Gastbeitrag | Kritik
InnenStadtAußen
von Hugo Boadas
zur Ausstellung
Innen Stadt Außen
von Olafur Eliasson
Martin Gropius Bau
28.4.-9.8.2010
täglich 10–20 Uhr, am 6. Juli 10–24 Uhr
»Kann man Werke machen, die nicht ‘Kunst’ sind?« fragte sich Duchamp in seinen Notizen (»A l’infiniti«f). Man muss die Bemühungen von Eliasson in dieser Hinsicht würdigen: Er hat es tatsächlich geschafft, was Duchamp versagt blieb, er macht keine Kunst. Aber was ist es dann, was den Besuchern im Martin Gropius Bau geboten wird und weshalb die »Show« zum Publikumsmagneten wird? Haben wir es vielleicht mit einer Verbindung von Kunst und Wissenschaft zu tun? Wird die Kunst zum Mittel einer Popularisierung der Wissenschaft? Oder bedient sich hier die Kunst wissenschaftlicher Vorgehensweisen, um auf ihrem eigenen Feld voranzukommen? Ist Eliasson vielleicht sogar jemand, der dem Szientismus verfallen ist? Wahrscheinlich wäre es etwas überzogen, Eliasson Wissenschaftsgläubigkeit zu unterstellen, aber ein Skeptiker ist er auch nicht, denn seiner Kunstidee fehlt das Befremdliche, das eine Mindestanforderung an jede Kunst sein sollte. Dieses spekulative Element würde es ihm erst erlauben aus der didaktischen Form und Effekthascherei herauszutreten und einen erstzunehmenden, künstlerischen Gegenpol zum Szientismus zu bilden.
Eliasson nimmt natürliche Phänomene zum Anlass, sie in Versuchsanordnungen nachzubilden. Dies geschieht aber nicht, um die Wahrnehmung unserer Realität zu schärfen oder zu verunsichern, sondern um sie darzustellen. So bereitet er solche Phänomene zu kommensurablen Einheiten auf und arrangiert Vorrichtungen, um Wahrnehmungsphänomene hervorzurufen, von denen der Kurator Birnbaum behauptet, sie seien nur gemacht worden, um ihre Erzeugung zu demonstrieren. Soll das gezeigt werden, dann geht es um ein technisches Arrangement, ein Dispositiv, dass lediglich die Überlegenheit des Kunstwerks vor dem Naturgebilde zeigen soll, ein überholter Gedanke. Diese Arrangements sind zu wenig für die Kunst, genug aber für eine Schulstunde in Physik. Zum besseren Verständnis unserer sinnlichen Wahrnehmung trägt es nicht bei und verlegt auch nicht den Betrachtungspunkt der Kunst jenseits der Alltäglichkeit. Wenn Daniel Birnbaum in einem Interview der RBB-Abendschau erklärt, der Künstler beschäftige sich mit »Neurobiologie« und »Konstruktion von Wirklichkeit«, so frage ich: »Wer eigentlich nicht?«
Spätestens seit die Neurobiologie in der Lage ist mit bildgebenden Verfahren zu zeigen, welche Areale im Hirn sich in Erregung befinden, glauben wir zu wissen, wie das Denken funktioniert. In einer Zeit, in der jeder Laie glaubt, über Kunst etwas sagen zu können, wagte bislang noch niemand über Mathematik zu sprechen, so eine andere Feststellung Duchamps. Das soll nun scheinbar anders werden. Man muss sich über Eliasson wundern, seine Kunstabsicht zum Steigbügel zu machen für eine Folk Science, eine Küchentheorie.
Da nützt es auch nichts, wenn man für den Katalog mit Lorraine Daston eine prominente Wissenschaftshistorikerin engagiert. Diese bringt nicht auf den Punkt, was denn die Spezifität der Erkenntnistätigkeit des Künstlers sein soll, geschweige denn kann sie uns sagen, welche Wirklichkeit Eliasson hier konstruiert. Wenn mit Rückgriff auf Descartes versucht wird, den Künstler zum Fachmann für das Hervorbringen des Staunenswerten zu machen, dann zeigt das eine reduktionistische Sichtweise auf die Tätigkeit des Künstlers. Man wird weder dem Künstler gerecht noch lässt sich das Staunen nach Descartes an den Objekten der Kunst festmachen. (»Les passions de l’ame«, Artikel 72,73) Wenn also Eliasson Dinge hervorbringt, die uns in Erstaunen versetzen sollen, so ist das ein Rückfall in die Vorstellung vom Künstler als divino artista, dessen Werke uns verharren lassen. Die Kunst sollte unser Denken aber wachrütteln mit uns Befremdlichem, das zu überwinden gilt. Statt belehrender Erklärungen sollen Erkenntnisobjekte unser Denken in Bewegung setzen! Jeder von uns ist in jene Tätigkeit einer Konstruktion von Wirklichkeit verwickelt, ohne Künstler sein zu müssen. Uns verbleibt der Eindruck, es werde mit Spiegelfechtereien eine Wirklichkeit rekonstruiert, wie Eliasson sie verstanden hat, und uns als magisch vermittelt.
