Gastbeitrag | Kritik

Mehr Menschen wohnen ...

... jetzt seit irgendwann 2008 in Städten ...

von Ludwig Billy Costa

Die Stadt . Vom Werden und Vergehen
08.05.2010 - 04.07.2010
c|o Berlin, Postfuhramt

... als »auf dem Land«, heisst es, und das war wohl unter anderem ein Grund warum die für so eine Art Überleben oder Neuaufleben eines irgendwie »freien«, abenteuerlich investigativen, jeweils One Woman oder One Man Fotojournalismus und Ähnlichem stehende Fotoagentur Ostkreuz, ehedem ein Zusammenschluss von Ostberliner Fotografen (Sieben Fotografen schlossen sich 1990 zusammen und gründeten die Agentur OSTKREUZ. Alle zählten zu den wichtigsten Fotografen Ostdeutschlands und setzten es sich gemeinsam zum Ziel, ihre Arbeit in der Tradition der Autorenfotografie fortzusetzen, die mehr will, als das „schöne Bild“) , jetzt seit längerem mit teilweise auch westdeutschem Nachwuchs dabei, im c|o Berlin eine ziemlich große Ausstellung einiger ihrer Mitglieder mit dem Titel »Die Stadt.Vom Werden und Vergehen« zeigt, und es auch noch ein bodenständig gut gemachtes, sehr dickes Buch dazu gibt.

Das klingt natürlich – trotz ein klein wenig zum Kitschigen neigenden Titel – erstmal interessant und darin herumlaufend sieht man auch, dass das auch viele andere Leute meinen, es war sehr gut besucht, allerdings war auch ja auch Sonntag.

Ich würde mir ja wünschen, dass ich nicht immer diese Namensschilder so groß und hässlich überall in den Räumen sehen muss, anderen ist das ja auch egal, aber ich seh´ sie blöderweise halt, und sie sind eben hässlich, auch die Texte zu den Bildern sind nicht besonders ansehnlich angebracht, und dann immer die Frage wer wie was gerahmt hat, die drängt sich bei solchen Ansammlungen von ausgestellten Fotos immer sofort in meine Wahrnehmung, und, dass sich das auch ja unbedingt jeweils unterscheiden muss, und so, damit es erkennbar autorenzuschreibbar und so was ist, blöde Probleme aber realistisch gesehen: man hat sie halt einfach und das ist irgendwie insgesamt manchmal traurig … egal, die Texte – alle aus Interviews mit den Fotografen entstanden und redaktionell wohl durch einen dirigierenden Kanal geführt, überzeugen durch ihre Qualität, die nichts diskursiv besonders hochkochen will, nah an den Produzenten bleibt, und einfach einen Ton trifft, der erstaunlich ist und den ich so bisher selten gelesen hatte, man bekommt den Eindruck, ja, so haben die vielleicht wirklich gedacht, so sind die da dran gegangen, irgendwie keine überfrachteten Interessensbekundungen, sondern so einfache Gedanken und Umstände, aus denen manchmal dann das Spannendste entsteht – manchmal übrigens sind die Texte zu den Bildern vielleicht besser als die Bilder selber – Anfangen tuts dann mit ziemlich großen Prints von Fotos aus … Dubai natürlich … da geh ich sofort weiter. Es reiht sich Städterecherche an Städterecherche und Ähnliches, alles mehr oder minder interessant, aber ein wirklicher Funke will trotz durchgehend sehr prima Qualität und Symapthie für diese auf eigene Faust Geschichten nur bei ein paar der Reihen zu mir überspringen, vielleicht z.B. bei Harald Hauswalds schlichten und klassisch, straight street -s/w fotografierten kleinen Bildern aus China, ich weiss nicht mehr genau aus welcher Stadt oder Städten, da gibt es wirklich ganz wie nebenbei entstanden, für mich aber teilweise trotz klassischer Methode, wirklich einizigartige und neue Momente.

