Charlotte Lindenberg | Essay

Mach hinne

Mein Glaube, von nichts mehr erschüttern zu werden, wurde erschüttert durch eine dieser Ehrenamt-zu-vergeben-Mails. Gesucht wurden Beiträge zu einem eigenartigen "Experiment". Obwohl – so eigenartig nun auch wieder nicht. Vielmehr auf der Höhe der Zeit. Entstehen sollte "eine sammlung von kurzreviews, kurzstatements, kurzerlebnissen ... zeichenanzahl sollte die 1000 nicht überschreiten. ... bitte macht auch bilder".
Erste Reaktion: Geht’s noch?


Grandville, aus Un autre monde, 1834

Und dabei wollt ich’s belassen. Womit ich Plaudertasche meinen lang gehegten Wunsch, ein Limit zu UNTERschreiten, verwirklicht hätte - und zwar um exakt 989 Zeichen.
Aber nein, ich kann’s nicht lassen, und daher folgt hier nun doch die weitschweifige Erläuterung meines fassungslosen Kopfkratzens.
Komplette Ausstellung in 1000 Zeichen? Brauchen wir tatsächlich weitere komplexitätsreduzierte Expressgüter, zum sofortigen Verzehr bestimmt, weil mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum von vorgestern?


Grandville, aus Un autre monde, 1844


Das kommt davon
Infolge des sich seuchenartig ausbreitenden Drangs zur Datenverdichtung aus Rücksicht auf die angespannte Informationsverarbeitungslage im Hirn des gemeinen Kunstfreundes dämmern Umfang und Schwierigkeitsgrad eines Werbetextes am Horizont der Kunstkritik herauf. Rezensionen werden twitterbar oder nicht sein.
Ein brillantes Zeugnis werbetextlicher Kreativität verdanken wir einem lokalen Radiosender, der sich einer Hörerschaft rühmt, die "weiß, dass Osama und Obama mehr trennt als ein Buchstabe."
Was will man mehr. Wie viele Anzeigen seitens der so blamierten Gemeinde beim Sender eingegangen sein mögen, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls beschleicht mich der grausame Verdacht, dass eine solch unkompizierte Zielgruppenanalyse Schule machen könnte. Womöglich bescheinigen auch zurechnungsfähige Medien ihrer Klientel demnächst die Fähigkeit, Tillmans von Tuymans zu unterscheiden.
Benutzerfreundlich wären solche Informationssalven durchaus, ist doch statistisch erwiesen, dass zusammenhängende Texte im Netz allenfalls überflogen, zu deutsch gebrowst, und ihre Fortsetzung enthaltende weitere Seiten nur selten geöffnet werden.
Demnach sollte das Ziel beim Verfassen der Kunstkonsum motivierenden Texte "Informationsreichtum durch Zeichenarmut" lauten.


Grandville, aus Un autre monde, 1844


Geht doch nicht
Dass sich nicht alle Sachverhalte raum- und zeitsparend bewältigen lassen, beweist der Umgang mit eben dieser Frage, nämlich der nach dem Sinn zunehmender Schrumpfgelüste in der Kunstberichterstattung. Schließlich plädieren Theoriemüde unter Verweis auf den selbstreferenziellen Sprachbombast der 1980er und 90er Jahre für eine Konzentration aufs Wesentliche. Wären aber pointenmaximierte Ultrakurzrezensionen tatsächlich gleichbedeutend mit Essenzialisierung, ließe sich meine Haltung gegenüber der grassierenden Texte-To-Go-Mentalität ("on the run", um genau zu sein) komprimieren auf: „Kurz = schlecht, lang = gut; hoffentlich sind wir bald durch mit den fossilen Energieträgern, damit wir endlich ganz mit ohne online bei Kerzenschein die Bücherberge abarbeiten können, die uns seit Jahren so vorwurfsvoll angrinsen.“
Leider isses so einfach nicht und passt daher weder in 1000 Zeichen noch in die Aufmerksamkeitsspanne des sprichwörtlichen Goldfischs.
Vielmehr läuft auch die Frage nach den Vorteilen der Simplifizierung des Komplizierten auf die so langweilige wie zeitlos wahre Antwort hinaus: Kommt drauf an.
Auf die Bedürfnisse nämlich. Wie viel Zeit und Energie wir investieren, ist so unterschiedlich wie das mediale Angebot. Anders gesagt: Du Zeit, du Buch. Du kein Zeit, du gucken Computer. Womit wir unweigerlich zu der ebenfalls langweiligen und allenfalls auf warholscher Ebene wahren Schlussfolgerung gelangen: Alles ist gut.
Doch kaum verweisen wir somit auf die Möglichkeit, die den individuellen Zeit- und Energievorräten jeweils entsprechenden Formate zu finden, erklingt der kollektive Seufzer, das sich ständig ausweitende Angebot sei nicht zu bewältigen, und wer solle das überhaupt alles lesen?


Grandville, aus Un autre monde, 1844

Antwort: Niemand. Auswählen sollen wir. Müssen wir. Denn dass Aufmerksamkeit zu den wertvollsten, weil knappsten Ressourcen gehört, dürfte sich rumgesprochen haben.

Und somit beende ich die traditionsreiche Schimpftirade auf die verkommene Neuzeit mit einem abermals so langweiligen wie zeitlos wahren Verweis auf den Mittelweg: Der Bildschirm ist nunmal nicht der angestammte Lebensraum elaborierter Wortgewalt. Ausführliche Texte lesen die meisten von uns lieber unplugged in der Horizontalen mit Zellulose vor den aufatmenden Augen.


Grandville, aus Les animaux, 1842

Aber auch online besteht zwischen fußnotenschwangerer Gründlichkeit und Brainstorming auf SMS-Niveau ein gewisser Spielraum, in dem sich semi-erschöpfende Texte zwischen „Dies muss rein“ und „Das kann raus“ entlang schlängeln.

Charlotte Lindenberg, 09.05.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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