Gastbeitrag | Rückschau

WOLS IN DER HGB LEIPZIG

von Volkmar Hilbig

Schon wieder vorbei ist sie, die kleine Ausstellung und außerhalb Leipzigs hat sie kaum einer wahrgenommen. Nun wollen wir nicht hadern, eher den Initiatoren und Kuratoren danken: wir haben die Ausstellung ja gesehen. Zu fragen ist eher, warum dieser zugegeben nicht als Philanthrop zu bezeichnende Außenseiter immer noch dem abgegriffenen Begriff Geheimtipp näher steht, als dass er zum selbstverständlichen Standardrelevanzpunkt und allseits verehrten Ausnahmekünstler geworden ist. An seiner dramatischen Biografie, die, gemessen an den äußeren Umständen, den wechselnden Schauplätzen, der an Weglassungen nicht geizenden Zeit, erstaunlich wenige weiße Flecken aufweist, kann es nicht liegen, am hinterlassenen Werk schon gar nicht.

Alfred Otto Wolfgang Schulze, 1913 in Dresden geboren und 1951 in Paris gestorben, gehört zu den Begründern des Informel, des Tachismus; das ist verbürgtes kunsthistorisches Wissen, Klischees liebende und sich mit Halbwissen brüstende Zeitgenossen garnieren diese Information gern mit dem Hinweis auf seine, letztlich auch für den frühen Tod verantwortliche Alkoholabhängigkeit.

Wols, so wird man der Geschichte gerecht, ist schlechthin der Beweis dafür, dass eine vom Künstler angestrebte Einheit von Leben und Werk stets mit einem gehörigen Maß an Selbstzerstörung einhergeht. Wols lebte immer im Augenblick, der Ewigkeit für ihn war und die ständigen existentiellen Sorgen konnten ihm das Glück des Augenblickes nicht verleiden. So schreibt auch der Wols-Experte und Ko-Kurator der Ausstellung, Hans-Joachim Petersen, „man dürfe sich Wols nicht als unglücklichen Menschen vorstellen.“
Genau ! Genau das hat man in Leipzig gesehen.

Der 1932 mit einer Empfehlung Lászlo Moholy-Nagys nach Paris ausgereiste und nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrte Wols bewegte sich dort im Kreis der von den Surrealisten dominierten internationalen Boheme und schuf in den 30er Jahren zauberhafte Porträtfotografien und Aufnahmen von Stadtlandschaften und Interieurs in extrem subjektiven Ausschnitten. In Leipzig zeigte man auch lustig-putzige Selbstporträtfotografien, auf denen der Künstler Fratzen zieht oder den Trunkenen und Verschlafenen mimt. Oder eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Wäsche im Eimer; die ist nicht schön, zeigt aber schon die philosophische Herangehensweise, die fatalistische Selbstverständlichkeit, in allem Gegebenen ein abbildungswürdiges Objekt zu sehen. Und mehr noch, man muss nicht alles strikt und im streng materialistischen Sinne selbst sehen, „Sehen, das heißt die Augen schließen“ ist ein Motto von Wols und in den Jahren der Odyssee des Künstlers mit Internierung, Flucht und Illegalität wird dieses Motto Überlebensstrategie. In dieser Zeit zeichnet und aquarelliert er, die entstandenen Arbeiten zeigen skurrile Wesen, mal insektenförmige Kreaturen, mal gallertartige Verformungen; alles irgendwo zwischen emphatischer Aneignung der Naturformen und künstlerischer Gestaltung, weder rein zufällig noch rein geplant. Wols Freund Sartre vergleicht die Arbeiten dieser Zeit gern mit dem Schaffen Paul Klees und bemerkt „Klees Figürchen erfreuen sich einer angeborenen Schwerelosigkeit, … entführen in Regionen, wo die Dinge nach oben fallen“ während „bei Wols…es zwar ein Sich-Erheben gibt, aber keine Flucht vor der Erdanziehung“. Auch die Flasche taucht früh in den Werken auf: ein auf sich selbst bezogenes Symbol, ein Komplize, dessen er sich nicht rühmt, der aber die Normalität in die wirre Welt bringt.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hin entstehen zarte und detailreiche Zeichnungen halbrealer Segelschiffe und Stadtlandschaften voller aufgetürmter Häuser auf koloriertem Papier. Im Nachhinein kann man das als letztes Aufbäumen und als Abschiednehmen zum Gestischen, zum unakademischen Malakt hin deuten, wobei man eben nicht genau weiß, wie es zu den cirka vierzig 1945/46 geschaffenen Ölbildern kam, die seinen Ruhm als Erfinder des Informel begründen. Die Episoden seines vorherigen Schaffens sind keine stringente Vorbereitung des neuen Stils, vielmehr hat sich sein nihilistisches Informel als Ventil für gescheiterte Jugendträume, für erlittenen Schmerz, für die allgemeine Verrohung der Welt, aber auch für das Nichtzurechtfindenkönnen in der Normalisierung der allgemeinen Lebensumstände in der Nachkriegszeit entwickelt. Jetzt werden Techniken angewandt, die wir gern mit Jackson Pollock oder K.R.H. Sonderborg verbinden. Da läuft die teilweise verdünnte Farbe schräg über die Leinwand, da wird getropft, gekratzt, gefurcht, werden Fingerabdrücke aufgebracht, wird mit dem Lappen verrieben und die Tube ausgedrückt, ohne auf Pinselmalerei völlig zu verzichten; alles Sachen, die manch einer heute immer wieder neu zu erfinden glaubt. Hier hat es einer vorbildlos als sein Abbild der Natur geschaffen, als die ihm gemäße passive Antwort auf „unser aufgeregtes Treiben“, wie er es nennt und wie es Sartre uns überliefert. Seine masochistische Selbstsuche lies keine anderen Bilder mehr zu. Mehrere, sich hintereinander öffnende Malschichten werden gern als Ausdruck der Verletztheit des Künstlers gedeutet. Aber da ist kein Selbstmitleid, kein Klagen, keine Larmoyanz, da hat einer die taoistische Philosophie verinnerlicht. Der Alkoholiker, dessen Aktionsradius eh immer kleiner wird, ernennt seine aktive Passivität zum eigentlichen Ziel und schafft unrezipierbare Bilder, bei deren Betrachtung Schweigen angemessen ist.

