Esther Ernst | wo ich war

REBETEZ BORIS - 41. ART BASEL - SWISS ART AWARDS - DAMMBECK LUTZ - MUTU WANGECHI - FORD WALTON - SPOHR MALTE - ICH WEISS WAS DU NICHT SIEHST - OSPINA LUCAS


 

REBETEZ BORIS
Anticipation
Kunstmuseum Solothurn
+ ein Treppenaufgangeinbau und eine Säule aus verspachteltem Styropor sind Teile des raumspezifischen Werks "Grand Hall". Und beide Objekte passen hervorragend in das Kunstmuseum Solothurn, mit seinen leicht schäbig-spiessigen Ausstellungsräumen, die sich so zu einem Eingangsbereich einer Versicherung oder einem Schulhaus der 60-iger verwandeln. Nur dass man sich in einem Entrée meist orientierend oder hastig wohin bewegt, oder aber sich in einem Ledersessel niederlässt und wartend Heftchen liest. Hätte Herr Rebetez die Polstergruppe von der faktischen Eingangshalle samt Katalogstisch in den Raum gebaut, hätte man dort schnell eine unbekümmerte Foyer-Haltung eingenommen.
Tolle Fotocollagen aus Architektur- und Reiseprospekten, die ein erstaunlich homogenes Bild abgeben. Durch das Abfotografieren der Original-Collagen wirken sie anders als der gerade übliche Berlin Collagen-Trash, irgendwie schweizerisch edel.


 

41. ART BASEL, UNLIMITED, ART STATEMENTS, ART PUBLIC,
SCOPE, FOCUS 10
Basel
+ oh, Gott! Stress, Aufregung, zu viel Angebot! Was interessiert mich denn jetzt am meisten, was lohnt, was nervt, was ist so wie immer...
Immer wieder finde ich es erstaunlich, dass ein paar Strassen neben der ganzen Art Hysterie, das überschaubare Basel komplett verschnarcht bleibt.
Und ja, es macht tatsächlich Spass, in diese verschiedenen Kunstdarbietungen reinzuhüpfen und genauso ja, ist es dann nach den ersten sechs Stunden schauen so dermassen viel zuviel, dass ich lieber Fernsehen gehen mag.
Besonders schön war Michael Beutlers Papp-Installation auf der Art Unlimited, schöne Stände hatten die Galerie Rätus Casty und die Galerie Hunt Kastner, der Fucus 10 war echt fürs Klo, auf der Art Public hab ich aus der Tram heraus Fahnenschwingende Mädels und Jungs gesehen, und zu den Artists Books hab ich es blöderweise nicht mehr geschafft.


 

SWISS ART AWARDS 2010
Messehalle 3, Basel
+ Ja, wie war das denn? Nach dem letztjährigen Besuch waren meine Erwartungen natürlich nicht sehr hoch. Aber anstrengend bleibt das Gucken dennoch, denn das Abstrahieren der Kunst aus diesem Stellwändchengraus ist echt Übungssache, und es ist aus dieser unleidenschaftlich gezeigten Ansammlung von Arbeiten oftmals echt schwer, diese in einen Kontext zu stellen oder zumindest eine Haltung zu erkennen, wie die Kunst unter ausstellungswürdigeren Umständen gezeigt wird. Unmöglich schien es mir, eine Jury-Linie herauszulesen, handwerklich fand ich viele Arbeiten allerdings erstaunlich anspruchsvoll gefertigt, inhaltlich fehlte mir wirklich oft die Anbindung an andere Arbeiten.
Und obwohl ich Stefan Burgers Video zu seiner John Cages 4’33 Performance unter Einnahme von Schlafmittel gar nicht so besonders fand, hab ich da noch ganz schön oft dran gedacht.
Am Besten allerdings hat mir das italienische Konzert von Mario mit den tollen Videos von Marianne gefallen.


 


DAMMBECK LUTZAtlasmacher
Kunst-Raum im Deutschen Bundestag, Berlin
+ Lutz Dammbeck kenn ich natürlich mal wieder nicht und bleibe erst im etwas beengten Eingang des Kunst-Raums einigermassen überfordert (aber freudig) vor der dicht gehängten Werkserie "Herakles Notizen" stehen.
Und so schnell komm ich da auch nicht rein.
Das ist ja ein riesen Werk aus Collagen, Zeichnungen und Filmen, komplex, dicht ausgestellt, kombiniert mit Tierpräparaten aus dem Naturkundemuseum, eine ganze Vitrinenwand steht neben einer feinen Serie von Portraitcollagen, eine Installation aus etwa acht eingerichteten Büro-Arbeitsplätzen mit Blick auf die Spree zeigen auf den Monitoren Dokumentationsfilme.

Ja, ich glaub das interessiert mich eigentlich schon sehr, ich bin aber gerade überhaupt nicht in der Lage, hier irgendwas aufzunehmen...


