Gastbeitrag | Kritik

Sozialromantik: Künstler entdecken die Wirklichkeit in Kreuzberg

von Wolfgang Müller

Überraschend meldet sich mein alter Freund Isse Carsten aus Helsinki. Gerade sei er in Berlin angekommen. Von irgendeiner EU-Institution bekam er einen Freiflug zur 6. Berlin Biennale. Deren Leitmotiv lautet: „was draußen wartet“. Die Blickrichtung ist klar: Aus dem Kunstraum hinaus in die Wirklichkeit. Eine etwas sterile Kunstwelt entdeckt Kreuzberg derzeit als „lebensecht“, sprich: „authentisch“.

Als Kreuzberger kann man sich gegen diese neue Liebe kaum wehren. Und wozu auch? Andere entdecken die Wirklichkeit halt in „Afrika“, wie Christof Schlingensief, der auf dieser Folie seine grotesken Verschmelzungsphantasien von Kunst und Leben exerziert. Wer kann schon gegen solche Künstlervisionen kämpfen? Oder anders gefragt: Was ist eigentlich unwirklich an Treptow, Pankow oder Steglitz?
Früher schwärmten die Alternativen von der Vielfalt und Lebendigkeit Kreuzberger Obst- und Gemüseläden. Nun soll Moderne Kunst das Leben in die eingeschlafene Öko-Solar-Bude bringen. Sagte ich Bude? Offensichtlich bin ich nicht auf Höhe der Zeit. Draußen tobe das Leben, erläutert der Biennale-Prospekt.
Und es ist wahr. Kaum sitze ich vor dem Eis36 Kaffe am Kottbusser Tor, steuert Performancekünstler Reinhard Wilhelmi auf mich zu. Heilfroh sei er darüber, seine Teilnahme abgesagt zu haben: Die mit Art-Deco Buchstaben lockende Galerie September kooperiert während der 6. Berlin Biennale ausnahmsweise mit einer Galerie in Kreuzberg. Eigentlich fände der September-Galerist seinen Kooperationspartner, die Galerie Knoth+Krüger in der Oranienstraße 188 nicht besonders aufregend. Aber die Gegend um das legendäre SO 36 sei eben zur Zeit unglaublich „hip“. Also, nichts wie hin. Solch klaren Konzepte sind gut verständlich. Passt auch gut zum Faltblatt der 6. Biennale. Dort heißt es nämlich, dass wir heute in einer Welt lebten, wo sich der Abstand zwischen der Welt, über die geredet wird und der Welt, die tatsächlich da sei, immer mehr vergrößert. Übersetzt: Heute wird das Wort „Kooperation“ schon dann verwendet, wenn Strategismus einem Sammelsurium von „Künstler-Positionen“ irgendein „Konzept“ überstülpen möchte. Das Phänomen ist bekannt von den „Servicekräften“ im „Job-Center“, welche „Hartz-4“- Bezieher stilvoll als „Kunden“ bezeichnen. Das nur erwähnt, um kurz die aktuellen Chiffren sogenannter Wirklichkeitsproduktion ins Gedächtnis zu rufen. Unversehens bekomme ich vom Künstler Dennis Kuhlow eine Email-Einladung: „Are you coming too?“ Darunter wild zusammengewürfelte Namen, auch seiner. Nach kurzem Überfliegen antworte ich: „No, I am not coming too.“ Ein „Kessel Buntes“ war eh nie mein Fall.
Galerist Ulli Doerrie sagte mir mal: „Das Schönste am Älterwerden ist, dass man gar nicht mehr die ganzen Picasso-Ausstellungen anschauen muss – man eh weiß genau, was einen erwartet.“ Und er hat völlig recht. Ähnlich ist es auch mit der 6. Berliner Biennale in Kreuzberg. Deren sozialromantische Vorstellung von Wirklichkeit lässt sich bereits wahrnehmen, ohne überhaupt einen einzigen Raum betreten zu haben. Isse Carsten berichtet, die Doppelprojektion von Mark Boulos am Oranienplatz 17 zeige einerseits Börsenhändler in Chicago und kontrastiere diese mit den Aktivisten, die sich gegen das Erdöl-Umweltverbrechen am Niger-Delta wehren. Aha. Die aktuelle Kunst sieht ihre Aufgabe also darin, abgefilmte „Realität“ kontrastreich nebeneinander zu stellen und die Betrachter_Innen mit dem zu nötigen, was sie eh schon wissen. Isse findet die Videoinstallation jedenfalls ungeheuer platt. Überall stoße ich nun in Kreuzberg auf eine bizarre Mixtur jubelnder Fußballfans und eher artiger Kunstgrüppchen - gleichzeitig. Wer von denen wohl die Parkbänke am Oranienplatz zusammengeschoben hat? Entspannen macht jetzt keinen Spaß mehr – außer wenn man sein Gegenüber anstarren möchte. Geradezu totalitär solch öde Kunst: Sozialromantik, Sozialdisziplin oder einfach nur ein Nichts? Bei der Flucht aus meinem Wohnumfeld passiere ich die neueröffnete