Charlotte Lindenberg | Essay

Karls Unruhe

Um dieses überwältigend lustige Wortspiel zu verstehen, bedarf es einer gewissen Einarbeitung. Und zwar heiße ich Charlotte, was die französisch elegante Version des deutsch nicht ganz so eleganten „Karl Otto“ ist. Und da ich im folgenden einen abwechslungsreichen Sonntag in Karlsruhe schildere, wollte ich euch diesen Scherz nicht ersparen.
Okay, kann nur besser werden. Stay tuned.

No Show
In der Eingangshalle des ZKM stehen zwei Hinweistafeln so sperrig zwischen Tür und Kasse, dass man sie umtreten müsste, um ihrer Botschaft zu entgehen. Dennoch bin ich mit ausreichend Verdrängungsfähigkeit ausgestattet, um selbst unübersehbare Probleme zu übersehen. Umso dümmlicher mein Gesichtsausdruck, als die Herrin der Ermäßigungen mich darauf aufmerksam macht, dass das angekündigte Podiumsgespräch mit Jürgen Klauke entfällt.
Macht nix, bin dafür ja auch nur 200 km gefahren.


Beyus o.T., 1979

Da meine Mimik hartnäckig der eines Karpfens gleicht, wende ich diesen meinen intelligenzfreien Anblick von der Dame ab und den Tafeln zu, um ihren Lachkrampf zu verhindern.
Auf der linken steht „entfällt wegen Erkrankung“, auf der rechten die Ankündigung einer Ausstellung namens „Alles wird gut.“ Na dann.
Und als sei die gesamte ZKM-Struktur entschlossen, mich mit zukunftsweisenden Informationen zu motivieren, ertönt eine Stimme von oben, die da spricht: „Sehr geehrte Damen ...“
„Ja, hier!“ (meine Ohren drehen sich erwartungsfroh gen Lautsprecher)
„... und Herren, wir laden sie herzlich ein ...“
„Ja?“
„... zur Podiumsdiskussion ...“
„Ja???“
„... zum Thema ’Sexuelle Gewalt im Internet’.“


Jakobsen, "Alles wird gut", (Detail), Foto CL.

Au. Ja. Das hat mich schon immer brennend interessiert.
Gut, am Veranstaltungsraum kann ich also getrost vorbei schreiten und habe somit einen Weg gespart. Man schreitet ohnehin eine ganze Menge in dieser großzügig angelegten ehemaligen Munitionsfabrik. Ganz mit ohne Diskussion begebe ich mich also ins Bilderreich, um mich mit schlappen vier Ausstellungen über das entfallende rethorische Feuerwerk hinweg zu trösten. Das ist das Schöne am ZKM: irgendwas findet man immer – wie beispielsweise Herrn Klaukes Ästhetischen Aufruhr – so der Titel einer Fotoserie.

„Liegen bleiben und seufzen: Der Wahnsinn an vorderster Stelle“
Wem noch nicht aufgefallen ist, dass ein Bildschirm mehr Schirm als Bild ist und sich daher nur bedingt zum Bildergucken eignet, erfährt angesichts der unter „Ästhetische Paranoia“ subsumierten Fotos, dass Format (groß) und Gruppierung (in Reihen) der Exponate unverzichtbar und daher Originale nicht ungestraft reproduzierbar sind - weswegen ich hier auf Schrumpfversionen verzichte. Die zwischen den Exponaten eingestreuten Zitate hingegen lassen sich verlustfrei wiedergeben:
„Um das wesentliche aufzuspüren, darf man keinen Beruf ausüben. Den ganzen Tag liegen bleiben und seufzen. Alles, was uns stört, erlaubt uns, uns selbst zu definieren.“
(Emil Michel Cioran)
Vom Meister selbst hingegen stammt folgende Inschrift:
„Beschleunigt, verfügbar, informiert oder total zugemüllt zieht die Karawane weiter und das Dauergeräusch der Information lässt Kommunikation kaum mehr zu. Bei allem Positiven, was ich unserem Fortschritt zugestehe, rangiert der Wahnsinn an vorderster Stelle. Er ist unübersehbar und fordert mich geradezu auf, ihn mal heiter, mal melancholisch in Bildern zu befragen.“
Noch verlustfreier lässt sich auf die Wiedergabe die geloopte Stimme verzichten, die innerhalb eines „Klangraums“ hypnotisch und nervtötend zugleich „Komm komm, Kunst, komm komm“ flüstert. Insgesamt ist die Klaukes „Ästhetische Paranoia“ ein Beispiel für die gelungene Kombination von Bild und Wort in beiderseitigem Interesse.

