ja auch schon wirklich spannende Arbeiten gemacht, z.B. das zur Biennale in Venedig 2005 herausgegebene Künstlerbuch mit Collagen und Interviews und so …anderes Thema... und als Autor ist er sowieso sehr unterhaltsam.
Roter Teppich bei Sammlung Olbricht, direkt neben den K.W., jetzt mit einer Art Cafe´, mit Happen, nicht Häppchen, zur Eröffnung – wer nicht aufessen mochte war aufgeschmissen, weit und breit kein Teller und nix – einer Wunderkammer mit ziemlich fett museal präsentierten Torenköpfen und anderem Vanitas Zeug aus verschiedene Jahrhunderten (teilweise natürlich sehr einnehmend und wunderschön!), und einer für meinen Geschmack etwas schrillbunt zusammengestellten Werkschau aus seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst. Weiss nicht. Wirkt etwas altmodisch alles und protzig, leider eigentlich ohne Charme, das ist halt dann auch traurig, bei so viel investiertem Geld.
Am schlimmsten aber leider: Hans Peter Feldmann bei Mehdi Chouakri, Au Weia! So ein Quatsch! Absolut unverständliche Show, wer will so was sehen, wer will so was kaufen? Es muss irgendwelche für mich undurchsichtigen Gründe haben, warum hier ein paar der schlechtesten Gimmick-Konzept-Kunst-Arbeiten eines eigentlich sehr guten Künstlers zusammengetragen wurden, schlecht aufgehängt und beleuchtet wurden und überhaupt … was soll das?
Zwischendurch bemerkt, eigentlich wunderbar, so viele Galerien, überall stehen Leute bereit und Kunst herum, alles für lau, also gratis, man trifft sich, wenn es Leute sind die man mag ist das ja immer gut, dazu öfters sogar Wein oder Erdbeeren oder Bier und solche Sachen und draußen ist es sonnig und überall blüht alles und so weiter, das ist alles wirklich viel besser als muffige Messen mit Brötchen für 8 Euro fünfzig!
Leider hat die Bespielung des neuen Gebäudes am Rosa-Luxemburg Platz dann genau wieder diese Atmosphäre heraufbeschworen, die Kunst liegt sauber nach Glalerien aufgereiht nebeneinander, wichtig werden die großen Namensschilder. Kinder und Erwachsene treten aus Versehen auf Kunstwerke, es erinnert an die enge Fussgängerzone am Hackeschen Markt. Sofort flücht! Gut aufgefangen bei Olaf Stüber, der einige Arbeiten aus der ersten amerikanischen Videokunstgeneration der 70er Jahre zusammengetragen hat. Das war spannend und konzentriert. Unbedingt anschauen muss man die im oberen Raum projizierte Arbeit von Ant Farm! Ziemlich weit vorne für 1975 hab ich den Eindruck. Abseits der V.I.P.-Shuttle-Route gibt es z.B. noch eine schöne kleine Ausstellung von Andrea Winkler und Emanuel Geisser im Substitut, eine Art schweizer Minibotschaft für schweizer Künstler hier in Berlin. Hier treffen sehr unterschiedliche Arbeitsweisen gewinnend in die Räume arrangiert aufeinander. Ein weiteres mal hat Andrea Winkler eine ihrer raumeinehmenden, höchst flüchtig bunten Sprayspuren so in den vordersten Raum des Substituts gesetzt, das man erstmal einfach von der Grandezza und Lockerheit des Gestus und den Farben komplett überzeugt ist, und dann auch nach und nach noch spannende Extras entdeckt. Das ist gute Musik! Emanuel Geissers mit starkem Teleobjektiv, und anscheinend von einem ebenfalls schwankenden Schiff aufgenommenesVideo eines Tankers auf hoher See, projeziert auf ein luftig mitten im den hintersten, dunklen Raum gehängtes, etwa Din A-3 großes Blatt Papier, ist mit der dazu gemixten Musik so hypnotisch, dass ich auch diesen Raum ungern verlassen habe. Mehr wird nicht verraten, hingehen lohnt sich. Auch natürlich in die etwa 600 Ausstellungen die wir nicht gesehen haben kann man gehen.
Tai Andy Hund & Ludwig Billy Costa
3.5.2010, Berlin
Gastbeitrag, 03.05.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.