Zweigstelle des Künstlerhaus Bethanien am Kottbusser Damm. Der vor den York-Hausbesetzern geflüchtete Direktor Christoph Tannert kann nun mit Hilfe des Milliardenschweren Karstadtkäufers Nicolas Berggruen beweisen, was er so auf der Pfanne hat. Offen gesagt: In den vergangenen zwanzig Jahren hat er keine einzige mir erinnerbare Sensation generiert. Dabei galt gerade das Bethanien bis 1989 noch als einer der raren West-Berliner Stätten, in denen Interdisziplinäres und Unangepasstes gefördert wurde. Dank der Offenheit und Interesse des damaligen Chefs Dr. Michael Haerdter und Technikleiters Frank Barth. Das muffige Hospital lud sich durch deren Synergien mit lang nachwirkender Lebendigkeit auf. Dieses Fluidum vermählte sich unter der neuen Leitung ab 1990 allmählich wieder mit dem alten Muff des Gemäuers, versickerte saftlos und risikofrei, steigerte sich bis zur Paranoia: Zuletzt dämonisierte Christoph Tannert die – längst mit Mietverträgen ausgestatteten, kulturell und politisch engagierten York-Hausbesetzer – und warnte auswärtige Besucher vor den enormen Risiken des Stadtteils: Drogen, Kriminalität und Überfälle. Klingt fast wie ein RTL-Reality-Special. Da ist sie wieder, Realität, die Kreuzberger Wirklichkeit! Hier inszeniert als Seifen-Oper. Oder, wie einst Joseph Beuys auf eine Schiefertafel schrieb:„Es gibt Leute, die sind nur in der DDR gut.“ Als Westler aus Kreuzberg hätte ich es mir natürlich auch nie träumen lassen, einst in der jungen welt zu veröffentlichen, während der DDR-Kunstdissident Tannert heute den Bürger vor gefährlichen Hausbesetzern warnt. Vor Wende-Zeiten trat Die Tödliche Doris in Tannerts Performancefestival in der Sredzkistraße auf, illegal, mit geschmuggelten Tapes und ohne offizielle Genehmigung. Wir hatten richtig Angst vor den DDR-Grenzbeamten beim Grenzübertritt, ist kein Witz. Das Playbacktape lag verborgen in Käthes zitterndem Rasta-Dutt. Heutzutage könnte man ganz andere Ängste bekommen.
Aber manche Metamorphosen laufen eben so grotesk ab, wie die der Ex-Grünen Vera Lengsfeld. Im Sommer letzten Jahres wollte ich mit meinem isländischen Assistenten Hrafnkell Brynjarsson Eis essen. Angekommen in unserem Lieblingscafé eis36 am Kottbusser Tor, erblickten wir plötzlich die DDR-Bürgerrechtlerin als Kreuzberger CDU-Kandidatin beim Eisverkauf, gefilmt vom Trash-TV RTL. Panikartig ergriffen wir die Flucht. Ihr berühmtes Wahlplakat mit dem tiefen Dekolleté hatte sich so brutal in unsere Hirne gebrannt, dass wir uns einfach nicht mehr auf den Geschmack von Banane, Himbeer und Zitrone hätten konzentrieren können. Tags darauf erfuhren wir, dass das RTL-Team der Eisdiele für den Promo-Auftritt der Aushilfskraft hundert Euro Schmiergeld gezahlt hatte. Die argentisch-italienische Inhaberin Maria bekam einen Wutanfall, als sie später erfuhr, wer genau die unbekannte Dame war, die da hinter dem Tresen ihr wunderbares, selbstgemachtes italienisches Eis verkauft hatte: Vera Lengsfeld hatte kurz zuvor soziale Probleme damit begründet, dass in manchen Schulen Kinder deutscher Familienherkunft (!) fehlten. Wer die drei mehrsprachigen Jungs der Inhaber vom eis36 kennt, kann sich vorstellen, warum Marias Ehemann, der Ecuadorianer Gonzalo, anschließend sein Che Guevara – T-Shirt anzog. Noch mehr Kreuzberger Realismus gefällig? Die kokssüchtige Nackttänzerin Anita Berber, die Otto Dix einst so wunderbar portraitierte, starb gegenüber meiner Wohnung im Alter von 29 Jahren im Künstlerhaus Bethanien. Damals war es noch ein Hospital für TBC-Kranke. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, lautet ein berühmter Satz. Aber er stimmt gar nicht zwingend: Belohnungen hält das Leben auch bereit für Zu-Spät-Kommende, Wahrnehmungsbegrenzte und Ignoranten. Nicht immer, aber wohl doch immer wieder.

was draußen wartet, Katalog, 224 Seiten, Paperback, EUR 14,95, Dumont Verlag, 2010.

6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
noch bis 8.8.2010

Gastbeitrag, 21.06.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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