Mission Accomplished
Nach ausreichend paranoisch-kritischem Anschauungsmaterial erinnere ich mich der stimmungsaufhellenden These der Hinweistafel im Foyer. Wo und wann genau wird eigentlich „alles gut“, frage ich mich und entdecke auch sofort das gleichlautende Plakat, das mich in eine Ausstellung zum Thema Kindesmissbrauch lotst.


Jacobsen, "Alles wird gut", (Detail), Foto CL.

So holt sie mich also doch noch ein, die finstere Realität, der ich – ich gebe es zu – in Ausstellungen gern entrinne. Und da ich gerade am Zugeben bin, gestehe ich der Vollständigkeit halber auch noch, dass meine „Auseinandersetzung“ mit der pädagogisch wertvollen DIY-Orgie aus suggestiven Plakaten und puppenstubenartig eingerichteten Kartons recht zügig verlaufen wäre, wäre nicht die Verursacherin Kathrin Jakobsen gerade anwesend und damit beschäftigt, einem Journalisten ihr Konzept zu erläutern. Folglich geselle ich mich - unter Missachtung jeglicher Diskretion - unverfroren daneben und lausche.
Fazit: Jakobsens Anliegen, durch narrative Malerei und Szenarios aus Knetfiguren weltweiten Kindesmissbrauch zu thematisieren, ist lobenswert. Und ihre auf emotionale Betroffenheit zielende Strategie ist im öffentlichen Raum, wo sie hauptsächlich arbeitet, sicher effektiv. Im Kunstzusammenhang aber wirken die zahlreichen Gucklöcher in besagte Pappkartons, in denen man schwangere Kinder und masturbierende Porno-Gucker erspäht, etwas effektheischerisch. Spätestens nach dem zweiten Schlüssellochblick beschleicht mich der Eindruck, unfreiwillige in eine Peepshow zu geraten und ich trolle mich. Wahrscheinlich war genau der Effekt beabsichtigt.

Kontemplatives Multitasking
Meine Flucht vor allzu eindeutiger Eindeutigkeit treibt mich mitten hinein in etwas, das man landläufig Lärmbelästigung nennt, was uns aber der damalige Bundeskanzler Schröder als Kakophonie zu bezeichnen gelehrt hat.
Quelle der abwechslungsreichen Geräuschkulisse sind ca. fünfzig teils freilaufende, teils in Schiffscontainern vor sich hin tönende Videos von insgesamt 35 KünstlerInnen, die unter dem Titel „fast forward 2“ die Fortsetzung einer Ausstellung von 2003/04 bilden. Wie damals sind wieder Neuerwerbungen aus Ingvild Goetzs beachtlicher Sammlung von Film und Video und der damit verbundenen Installationen zu bestaunen.
Zwar ist der visuelle Overload ungefähr so problemlos zu bewältigen wie das vergleichbar umfangreiche Videoaufgebot der Documenta 11, aber wie so oft, wenn mir mehrere Black Boxes auf einmal begegnen, kommt mir der Verdacht, dass sich die Erwartung der ProduzentInnen gegenüber dem Publikum in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert hat.
Bis in die 1980er Jahre gehörten sowohl Performances als auch Videos zu den Ausdauersportarten: Man erschien pünktlich, wartete demütig auf den grundsätzlich verspäteten Beginn, und harrte aus – vorzugsweise ohne Sitzgelegenheit und Klimaanlage – bis zum offiziellen Ende. Die Länge war in der Regel von der Belastbarkeit der ProtagonistInnen bestimmt oder den Öffnungszeiten des Veranstaltungsortes. Langeweile gehörte nicht nur dazu, sondern zu den Qualitätskriterien progressiver (so sagte man damals) Kunst, zusammen mit amateurhafter Technik, nervtötender – will sagen: meditativer – Langsamkeit und erbarmungsloser Wiederholung.
Solcher Purismus wird uns postmodernen Sensibelchen schon lang nicht mehr zugemutet, und so fordern die Anhäufungen gleichzeitig laufender Filme geradezu zum Zappen per (buchstäblich) Fort-Bewegung auf.