„Nicht tun, sondern sein und glauben“ sagt er und die „unglaubliche Kraft der Natur“, die sich ihm in einem Riss im Asphalt offenbart, ist ihm nur bei Nacht möglich anzuschauen. In der Distanz zu sich selbst erkennt er die ihm wichtigen Dinge und ist auf seine Art glücklich darin. Er hat sein Schicksal nicht stoizistisch angenommen sondern bewusst gesucht: nur in der Abkehr vom Eingebundensein in irdische sprich banale Tätigkeiten ist die angestrebte Einheit von „Bild“ und „Ich“ zu erreichen. Das in seinen Bildern zu sehen, bedarf es schon einer besonderen Sensibilität, einem Einfühlungsvermögen jenseits jeglicher hektischen Tagesaktualität und vielleicht auch einen gehörigen Schatz an Lebenserfahrung.

Die malerische Qualität seiner Arbeiten zu erkennen ist da schon einfacher. Warum wir uns in Deutschland immer noch schwer tun, Wols als Jahrhundertkünstler anzuerkennen, ist nicht so leicht zu erklären; Düsseldorf präsentiert derzeit „Le grand geste“ – dort ist Wols zwar in der Ausstellung vertreten, aber bei den im Ankündigungstext hervorgehobenen mehr als 20 Künstlern schon nicht mehr, in Berlin zeigte kürzlich die Galerie Cruise&Callas eine lobenswerte kleine Ausstellung unter dem Titel „Gegen die Form. Informel 1954-2010“, da passt Wols zeitlich nicht hinein, wurde aber auch in der ansonsten informativen Führung nicht erwähnt. Die hier als Textaufhänger benutzte Leipziger Ausstellung kam in den überregionalen Feuilletons nicht vor, in den einschlägigen Medien werden Expositionen mit verdienten Nachfolgern wie Götz, Schumacher, Hoehme, Trier empfohlen…

Als die Berliner Galerie Brusberg im Rahmen einer Hommage an Max Ernst 2009 zwei kleine Tuschezeichnungen von Wols mit offerierte, wurde mir auf die Frage nach dem Preis eine „38“ mehr oder weniger konspirativ zugeraunt. „Tausend Euro“ musste ich in Gedanken selbst ergänzen. Immer noch geschenkt.

Gastbeitrag, 26.05.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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