Gastbeitrag | Kritik

Erschütterungen führen zum Kunstverbot

von Theo Telsop

19 Uhr Eröffnung der Ausstellung der Diplomanden der Fakultät Bildende Kunst der Hochschule für Bildende Künste Dresden

Ca. 20 Uhr 30 verbietet der Rektor den weiteren Betrieb einer elektrisch angetriebenen Figurine des Diplomanden Klaus Beckmann.

Ca. 10 Tage vor Ausstellungseröffnung bauen die Diplomanwärter ihre Werke in den ihnen zugewiesenen Ausstellungs- und Atelierräumen der Hochschule auf. Vielfach entsteht neues und unerprobtes zu diesem Anlass. Der Ausstellungseröffnung geht die eigentliche Diplomprüfung voraus an der Künstler-Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studentenvertreter teilnehmen.

Der Ausstellungsraum von Klaus Beckmann ist der Senatssaal im ersten Obergeschoss des Hauptgebäudes an der Brühlschen Terrasse, der unmittelbar dem Rektorat benachbart ist und ein großes Fenster zur Elbe hat.

Die Präsentation Beckmanns ist spontan betrachtet einem Messie-Domizil sehr ähnlich. Da liegt und „fliegt“ so allerhand herum. Scheinbar beliebig treiben irrwitzige Gebilde, Büsten und sonstige Konstellationen ihr marod-obszönes Unwesen. Einige davon sind pneumatisch betrieben, andere in Aluguss und Bronze gefasst. Ein dahin liegender, aufgeschlitzter Riesenhase im rot-weißem Weihnachtsmann-Kostüm stößt in großen Intervallen eine unerträgliche Minute lang in eine Vuvuzelatröte. Außen am Elbfenster schwingt ein schweineköpfiger Overall ab und an, aufgebläht durch eine Staubsaugerturbine mit sirenenartigem Nebengeräusch, die Deutschlandflagge, um dann völlig ermattet wieder in sich zusammenzufallen.
Den meisten Besuchern, aber auch den Bedenkenträgern der Hochschule hat es wohl eine zappelnde Daisy Duck angetan. Den Einen, weil die scheinbar unkontrolliert daher vibrierende, luftkissenbetriebene Erscheinung, geschmacklos, formvollendet schwingend, hüpfend alle 10 Minuten unerwartet die Blicke und Sinne auf sich zieht.
Den Bedenkenträgern des Inneren Dienstes und dem Rechtsreferenten des Rektors scheinen die einminütigen Bodenschwingungen Abwehrmechanismen auslösende Ängste zu bescheren. Eine Kette von Druckwellen erreichte wohl den Rektor und Künstlerprofessor Christian Sery, der die in Ihm geschürten Angstzustände nur durch ein Stilllegungsgebot zu beschwichtigen verstand. Erstmal Stopp. Dann den Statiker fragen, der sicherlich dem Ruf des Rektors, der auf dem Spiele steht, folgend die Vibratordaisy für immer zum schweigen bringen wird.

Gastbeitrag, 24.07.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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