Gastbeitrag | Kritik
Kunstmessen für Jedermann?
Vom Wandel der Satellitenmessen
von Raymond Unger

Ja, die Krise ist nicht überwunden, alle wissen das. Seit Jahren widmen sich nun Monopol, Art und diverse Kunstmagazine dem Niedergang der Kunstszene, rätseln, wann das Ende des Tunnels erreicht ist, berechnen neue Trends oder beschwören das reinigende Gewitter, das nun endlich wieder „Qualität“ nach oben spülen soll. In der Regel beschäftigen sich diese Blätter mit den großen, offensichtlichen Phänomenen der Szene: Dem Preisverfall der Auktionshäuser, dem beleidigten Rückzug der Sammlermogule oder den neuen Strategien der reichsten 50 Künstler. Doch wer nicht zu diesen Kreisen gehört, wer also wie ich immer noch im Schlamm der Szene robbt, kann zudem noch ganz andere Phänomene ausmachen. Tatsächlich scheint die Krise jetzt auch an der Basis angekommen zu sein, ich spreche von dem aktuellen Gebaren der Veranstalter der Satellitenmessen. Die zwei wichtigsten Meldungen vorab: 1. Die Satellitenmessen sind jetzt billiger geworden! 2. Fast jeder kann mitmachen! Doch sind das wirklich gute Nachrichten? Da sich nicht jeder mit dem System der Kunstmessen und ihren Satelliten auskennt, hier eine kleine Einführung in die gute alte Zeit:

Vor vielen Jahren gab es in wenigen Städten dieses Planenten je eine Kunstmesse. Diese eine Messe wurde nur einmal im Jahr gefeiert und wer hier vertreten war, gehörte quasi zum Kunstadel. Veranstalter und Kuratoren dieser Messen waren gottähnliche Wesen. Ein Galerist, der hier seine Künstler präsentieren wollte, brauchte schon sehr viel mehr als Geld. Er musste zu den ganz großen des Landes zählen, er musste sehr gute Kontakte haben, sein Programm musste zum Motto des allgemeinen Kunstzeitgeistes passen, zum Ego des Kurators und natürlich zum Leitgedanken der jeweils aktuellen Messe. Wer all dies mitbringen konnte, durfte sich bewerben. Und wer dann noch Künstler im Programm hatte, die medial interessant waren, eine wirkliche Marktchance hatten, Künstler also die jung, schön, schlau, geil, hip, angesagt, toll, klug, und akademisch waren - ja, der hatte eine womöglich eine Chance genommen zu werden. Das der Messestand dann immer noch eine fünf- wenn nicht gar sechsstellige Summe kostete, war eher ein symbolischer Obolus - gemessen an der Ehre hier vertreten zu sein. Anders gesagt: Die Hauptmesse war eine Messe für Stargaleristen, die Stars vertreten, welche von Starsammlern gekauft werden. Für Kunstschaffende der Basis war ein Ticket zum Mond womöglich leichter zu ergattern, als in diese heiligen Hallen vorzudringen. Folglich war die ganze Veranstaltung einem hermetischen Klüngel vorbehalten und 99% der kreativen Basis musste draußen bleiben. Jedes Jahr im Herbst liefen dann die Heerscharen der Verschmähten wie streunende Hunde vor den Toren dieser Tempel umher, in ihren klammen Fingern ihre Postkärtchen feilbietend - in verzweifelter Hoffung, man möge sie doch eines Tages erhören. Nach Jahren dieser Schmach soll es unter ihnen verzweifelte Kreaturen gegeben haben: Diese mieteten sich LKWs die sie dann nahe dem Messegelände parkten. Und wer auch nur annähernd wie ein reicher Sammler aussah, musste damit rechnen gekidnappt und auf den LKW verschleppt zu werden, wo er dann stundenlang gezwungen wurde Kunst zu schauen. Ja, es waren wahrhaft raue Zeiten... Doch dann kamen die ersten (Glücks-)Ritter herbei und versprachen Rettung: Die Satellitenmessen wurden geboren! In Berlin heißen sie „Kunstsalon“, „Preview“ und „Berliner Liste“. Das sich innerhalb