»Innen Stadt Außen« lautet der Titel und ein populistischer Künstler, der populär werden möchte, richtet sich deshalb an alle Berliner. Deshalb nimmt er ihnen auch gleich die Scheu vor der Aura einer Ausstellung, indem er dem Berliner seinen geliebten Granitplattenbürgersteig auslegt, auf dem dieser blitzschnell drei Räume durchschreiten kann. »War gar nicht schlimm,« sagt Orje zu Kulle, »war ja gar nichts zu sehen.« Den »Reality compass« hatten die beiden einfach übersehen. Aber ein Trampelpfad, der einem bekannt vorkommt, hat bereits eine Richtung und real ist er allemal. Zur allgemeinen Belustigung stehen die beiden dann vor einem gestalteten Zerrspiegel, womit der Rest an nutzloser Ehrerbietung des Betrachters vor den Möglichkeiten der Kunst an deren Zerrbild aufs Kommende vorbereitet wird.
Das Kino hatte seinen Ursprung auf dem Rummelplatz, und nun wird dem Rummelplatz die Kunst zurückgegeben. Dem Betrachter werden Effekte angeboten, die mit den Mitteln des Schaustellergeschäfts erzeugt werden: Zerrspiegel (»Mercury window«), Kaleidoskop und Spiegelkabinett (»Mikroskop«),Geisterbahn (Farbnebelwolken im »Your blind movement« oder eine Wasserpeitsche im »Water pendulum«). Inszenierungsbeispiele für optische Experimente finden wir mit »Suney«, »Your blind movement«, »Round rainbow« und den drei Räumen mit Varianten von »Your uncertain shadow«. Die beiden Sphären und »Twilight stars« illustrieren zu Raumkörpern gewordene Modelle, die der inszenierte Werkstatttisch mit den Modellkörpern »Modell room« vermittelt.
Eliasson zeigt nur das, was es schon gibt: Schulwissen oder Populärwissen reichen dafür allemal. Für diese Eindrucksästhetik liegt der Kunstanspruch in einer Art Impressionismus jenseits der Staffelei. Seurat für Fortgeschrittene? Oder sind das einfach nur Versuchsaufbauten, wie ich sie aus dem Physikunterricht noch gut in Erinnerung habe? Dazu gesellen sich einige Modellkonstruktionen aus der stereometrischen Lehrsammlung eines Gymnasiums zur Veranschaulichung von Waben- oder Gewebekörpern, von Lamellen oder Kristallen mit mehreren Symmetrieebenen, regelmäßigen und abgestumpften Polyedern und Rotationskörpern mit hyperbolischer oder parabolischer Krümmung oder Rotationsflächenkörper, die einen Torus oder eine Brezel entstehen lassen. Den Brezelverkäufer habe ich vor dem Gropius-Bau gesichtet und ich habe mich gefragt, warum er nicht für die Ausstellung engagiert worden ist, um die Sache noch lebensnaher, noch volkstümlicher zu gestalten. Leider scheint es dem geborenen Isländer an Humor zu fehlen, obwohl die Konstruktion von Wirklichkeit eine spaßige Sache sein kann, glaubt man dem konstruktivistischen Philosophen Heinz v. Förster: »Da ist Leben, da ist ja auch Spaß. Im Überleben wäre ich hingegen ununterbrochen vom Tod bedroht.« (H v. Foerster, »Der Anfang von Himmel und Erde …«, Berlin 2002, S.123)
Der oberflächliche Besucher, der im Physikunterricht gefehlt hat, lässt sich beeindrucken durch das, was er nicht versteht, und von denjenigen, die zu wissen scheinen, was er nicht weiß. Und genau deshalb hält er es – ruck, zuck – bei ansprechender Darreichungsform für Kunst, denn davon versteht er ja auch nichts. Laien- oder Eindrucksästhetik kann man so etwas nennen, die zum Ergebnis hat, dass sich hinterher gehörig mitreden läßt. Ein paar verspiegelte Flächen, ein paar farbige Filter oder Lichtquellen, ein wenig farbiges Gewölke und Gewebe, das sind die wenigen Hilfsmittel mit denen Erlebnisräume geschaffen werden können. Das freut die Freunde von André Heller bis Pink Floyd, denen nur noch die Musik fehlte. Aber keine Sorge, ich prophezeie dies auch noch. Wie einfach war es doch noch zu Kippenbergers Zeiten, Kunst aus dem Bauch heraus zu machen, wenn er denn gut mit Alkohol gefüllt war!
