Charlotte Lindenberg | Essay

Stoned Wood

Jimmie Durham in Frankfurt


Durham Rocks Encouraged, Portikus Frankfurt a.M.,
Installationsansicht, Foto CL.

Der Übergang von „Leben“ und „Kunst“ gestaltet sich kontrastreich. Das ist nichts Besonderes, das tut er oft. Inmitten einer nicht für Geräuscharmut bekannten Stadt aber fällt der markante Unterschied zwischen Phänomenen, um deren Einheit man sich seit über einem Jahrhundert bemüht, doch auf: Man öffnet die Tür und die Stadt verstummt. Statt im hellen Ausstellungsraum steht man im Dunkeln – bei genauerer Betrachtung im Wald.

Die genauere Betrachtung setzt mit der dazu notwendigen Adaption der Augen ein. Sie ergibt: Wände voll schwarzer Schaumgumminoppen, Boden voll schwarzem Teppich, leuchtende Lyrik an der gegenüberliegenden Wand, und Baumstümpfe so weit das Auge reicht (soo weit ist das hier nicht). Obwohl: Genaugenommen handelt es sich bei Letzteren um Fakes, da ihre Baumstumpfigkeit schon einige Jahre zurückliegt (ich würde gern das genaue Alter nennen, weil ich solche Zahlenkolonnen immer sehr eindrucksvoll finde, aber ich weiß es leider nicht). In der Zwischenzeit haben sich Mineralien breitgemacht, wo Zellulose und Wasser war, und das Holz versteinern lassen.


Durham Rocks Encouraged, Foto CL.

Die pädagogisch wertvolle Wirkung dieser Ganzkörperverkleidung des normalerweise hallenden Ausstellungsraumes besteht darin, dass sie menschliche Laute zu dämpfen vermag. Dabei sollte eigentlich niemandem irgend etwas entschlüpfen, darf man sich doch – theoretisch – nur einzeln hier aufhalten. So jedenfalls lautet Jimmie Durhams Gebrauchsanweisung für seine Ausstellung „Rocks Encouraged“ im Frankfurter Portikus.
In einer idealen Welt hätte man also Gelegenheit zur inneren Zwiesprache mit versteinertem Holz. In der realen Welt hingegen ist es gar nicht mal das obligatorische Telefongeklingel und -geschnarre, als vielmehr der entspannte Umgang seitens des diensthabenden Aufsichtspersonals oder auch prominenter Personen in leitenden Funktionen, die kleinmütige Anweisungen eingeflogener Künstler großzügig auslegen. So findet, entgegen des Maestros Absicht, das muntere Plaudern, das nun mal einen wesentlichen Anreiz so mancher Ausstellungsbesuche darstellt, ungehindert auch innerhalb der energisch konzentrationsfördernden Weihestätte statt.


Durham in Frankfurt,1.6.10, Foto CL.

Der 1940 in Arkansas geborene und seit 1968 in verschiedenen Ländern lebende Durham ist als Autor und Bürgerrechtler innerhalb des American Indian Movement bekannt und als bildender und Performance-Künstler Teilnehmer diverser Biennalen sowie der documenta 9.
Im Rahmen einer Veranstaltung im Vorfeld der Frankfurter Ausstellung zeigte er Videos, deren gemeinsames Merkmal in absurder Komik besteht. Steine fallen von der Decke und verfehlen dabei zweimal ein mit Farbe gefülltes Gefäß, das sie beim dritten Versuch treffen und ein genüßliches Gespritze von Rot und Gelb im White Cube verursachen. Einen kurzen Kampf mit widerspenstiger Videotechnik später brennt unter einem Biedermeiertischchen mit Espressokanne ein Holzfeuer, bis die Coffee Table genannte Installation erwartungsgemäß lodernd zusammenbricht.
Nachdem die von Durham bevorzugten elementaren Substanzen wie Stein, Holz, Feuer und Schwerkraft somit vorgestellt sind, folgt ein Beispiel seiner vermeintlichen Lieblingsbeschäftigung, die zum Markenzeichen wurde, nämlich das unsanfte Inbeziehungssetzen zivilisatorischer Errungenschaften mit größeren und kleineren Mineralien - gern größeren. Anders ausgedrückt wirft Durham seit Jahren Felsbrocken auf den zeitgenössischen Maschinenpark - Kühlschränke, Fahrzeuge aller Art (im vorliegenden Fall ein Sportflugzeug) - und filmt das Gemetzel.
Naturgemäß löst das Video anfangs ein kindliches Interesse aus, wie es auch Crashtests in Zeitlupe tun: Ein Kran senkt den imposanten Brocken auf die plötzlich fragil und insektenhaft wirkende Maschine, deren Tragflächen und Cockpit sich mit schmerzlicher Anmut verbiegen. Spätestens jetzt weicht die sensationsfreudige Schaulust, die schon das Ankokeln des Holztischchens begleitet hatte, einer Beklommenheit. Durch ihre unspektakuläre Gemächlichkeit offenbaren Durhams scheinbar harmlose Filme erst nach Minuten eine metaphorische Ebene. Der arglose Gag gerät zum Sinnbild für etwas nicht näher Definiertes, aber definitiv Gemeintes. Diese Bedeutungsoffenheit von Materialien, Prozessen und Symbolen suggeriert eine im Verlauf der Betrachtung geradezu zwingende Botschaft, ohne sie zu verkünden.


Durham Not Joseph Beuys’ Coyote, 1990.