kurzer Zeit gleich drei Zusatzmessen nicht nur bilden, sondern seit Jahren auch zeitgleich halten können, macht den enormen Marktdruck klar: Auf nur einer dieser Satellitenmessen konnten 250 Einzelpositionen (also über 3000 Werke) gezeigt werden. Insgesamt handelt es sich also um Kapazitäten für fast 800 Künstler - parallel und zusätzlich zum Art Forum! Eines war den Machern der Zusatzmessen gleich klar, Sie mussten einen feinen Spagat zwischen alternativ/undergroundig einerseits UND gewissen Qualitätsstandards andererseits hinbekommen. Kein zweites, steifes Art Forum war gefragt - und doch war man natürlich auch scharf auf potentes Klientel. Sammler und etablierte Presse - die wollte man schon gern zur eigenen Messe lotsen. Eines konnte man sich deshalb auf keinen Fall leisten, den Ruf eines Kunstflohmarktes. Jede Assoziation von Laienkunst, Hobbymalerei oder Kunsthandwerk galt es unbedingt zu vermeiden. Auch hier musste kuratiert werden, doch in Ermangelung eines verlässlichen Qualitätsbegriffes, ein Drama das sich durch die ganze Szene zieht, delegierte man das Problem wie üblich weiter. Im Prinzip griff man, wie es jede Jury und jeder Kurator tut, auf die Expertisen anderer zurück. (deshalb kriegen ja vor allem Stipendiaten Stipendien, und Preisträger Preise.) Statt sich also selbst die Auswahl echter Qualität, womöglich gar von Outsidern zuzumuten, legte man sicherheitshalber von Anfang an das ganz grobe Raster an: Wichtigstes Zugangskriterium war der gute alte Trick mit der „Galerievertretung“. Denn obgleich sich diese Messen mit dem Prädikat „alternativ“ und „undergroundig” schmückten, waren diese Messen doch von Anfang an für Galeristen konzipiert - und keinesfalls für Einzelkünstler. (Allein Edmund Piper hatte mit seinem Kunstsalon den Mut etwas andere Wege zu gehen, er traute seinen eigenen Kriterien und konnte so durchaus interessante Positionen alternativer, ausgewählter Einzelkünstler und Projekte zeigen.) Ansonsten fand man nur höchst selten ein Künstler in Eigenvertretung - offiziell jedenfalls.

Anfangs konnte man dieses pseudo- Qualitätsmerkmal „Fachmesse der Galeristen“ durchaus halten, kleinere Galerien aus ganz Deutschland bewarben sich und obgleich auch hier die Messestände einige Tausend Euro kosteten, lief das Geschäft recht ordentlich. Zu Begin waren die meisten Teilnehmer dann auch tatsächlich echte Galeristen, also Händler die wirklich Künstler vertreten und eigene Räume mit festen Öffnungszeiten vorhalten. Doch schaute man etwas genauer hin, konnte man bereits 2008 zunehmend Luftnummern unter den „Galeristen“ sehen. Zunächst waren es noch die Produzentengalerien, wogegen im Prinzip auch nichts zu sagen wäre. (Auch wenn Produzentengalerien letztlich nichts anderes sind als temporär geschlossene Notgemeinschaften einzelner Künstler, im Wesentlichen um die Zwangshürde „Galerievertretung“ für derartige Messen zu nehmen.) Schließlich wurden die Galerie-Fakes immer dreister, Galerien erschienen nur für wenige Wochen auf dem Bildschirm, Galerieadressen und Öffnungszeiten wurden frech getürkt oder es wurde kurzer Hand die eigene Frau, der Bruder oder ein guter Freund zum Galeristen erklärt. Derartige Praxis war jedoch eher ein offenes Geheimnis und weder Bewerber noch Veranstalter waren an weiterer Ausklärung interessiert. Hauptsache im Messekatalog standen in den Ausstellerlisten „Galerien“ und keine Eigennamen, denn darauf war man bis 2009 noch recht stolz. So weit die Geschichte aus der „guten alten Zeit“ - denn all dies ist heute Geschichte!