Auch vielleicht die tolle Qualität der einzelnen Fotos von 2009 – allen voran das Bild mit dem großartigen Titel »das letzte Reh im Zoo« – im Gaza Streifen zerstörten Häusern, von Heinrich Völkel, aber auf jeden Fall bei den wunderschöne traurig altmodisch und eleganten Bildern von Sybille Bergemann, die sich auch einfach nicht wirklich einem Thema unterwerfen mögen, sondern zu einer Kombination zusammengestellt sind, deren »Grund« sich nicht so einfach offenbart. Was machen diese elegischen Mädchenportraits da dazwischen z.B.? … da muss man sich was dazu denken, oder fühlen, oder beides zusammen am Besten, warum, und das ist aber eben genau gut so, meiner Ansicht nach, es ist nämlich auch trotzdem nicht beliebig. Und genauso ist es auch bei den Bildern von Linn Schröder, die einen sehr schönen, kleineren, aber dafür nur von ihr mit Arbeiten aus der Reihe »TO BEJEWEL« bespielten, fast quadratischen Raum füllen wie eine Art Kammerspiel. Man schaut sich da eine merkwürdig schloss- oder burgartige Tür an, z.B., die sich nicht mehr klar einer Realität, einem Modell, einer Bühne, einem Kinderspielzeug, einem Werbedisplay, oder Ähnlichem, zuordnen lässt, das einzige Bild das von ihr hier in toll düsterbunter Farbigkeit hängt, die anderen sind in einem s/w das ich noch selten gesehen habe, eben kein Baryth- oder klassisches s/w Fotopapier, irgendwie etwas plastikhafteres, das eben genau zu den Bildern aber super passt (Im Katalog sind sie übrigens farbig gedruckt, das ist recht verwirrend, aber wohl auch so gedacht, beides passt, und vielleicht gibt es die Bilder eben auch einfach s/w UND farbig, warum auch nicht).

Dann geht es zu einer urtypisch wirkenden amerikanischen Landschaftsfotografie Marke Wim Wenders, nur nicht in so einem prätentiösen Format, das wäre eigentlich nicht so ganz mein Fall, würde nicht auch dieses Foto zusammen mit den weiteren der Reihe plötzlich eben genau in sich selber tausendfach gespiegelt werden und eine »authentische Natur« einfach in den Reigen der Szenen eines Bühnenbilds eines Bildergdächtnisstreifens über den Mythos Amerika, den wir alle von frühester Kindheit an kennen, aus Filmen, Fotos etc.eingereiht werden, und zwar wohl ganz bewusst aber ohne aufrdringliches Ich-Weiss-was -Gedröhne. Ein Mädchen klopft an eine Tür und ich weiss eigentlich gar nicht wieso ich das so unheimlich finde, die Szenerie darumherum ist eben merkwürdig, es stimmt was nicht, und im Zusammenhang mit dem unglaublich kitschig tollen Foto einer irgendwie Palladio-neoklassizistischen Fassade durch ein Fenster mit blauem Himmel darüber – Realitätsgrad der einzelnen Elemente und auch deren Beziehung untereinander auch hier ungeklärt, so was kann Foto eben ,wenn mans will – und dem wächsernen Mann mit Cowboy Supermann Unterarm und totem Blick wird’s zu einem Ausschnitt aus »Mullholland Drive – Teil 2« oder sowas ähnlichem, es zieht einem auf leichtfüßige Art ganz einfach gleich mehrere Böden unter den Füßen weg, und wer sich darauf einlässt und den Grusel genießt, möge dann bitte unbedingt auch einen Blick in die ungemein obszöne Öffnung auf einem der rätselhaftesten Bilder der Ausstellung werfen, dass dort auch hängt. Super Arbeit, und ich freu mich schon auf die nächsten Fotos von Linn Schröder, die hoffentlich bald wieder irgendwo zu sehen sein werden.

Der kleine Text dazu im Buch verrrät dann vielleicht fast ein bisschen zuviel, ist aber wegen seiner locker privat subjektiv gehaltenen Erkenntnisse zu einer ganz bestimmten Stadt (Hingehen und schauen!) trotzdem auch noch mal ergänzend ganz hübsch zu lesen.

Ludwig Billy Costa
Berlin, 15.5.2010

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