Charlotte Lindenberg | Essay

Sag´s mir.

Vermittlung auf der Art Basel 2010


Zhang Huan Hero No.1, 2009, Kuhhäute, Stahl,
Holz, Schaumpolystyrol, 490x980x640 cm, Foto CL.

Ich bin lernfähig. Vorbei die Zeiten, da ich angesichts geheimnisvoller Exponate neugierig zu Schildchen an der Wand eilte in der Hoffnung auf sachdienliche Hinweise. Die von den plexigläsernen Beschriftungen gewährten Informationen setzten mich regelmäßig über Entstehungsjahr, Material, Maße, Leihgeber oder andere Details in Kenntnis, die sich der interessierte Laie auch beflissen bis zur »Inv. Nr.« durchliest.

Anders gesagt: Sie waren mir piepegal. Was ich eigentlich wissen wollte, verbarg sich in zwei Worten, die mich traumatisierten: »Ohne Titel«.

Wie gesagt: Lang her. Denn bald vertraut im Umgang mit dieser salonfähigen Variante von »Ätschbätsch« begriff ich – oder zumindest glaubte ich es – dass der Verzicht auf platte Verbalisierung der einzige Garant für Bedeutungsoffenheit ist und somit die angemessene Antwort auf Versuche semantischer Festlegungen seitens interessierter, aber eben doch spatzenhirniger Laien wie meinereins. Und so wich meine treuherzige Wissbegier der Einsicht, dass zurechnungsfähige Kunst für sich selbst spricht – wenn auch vielleicht nicht zu mir.


Steiner & Lenzlinger The Conference, 2010,
Rauminstallation mit wachsenden Kristallen und Büromobiliar, Foto CL.

Doch ach. Im Gegensatz zu solch demütiger Lernbereitschaft verschlägt es immer wieder verbissene Hardliner in Ausstellungen, die das noble »ohne Titel« zu umso erbitterterem Erkenntnisstreben motiviert. Unbelastet vom kunstinternen Verhaltenskodex fallen diese Flegel dann über wehrloses Aufsichtspersonal her und versuchen selbiges zu hermeneutischen Auslegungen zu ermuntern. In den meisten Fällen stellt das Ergebnis solcher Erkundigungen die eben noch gefährdete Bedeutungsoffenheit schnell wieder her, da das Personal sich seinen Einsatzort gemäß persönlicher Neigungen aus gesucht hat, sondern vom diensthabenden Sicherheitsfirmeneinsatzleiter in eben diesen Raum eingeteilt wurde und es den Wachleuten daher relativ egal ist, zwischen welchen Ausgeburten menschlicher Schöpfungskraft sie den Feierabend herbeisehnen. Und selbst wenn sie wollten – Fragen inhaltlicher Natur dürfen sie in der Regel gar nicht beantworten.


Takahiro Iwasaki, keine weiteren Angaben, Foto CL.

Doch wie so oft gibt es auch innerhalb der städtischen Bediensteten (oder leichtbelohnten Angestellten einer Security-Firma) AnarchistInnen, deren Mittteilsamkeit die Auskunftsaskese der Beschriftungen unterwandert. Und diese Kommunikationstalente geben dann so allerlei zum Besten, was in mehr oder weniger erkennbarem Zusammenhang zu den Exponaten steht.
Wirklich zeitgemäß ist diese Schilderungen natürlich nicht, denn angesichts des beschriebenen Bildungsnotstandes ist man spätestens seit Bazon Brocks »Besucherschule« auf der documenta 8 zum didaktischen Generalangriff übergegangen. Seither erzeugen opulente Wandtexte, Audioguides, zielgruppenspezifische Führungen und anderen Formen der Publikumsbespaßung eine nicht immer freiwillige Teilhabe am Machtwissen Kunst.

All diese pädagogischen Maßnahmen begrüße ich inbrünstig – kein Scherz. Denn diejenigen, die sich ob des allgegenwärtigen Informationsangebots über Zwangsintegration beschweren und das Recht auf stille Kontemplation, Ausstellungs-Cruising im individuellen Rhythmus und andere bürgerliche Freiheiten einklagen, seien darauf hingewiesen, dass niemand sie zum Anschluss an Vermittlungsbemühungen zwingt.

Tja, es bleibt schwierig mit dem Einzelnen und der Gruppe. Und so gehöre ich zu den Trittbrettfahrern, die Wandtexte zur Hälfte lesen, sich Führungen grad solang anschließen, wie die eigenen Interessen mit denen der Führenden übereinstimmen, und am liebsten mit Knopf im Ohr, weil vergleichsweise autonom, durch die Hallen flottieren.


Hans Berg Of Course I’m Working with Magic,
in Zusammenarbeit mit Nathalie Djurberg
im Naturhistorischen Museum Basel, Foto CL.

Aber auch trotz dieser größtmöglichen Freiheit der schnurlosen Anbindung an das geballte Fachwissen der Museumspädagogik habe ich noch etwas zu nörgeln, nämlich dass ich zwar auswählen kann, wann ich die Erläuterungen wozu herbei tippe, nicht aber welche.

Und gestern erlebte ich dann die absolut nörgelfreie Variante der Kunstvermittlung.

Es geschah auf der »Art Unlimited« genannten Sektion der Art Basel, wo um die 35 freundliche Personen in »Ask me!«-T-Shirts bereitwillig Augenkontakt aufnahmen – und zwar so hartnäckig, dass ich schon bald begann, mir eigens für sie Fragen auszudenken. Kaum hatte ich diesen inneren Monolog begonnen, offenbarte sich mir meine eigene fundierte Unkenntnis. Erstaunt vom Ausmaß des Nichtwissens stürzte ich mich auf das nächstgelegene Opfer und nutzte dessen akute Untätigkeit schamlos aus. Das Opfer trug’s mit Fassung, war überqualifiziert, komplett unterfordert und dementsprechend willens und in der Lage, selbst korinthenkackerische Detailfragen zu kontern. »Wir haben uns gründlich eingearbeitet, aber jetzt stehen wir meistens nur rum«, erklärte mir die Kunststudentin.


Kader Attia Couscous Kaaba, 2009,
Schwarze Farbe, Couscous, 3 Scheinwerfer, Foto CL.

Diese Art der Information scheint mir die optimale Verbindung von individuell und bequem: Die Ask me!-Gewandeten nehmen dem Messestrapazierten sämtliche Arbeit ab und sprechen bedürfnisgerecht an, was sie wissen wollen. Zielgruppenorientierter geht’s nicht. Die Baseler Megashow bietet diesen Service seit Jahren, andere Institutionen wahrscheinlich auch, und es bleibt zu hoffen, dass das Modell sich bald ebenso flächendeckender Beliebtheit erfreut wie »After-Work-Guided-Tours« zu Themen wie »Liebe & Langusten« oder »Mord & Mode in der Malerei«. Denn anders als derartige Ankündigungen sind Gespräche mit umfassend informierten und interessierten Personen völlig unpeinlich.

Charlotte Lindenberg, 20.06.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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