Auf jeden Fall ist doch bemerkenswert: Trotz des allgemeinen Niedergangs der Kunstszene hat bislang noch keine dieser Zusatzmessen Pleite gemacht! Warum eigentlich nicht? Ist der Crash des Systems tatsächlich noch nicht bis ganz unten durchgeschlagen? Mir drängt sich eine andere Vermutung auf: Würden die Veranstalter tatsächlich an ihren ursprünglichen Kriterien festhalten - spätestens in 2010 bekämen sie wohl ernsthafte Probleme. Denn zähneknirschend und unbemerkt vom Publikum, haben viele Veranstalter für 2010 ihre Kriterien aufgeweicht. Vorbei ist es mit der Arroganz vergangener Zeiten, wo man nur mild belächelt wurde, wenn man sich als Einzelkünstler bewarb. Ganz plötzlich ist man auch als Einzelkünstler sehr gern gesehen, einfach so, ohne Galerievertretung, ohne Künstlergruppe, ohne Projekt - Hauptsache man hat die Kohle... Und Geld war bekanntlich noch nie das Problem von Zahnarztfrauen oder pensionierten Studienräten. 2010 ist nun ganz offiziell auch das letzte Feigenblatt, die „Galerievertretung“, als Zugangskriterium gefallen! Natürlich werden die Messen nach wie vor noch kuratiert - doch möglicherweise sind sie dem Niveau eines Edel-Kunstflohmarktes ein großes Stück näher gekommen. Auf jeden Fall kommt jetzt echte Arbeit auf die Veranstalter zu, denn sie können sich nicht mehr länger hinter dem Prädikat „Fachmesse der Galeristen“ (ob pseudo- oder nicht) verstecken. Und eine Entscheidung für einen Einzelkünstler, fällt nun voll auf den Kurator der jeweiligen Messe zurück. Diesen Herbst darf man also gespannt sein, ob die gelockerten Bedingungen jetzt noch interessantere Positionen nach oben spülen - oder ob es unter dem allgemeinen Existenzdruck doch eher zu einer Verflachung des Niveaus kommen wird. Letzte Woche auf der vierten „tease art fair“ in Köln hatten wir sie jedenfalls schon, die schwäbische Hausfrau und Volkshochschulabsolventin. Sie kam per Bahn mit einem Trolley anreist, ihre kleinen Ikea gerahmten Mini-Bildchen waren schnell auspackt: „Ha noi, jede Tag a Bildle, des isch mei Konzept!“ Und jedem Besucher, ob er wollte oder nicht, wurde minutiös erklärt, was wirkliche Kunst ist, dass sie alle Medien beherrsche, dass der Scanner ihres Computers die Malerei von heute sei, und dass alles was sie findet, Knochen, Blüten und Blätter, von ihr gescannt, eingeschweißt und gerahmt wird und dass es trotzdem: WIRKLICH ECHTE KUNST IST! „glei zum mitnehme, ha noi, des isch mei Konzept!“

Gastbeitrag, 06.05.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Hi. Warum werden Kommentare nicht freigeschaltet. Ist das hier kein blog?
Guiseppe Emozioni | 10.05.10
Doch, lieber Herr Emozioni,
Kommentare werden freigeschaltet. Allerdings nur, wenn sie nicht so bescheuert sind wie Ihr Kommentar vom 9. Mai:
"Tja, dann würde ich aber ein Zahnarztfrau mit "echtem Kunst-Background" als Galeristin schon akzeptieren, so lange sie nicht aus Schwaben kommt und selber Kunst machen will. Dafür würde ich dann auch ein bißchen tun...Symphatie vorausgesetzt!"
und eigentlich nur dazu dienen den eigenen Web-Shop zu promoten. Umgangssprachlich heißt sowas Spam.
Herzliche Grüße
M
Markus | 11.05.10
Äh, wieso? Immerhin hatte ich ja auf der tease art fair ausgestellt und daher durchaus ein Interesse an diesem Artikel. Kunst - oder auch keine Kunst - daraufhin zu bewerten, dass jemand schwäbisch mundartet, ist ja mal keine Kunst und auch nicht originell.
Bloggen lebt auch vom Vernetzen, da kann man nichts machen und das soll auch so sein. Spam ist da doch wohl was anderes.
Bescheuert ist, wenn man Kommentare als bescheuert definiert, weil sie einem nicht gefallen. Besten Gruß, GE
Übrigens ist das gar nicht mein Web-Shop, ich schreibe nur den blog. Da ich an sich den kunst-blog durchaus schätze, würde ich ihn auch gerne mit meiner Seite verlinken. Ich erwarte da auch durchaus keinen backlink, denn anrüchig ist es schon, das Geld verdienen. Ich hoffe es ist dennoch in eurem Sinne.
Guiseppe Emozioni | 11.05.10
Wir müssen Kommentare nicht veröffentlichen.
Schon gar nicht wenn wir ungefragt mit irgendwelchen kommerziellen Plattformen "vernetzt" werden.
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Habe die Ehre
M
Markus | 11.05.10
Sehr interessant, Herr Unger - und es bestaetigt auch meine Beobachtungen/Befuerchtungen. Das einzige, was uns "im Schlamm steckenden" Kuenstlern, die nicht zu den "Glitzeraties" des Kunstmarktes gehoeren, bleibt, ist sich zusammenzutun, unsere Aktionen selbst zu vermarkten und hoffen, dass wir im lauten Gebruell der Medien- und Finanzwelt gehoert werden. Man beschreitet als ernsthafter, forschender Kuenstler ja immer die Gradwanderung zwischen Arbeit und Vermarktung...bei zuviel Selbstvermarktung leidet oft das kuenstlerische Vorankommen/Arbeiten...und dann wird immer die gleiche Arbeit und Ausdrucksform unendlich wieder aufgewaermt aber gross angepriesen...wir sollten uns zuerst als Kuenstler verstehen, nicht als unsere eigenen PR Manager...boese Falle...
Keike Twisselmann | 06.11.10