"fast forward 2", Ausstellungsansicht ZKM
mit Matthew Barneys Cremaster-Zyklus, Foto CL.

Zwar wäre es theoretisch möglich, einem der prominentesten Teilnehmer, Matthew Barneys Cremaster-Zyklus (2007), 300 Minuten lang mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu folgen - mit alten Viola-Videos von gleicher Länge aber reduziertem Unterhaltungswert gelingt das schließlich auch. Aber auf fünf Monitore verteilt, und umgeben von 49 weiteren Darbietungen? Das erforderte schon ein sehr entschlossenes Rezeptionsverhalten. Klar gibt es Dauerkarten, aber mal ehrlich: Wie oft nimmt man diese Möglichkeit der intensiven Betrachtung durch wiederholten Ausstellungsbesuch wahr?
Ich habe nicht gefragt, wie oft könntesolltemüsste man, sondern – get real.
(Eindeutiger hingegen ist die Situation in Wolf Kahlens Retrospektive in der Halle nebenan: Sein zwölfstündiges Video lässt erst gar keinen Anspruch auf Vollständigkeit aufkommen.)
In der Leistungsschau der Sammlung Goetz aber ertappe ich mich dabei, dass ich mir immer seltener die Mühe mache, mich zum jeweiligen Container zu schleppen (stehen eh keine Stühle drin), sondern mir lieber strategisch günstige Positionen suche, von wo ich per Kopfdrehung, besser noch Augenrollen, mehrere Perlen zeitgenössischer Videokunst im Blick habe. So lehne ich mal hier, mal da, und sehe ich mir auf diese Weise etliche Filme tatsächlich in voller Länge an, bevor ich mich mit verschämt zunehmender Schrittgeschwindigkeit gen Ausgang bewege.
Ach deshalb heißt das hier „fast forward“.


Djurberg The Experiment, 09, Ausstellungsansicht ZKM 10, Foto CL.

Zur Ruhe komme ich in Natalie Djurbergs Gesamtkunstwerk namens The Experiment, das auf der letzten Biennale in Venedig zu sehen war.



Djurberg The Experiment, 09, Ausstellungsansicht ZKM 10, Foto CL.


Halluzi!
Apropos psychedelisch: Quantitativ gesehen mag das ZKM Karlsruhes ertragreichster Event-Cluster sein, dennoch suche ich Kunsthalle und Kunstverein ebenfalls regelmäßig heim – wenn ich schon mal da bin. Und diesmal war die Ankündigung von Karl Holmquists und Joachim Koesters konzertierter Aktion namens „Hymn to Pan“ ein wesentlicher Anreiz, mich in Bewegung zu setzen, raunte die Presse-Info doch von Kenneth Anger, Carlos Castaneda, Aleister Crowley, Monsieur Michauxs Peyotl-Krakl und dem „Club des Hachichin“, der es sich im Paris der 1840er Jahren gemütlich gemacht hatte.
Angesichts der enthusiastischen Aufbietung allerlei okkulter Mysterien hätte ich das Durchschnittsalter der zwei Künstler zwar auf die Hälfte ihres tatsächlichen geschätzt, aber sympathisch ist ihre unbefangene Missachtung jeglichen Fortschrittsdenkens allemal.


„These images of hybrids ... point to ... cannabis’ otherworldly appearance.“
Koester From the Secret Garden of Sleep, Foto CL.

Charlotte Lindenberg, 21.07.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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