Das, was den Laien beeindrucken mag, bleibt doch langweilig, wenn es scheint, der Künstler wolle etwas erklären. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass der Künstler, der selbst ein Laie in den Wissenschaften ist, etwas erklären möchte, was er kurz zuvor gerade verstanden zu haben glaubte. In didaktischer Absicht werden plötzlich physikalische Phänomene in Darstellungsformen gebracht und zur Kunst erklärt. So arbeitet man allenfalls am rationalen Gerüst für die irrationalste Erkenntnisform überhaupt, die der Mensch hervorgebracht hat, die Kunst. Der Kunst würde daher viel eher entsprechen Erkenntnisobjekte zu schaffen, die zum Katalysator für die Konstruktion von Wirklichkeit werden könnten. Das ist, wie ich gerne zugebe, viel verlangt. Es hätte aber etwas mit der Konstruktion von Wirklichkeit zu tun und die aufklärerische Absicht hätte dann wenigstens einen Gegenstand für die Arbeit an der Logik des Irrationalen. Eliasson gelingt das in keiner seiner Arbeiten. Das Präsentationsbrimborium des Ganzen ersetzt die Kunstabsicht oder verschleiert und verbarrikadiert sie bestenfalls. Wie Eliasson zappeln viele Künstler im Schleppnetz eigener Präsentationsmodi und kommen dann auf den Tisch von Medien, Tourismus- und Vermarktungsagenten.
Wenn Eliasson auf der einen Seite den Physikversuch »tunt«, um ihm die Aura der Kunstform zu verleihen (z.B. »Your roundabout movie«, »Reality compass«, die beiden Sphären, »Round rainbow«), so gerät »Your uncertain shadow« in seinen Varianten zur puren Illustration des Höhlengleichnisses von Platon. Der Besucher, angestrahlt von Halogenlampen, findet seine Schatten mehrfach an die Wand projiziert. »Water pendulum« nimmt die aus dem Film von Henri-Georges Clouzot (»Le mystère Picasso«, 1955) bekannte Geste Picassos des Lichtzeichnens auf. Aber auch diese ist in der Fotografie schon zum Allgemeingut geworden. Unoriginell kommt auch »Mikroskop« daher. Mit großem Gerüst wird das Lichtdach des Gropius-Baus isoliert und ein sich trichterförmig verengender Raum hergestellt, der mit Spiegelfolie ausgekleidet ist. Dadurch ergibt sich ein kaleidoskopartiger Effekt, der den entstandenen Raum in alle Richtungen weiterspiegelt – bekannt von Spiegelkabinetten auf Jahrmärkten. Origineller wäre es vielleicht, wenn der Lichthof des Gropius-Baus Thema geworden wäre. Aber deshalb wäre es nicht gerade neu, denn die Installation Burens »Dominant-Dominé, coin pour un espace, 1465,5 m² à 11°28’42"« von 1991 ist der Maßstab für derartige Unternehmungen. Durch eine Spiegelfläche, schräg gelegt über die gesamte Bodenfläche des riesigen Raums des alten »Entrepôt« (capc in Bordeaux) und die Hervorhebung der Tragesäulen durch seine Streifen schaffte es Buren, die Architektur dieses Raumes auf sehr einfache, einzigartige Weise für den Besucher individuell erfahrbar zu machen. Um nur diese Erfahrung, der sonst nie Geltung verschafft wird, weil die Räume zugebaut werden, geht es letztendlich, wenn künstlerische Eingriffe in Architektur vorgenommen werden. Aber Buren ist ein Meister seines Fachs, während bei Eliasson statt Raumerfahrung ein Raumeindruck entsteht, dessen Ausdruck seine scheinbare Offenheit ist. Deshalb erfährt der Besucher vom Lichthof nichts. Er ist nicht architektonischer Kontext sondern Prätext für ein kaleidoskopartiges Illusionskabinett. Dafür benötigt Eliasson nicht den Lichthof des Gropius-Baus, sondern irgendeinen x-beliebigen Container. Eine mit großem Aufwand verschenkte Chance!