 

MUTU WANGECHI
My Dirty Little Heaven
Deutsche Guggenheim, Berlin
+ Nach manchen Ausstellungen kann ich mit Gelassenheit sagen, dass war zwar unaufregend aber gut, dort gewesen zu sein. Nicht besonders berührt von der Kunst, auch nicht beeindruckt, und beschäftigt habe ich mich damit später auch nicht, ist es dennoch hilfreich, um Mutus Arbeiten zu wissen. Was also sah ich da: Batikaquarelle (eigentlich schlimm!), die gekonnt (technisch schon bisschen beeindruckend) mit Kollagenmaterialien kombiniert werden. Frauenfiguren, Tentakelarme, Mösen, dicke Lippen, Tierversatzstücke. Meist sind es schwarze Frauen, verstümmelt, in High Heels, Leoparden- und Schlangenlederkleidung. Und dazu, unerträglich, aber das macht die Kunst natürlich gleich viel abgründiger, also aufregender, sind da Glasperlen, Glitter, Federn, Goldlamellen verarbeitet. Und die Kombination von Batikaquarell, Bastelzeug und Porno-Heftchenmaterial ist so widerlich, dass die Guggenheim selbst gar nicht weiter mit Plastikboden, "schimmelnder" Wandfarbe oder Billofilz hätte installiert werden müssen.


 

FORD WALTON
Bestarium
Hamburger Bahnhof, Berlin
+ Oha-lätz, das ist ja genau mein Ding was der da macht, da hab ich jetzt blöderweise viel zu wenig Zeit eingeplant und bin ich gleich ganz aufgeregt... Stockflecken, Vergilbungsspuren, wahnsinnig schöne und gleichzeitig total liebenswert-olle, riesige Aquarell-Tierzeichnungen mit integriertem Abgrundinhalt. Eigentümlicher Bildaufbau und Perspektiven, da wird einerseits ganz klassisch was erzählt, mit Vorder- und Hintergrund, Haupt- und Nebenschauplätzen und andererseits nehmen die Tiere, ähnlich wie in den üblichen Tier-Anschauungsillustrationen, unrealistisch verdrehte Haltungen ein, verbeissen sich, vögeln, tappen in Fallen oder begehen Suizid. Daneben, an den Blatträndern, und in einem Schriftbild aus dem 19. Jahrhundert, finden sich Reisebeobachtungsberichte, erfunden, oder auch nicht, auf jeden Fall abgründig, witzig, gruslig, schön. Ich bin total Fän von Walton Ford, erblasse vor dem Sonderkatalog, den ich mir zur goldenen Hochzeit wünsche...


 

SPOHR MALTE
tout d’horizon
Galerie Fruehsorge, Berlin
+ Die Zeichnungen von Spohr sind eben nicht frei von Virtuosität, stimmt nicht, die sind doch total virtuos gearbeitet, technisch perfekt hergestellte Oberflächen, die aussehen, als wären sie mit dem Computer produziert. Und eigentlich ist es doch eben gerade der Buntstift und die stundenlange und mühevolle Arbeit, die den Zeichnungen die Kühle und Distanz nimmt.
Und trotzdem sind mir die Zeichnungen zu kontrolliert, zu abgeschlossen, hab das Gefühl, dass ich mich schnell mal satt gesehen hab, ausgestaunt sozusagen.
Hätt ich ja schon längst drüber gekrakelt aus lauter Fleiss-Wahnsinn.


 

ICH WEISS WAS DU NICHT SIEHST
CAPRI Berlin und Thore Krietemeyer
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin
+ Oftmals versuche ich bei Gruppenausstellungen, von denen ich so erstmal nix weiss, herauszufinden, ob ich erkennen kann, was das Anliegen der Ausstellung ist. In diesem Falle kenn ich "Capri", hab auch die eine oder andere Ausstellung dort gesehen und mag überwiegend die Arbeiten der Künstler. Was offen bleibt, ist also das Anliegen, was wird hier zusammengetragen und warum. Und? keine Ahnung, ich tippe auf Freundschaftsausstellung. Ist ja auch in Ordnung. Nur die Räume, die machen mir keinen Spass mehr, die sind so vorhersehbar, grosse Arbeiten im Büttnersaal, einzelne und kleinteilige Projekte in den zwei kleinen Türmchen, Video in den zwei Räumen mit ohne Fenster... Und jetzt könnte ich mit viel Aufwand ganz genau hinschauen, ein zweites Schauen sozusagen, wie verhalten sich denn die Arbeiten zueinander, weil mir erschliesst es sich nämlich nicht, und bekanntlich sieht man ja nur was man weiss... stimmt ja gar nicht, gibt ja auch Erfahrung... Egal, ist mir jetzt zu mühselig.


 

OSPINA LUCAS
Die Aufgeklärten
Tanya Leighton Galerie, Berlin
+ wollte eigentlich in die Giti Nourbakhsch Galerie, bin dann aber wegen den filigranen Aquarellzeichnungen am Schaufenster hängen geblieben... und schwupps ist man da in irgendeiner andern Welt gelandet... Scheint wohl gerade angesagt zu sein, Zeichnungen an einfach gebauten Stellwänden zu installieren. Warum nur? Was haben diese sparsam gezeichneten Portraits von Menschen mit bestimmten sexuellen Vorlieben (oder sind die behindert?) in dieser trashigen, blau gestrichenen und in Kammern unterteilten Installation zu suchen? Wo ist die Verbindung? Abgesehen davon, dass man damit gleich den ganzen Raum gefüllt hat, mehrere Medien miteinander verbindet und die Kunst viel teuerer verkaufen kann... Ospina scheint seine Zeichnungen allerdings häufiger in altertümlich wirkenden, aber auf einfach-lässig gebaute Präsentationsformen auszustellen. Ich weiss nicht, ich weiss nicht... Hätte mir gerne mehr Kunst von dem angeschaut.


Esther Ernst, 08.07.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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