Grundsätzlich ist dieses Vollenden des Werkes durch die Betrachtenden natürlich in aller Kunst angelegt, aber Durhams Just-Kidding-Einstieg steht in irritierendem Kontrast zur sich plötzlich öffnenden Vielschichtigkeit – mit Verdunkelungsgefahr. „Ironie ist unerlässlich, denn ich will keine zynischen Dinge tun. Daher ist meine Ironie nie höhnisch, sondern eine Form der Unterbrechung. Statt ein paar Sekunden vor einem Werk zu verbringen und ’alles klar’ zu denken, sollen die Leute sagen: ’Ich versteh gar nichts.’ Wenn sie kribbelig und verwirrt werden, scheint mir das eine angemessene Reaktion. Wenn Kunst ein Ziel hat, ist sie albern. Aber Kunst ohne Politik ist noch alberner. Ein Teil des Problems ist die alltägliche Dummheit, mit der wir über politische Ziele nachdenken. Wir glauben zu sehr an sie.“
Zurück zur Pre-Preview-Lecture in der Frankfurter Städelschule. Relativ frei vor sich und uns hin assoziierend, kommt Durham bald auf seine persönliche In- und Out-Liste zu sprechen.
Out: Unterhaltungsmedien. „Ich mache Filme aber ich mag keine Filme. Sie lassen dir keine Wahl. Ich finde es hinterhältig, in ein dunkles Kino zu kommen und von Musik überfallen zu werden, die das Sichtbare verstärkt. Überhaupt mag ich keine Musik. Während meiner Grundausbildung beim Militär sind wir zu Musik marschiert. Das machte Spaß. Ich marschierte so glücklich im Takt, dass ich buchstäblich jeden umgebracht hätte, hätte das jemand verlangt.“
Auch out: Kunst einst und jetzt. “Heutzutage gibt’s von allem zu viel. Ich bin Künstler, kein Kunstfreund. Meinen StudentInnen habe ich gesagt, der Prado sei das beste Museum weltweit, weil man dort kilometerweise schlechte Kunst sehen könne. Aber irgendwann trifft man dann auf ein Gemälde und stellt fest: Sogar Malerei kann Kunst sein.”


Durham, 1.6.10, Foto CL.

Oder auch Kultur hüben und drüben. „Sobald man in den USA die größeren Städte verlässt, steht man in der kulturellen Wüste. Als ich dann nach Europa kam, wollte ich teilnehmen, aber nicht eintreten. Irgendwann gewann Geld die Oberhand und die Kunstlandschaft wurde langweilig. Auf Messen kann man sehen, wie Kunst in Geld übersetzt wird. Und das ist eine ganz schlechte Übersetzung.“
Und mit dieser obligatorischen Watsche an den schnöden Mammon wenden wir uns der In-Liste zu: „Ich gehe nie von Ideen aus, sondern vom Material. Die Beschäftigung mit eigenen Ideen führt zur Wiederholung. Natürliches ist viel besser als Übernatürliches. Ich liebe Materialien so sehr, ich wäre gern Naturwissenschaftler geworden. Ich verwende gern Fundstücke. Warum sollte ich kaufen, was ich auch aufsammeln kann?“
Ende der Liste, Auftritt Biografie: Durham erzählt von seiner Jugend in einer Umgebung, wo versteinertes Holz so reichlich vorhanden war, dass es beim Hausbau Verwendung fand. Die Tatsache, dass die das Holz ersetzenden Mineralien Farbe und Textur des Holzes nachahmen, findet er wunderbarer als Wunder. Seine Faszination für das Greifbare war während der textlastigen 1990er Jahre an Kunsthochschulen auf wenig Verständnis gestoßen. Die damalige Vorliebe für Theorie hält Durham für eine Form des Glaubens an Übernatürliches.
Seine Affinität zur grobstofflichen Seite der Wirklichkeit nimmt der seit Jahrzehnten fern von seiner Geburtsort lebende Multifunktionsträger zum Anlass, Missverständnisse hinsichtlich der Rolle von Mythologie in der Kultur der Cherokee zu thematisieren: „Ich wurde nicht zu Gläubigkeit erzogen. Unsere Geschichten sind bildhaft gemeint und kein Gegenstand des Glaubens. Wer sie wörtlich nimmt, trennt sich von der Weisheit.“ „Mit jeder Arbeit unterbreche ich Gläubigkeit, indem man sie einfach nicht glauben kann. Denn nur so kann sie Geschichten erzählen.“


Durham Rocks Encouraged, Foto CL.

Apropos unterbrechen und erzählen: Die maulfaule Ruhe der Rauminstallation wird durch die von hinten durchleuchtete Schrifttafel „unterbrochen“, deren bloßes Format dafür sorgt, dass der Text auch gelesen wird. Der Autor dazu: „Wenn ich dem Ganzen Text hinzufüge, kann es damit weitere Geschichten erzählen, ohne zu einem abschließenden Fazit zu kommen.“
Die Gretchenfrage, was ihn in die bildende Kunst verschlagen habe, beantwortet Durham so unromantisch wie vielsagend.
„Mein Vater machte Messer, deswegen konnte ich schnitzen. Nach dem Militär brauchte ich Geld und habe kleine Schnitzereien zu einer Galerie in einem Einkaufszentrum gebracht. Eine andere kannte ich nicht. Da zahlte man mir $ 300 pro Woche und ich dachte: ’Kunst ist mein Ding. Ich liebe Kunst.’ Erst an der École des Beaux Arts in Genf kam mir der Verdacht, dass es bei Kunst zuweilen noch um Anderes gehen könne, als Sachen zu verkaufen.“

Charlotte Lindenberg, 12.06.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Der Grund weshalb er in die Kunst ging finde ich ein wenig dubios, aber schön dass er es gewagt hat!

Ralf Einettner | 18.06.10

 

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