Man muss sich deshalb wundern, wenn Eliasson erklärt, er habe etwas übrig für die Architektur des Gropius-Baus. Man muss sich so sehr wundern, wie der Berliner »Icke«, dem vor einem Fenster die Außenfassade des Gropius Baus zurückgespiegelt wird und er darin gleichzeitig sich und alle anderen Besucher sehen kann (»The curious museum«). »Ick kiecke, staune, wundre mir, uff einmal jet’se uff de Tür. – und wer steht draußen? Icke!« Na, wenn man sich da nicht wundern soll. Mehr noch, wenn man plötzlich Gras auf Fensterhöhe wachsen sieht. (»Succession«), wundert sich mein kindlicher Begleiter.
Umgekehrt proportional zur Schwäche dieser Ausstellung wird die Popularität von Eliasson steigen. Deshalb fährt in der Stadt ein Lieferwagen herum, dem an einer Seite ein Spiegel montiert ist. Das Video wird in die Ausstellung übertragen. Das vermittelt keine optische Irritation, sondern erinnert zu sehr an mobile Werbeflächen, die in der Stadt unterwegs sind: Der Spiegel ist das Programm. Das Video in der Ausstellung ist nur ein Vorwand für die Werbemaßnahme: Achtung Kunst! Dazu passen die im Vorfeld der Ausstellung häppchenweise verabreichten Auffälligkeiten im öffentlichen Raum. Das Regionalfernsehen mit der »RBB-Abendschau« berichtete zunächst unbedarft. Erst wurde im Winter ein mit Eiszapfen bedecktes Fahrrad in der Torstraße als Kuriosum lanciert, ohne dass ein Hintergrund bekannt wurde. So spannt man das Regionalfernsehen vor den Karren und macht eine Werbekampagne, um eine Fangemeinde zu kreieren. Nach dem mit Eiszapfen überfrorenen Fahrrad waren es Baumstämme, angeblich Treibgut aus Island, die im Stadtraum abgelegt wurden, schließlich ein Fahrrad mit verspiegelter Felge. »Es wird etwas geschehen« war die Botschaft. In Heinrich Bölls gleichbetitelter Satire findet schließlich der Protagonist seine berufliche Erfüllung als »berufsmäßig Trauernder«. Für den Kunstliebhaber bleibt nach dieser Eliasson-Ausstellung keine andere Wahl als sich isländische Vulkanasche aufs Haupt zu streuen. Für den Besucher als Laien jedoch wird ein Unterhaltungsprogramm geboten, es scheint das zu sein, was er sich von einer Kunstausstellung erwartet und was Eliasson bereit ist zu erfüllen.
Gastbeitrag, 25.06.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Nit schlecht, Herr Boadas!
Wird Zeit, daß wir diesem trunkenen Scharlatan Eliasson den Garaus machen.
thomas | 28.06.10
Sehr richtig. Aber ersetzt man nun mal Eliasons "Physik" durch, sagen wir mal, Mode, Journalismus, Geschichte oder Politik, Design oder Kunstgeschichte, Feminismus oder Globalisierungskritik, so kann man den Adressatenkreis auf 60-70% der zeitgenössischen erfolgreicheren Künstler erweitern, bei nur leicht abgewandelten Vorwürfen. Der Versuch, lange nach Kant einen Zweck der Kunst zu konstruieren, ist, naja, mutig. Und dann ausgerechnet Kippenberger, ...
namesname | 29.06.10
Kippenberger, was hat der mit Elias_son zu tun? Hat er den etwa auch plagiert?
thomas | 01.07.10
ss_ssss__sssssss. Der allgegenwärtige Kippenberger wurde im Text als Gegenbeispiel und positives role-model für einen Künstler angeführt, der sich ordentlich verhält ("Schräger Typ", Alkohol, Malerei). Hofnarren alle beide. Art is dead, but it doesnt matter, cause it smells funny.
sentenz | 02.07.10
Ah, ja! Dann hat also der Zigarettenberger, der wahrscheinlich auch Kettenraucher war, sich gesagt: "Ich kann zwar keine Kunst, aber dafür mache ich jetzt richtig Sch***e!"
Während Olafur Plagiasson sagt: "Zwar fällt mir nix ein, aber es merkt schon keiner, daß das alles geklaut ist, sind doch eh alles Trottel."
Stimmt, dann finde ich den Zigarettenberger noch wesentlich intelligenter.
lutz | 02.07.10
Solch geistreichen Analysen wie diese von Hugo Boadas würde ich auch gern mal in den Berliner Tageszeitungen (taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung) lesen. Doch dort schreiben fast nur noch Lifestyleagenten, ganz berauscht von den billigen Show-Effekten der aktuellen Salonkunst.
joerg | 17.07.10
schöner Artikel, am Ende war ich enttäuscht,
dass er schon vorbei war
ricci | 17.07.10