Charlotte Lindenberg | Essay

Ein Künstler liebt eine Stadt. Und eine Künstlerin hat ein Problem

Überwältigungsästhetik find ich gut. Ausstellungen mit Spektakel-Faktor fesseln meine Aufmerksamkeit immer erschreckend lang. Von daher war ich aus Eliassons Themenpark namens "Innen Stadt Außen" nur schwer zu entfernen.

Eliasson Your Uncertain Shadow (Colour), 2010,
Installationsansicht, Foto CL.

(Zum Geleit: Sehr geehrter Herr Diezmann und andere Ästheten, verzeiht die erbärmliche Optik meiner under cover produzierten Sehhilfen.)

Die Nebelkammer Your Blind Movement (2010) hatte zwar schon vor Jahren in Frankfurt bei mir kindliches Entzücken entfacht, aber verglichen mit dem überschaubaren Grundriss damals, wo sie in einem einzigen Raum untergebracht war, erstreckt sie sich diesmal über drei Räume, erlaubt so die beabsichtigte Orientierungslosigkeit und scheint wie die Fortsetzung der Nebelkammer-Light, die durch Petrit Halillajs „White Cube“ im ersten Stock der Kunst-Werke entstanden war. Dessen buchstäblich blendendes Weiß lässt den vergeblich fokussierenden Blick nämlich ebenfalls im Nebel stehen.


Halilaj The Places I’m Looking for ..., , Kunst-Werke, Detail, Foto CL.

Und überhaupt sind Installationen, die den Irr- im menschlichen Orientierungssinn aktivieren, derzeit zu – so geschehen in Magdalena Jetelovás Mannheimer Ausstellung „Landscape of Transformation“, wo man uns ebenfalls durch zitternde Wände ins Schwanken bringt.


Jetelová "Landscape of Transformation", Kunsthalle Mannheim, Installationsansicht, Foto CL.

Aber ich schweife ab.
Dass Eliassons Arbeiten auch auf kleinerer Fläche funktionieren, lässt sich im Boros-Bunker bestaunen, aber die Geräumigkeit des Gropius-Baus zeigt, dass das Herumbewegen in statt vor Exponaten eine weitere Dimension erschließt – sogar auf einem Bürgersteig. Natürlich denke ich beim Anblick der Granitplatten anfangs etwas in Richtung. „Nicht schon wieder!“. Noch ein Trottoir ist nicht eben, was man sich erträumt, wenn man auf eben diesem in die Ausstellungsräume getrottet ist. Besteigt man dann aber mit einer Andacht, wie man sie auch Carl Andres Bodenbelägen entgegen bringt, den – auf dem Parkettbogen leicht exotisch wirkenden, aber ansonsten – hundsgemeinen Gehweg, fällt die spezifische Beschaffenheit der Platten sogar unsensiblen Naturen auf.


Eliasson Water Pendulum, 2010, Gropius-Bau, Installationsansicht, Foto CL.

Insofern ist Eliassons Anspruch, Wahrnehmungsfähigkeiten jenseits der visuellen anzusprechen, gelungen. Denn neben den sensomotorischen wirkt die Ausstellung auch auf den Geruchssinn, wie beispielsweise in dem Raum, wo ein anarchischer Wasserschlauch (Water Pendulum, 2009) zappelt. Auch der Duft der bereits erwähnten Nebelkammern erfordert eine gewisse Eingewöhnung, die eine Besucherin durch energisches Fächeln mit einer Broschüre zu verkürzen versuchte – angesichts der omnipräsenten Dunstschwaden ein geradezu rührender Anblick, der an die Sinnlosigkeit menschlichen Mühens … aber ich schweife schon wieder ab.


Jetelová "Landscape of Transformation", Kunsthalle Mannheim, Installationsansicht, Foto CL.

Apropos Abschweifen: Auch das – etwas unausgewogene - Wasserpendel erinnert an ein entfernt ähnliches Lichtspektakel in Jetelovás Ausstellung, wo ein Bewegungsmelder beim Eintritt Ahnungsloser Blitze und Knallgeräusche erzeugt.

Der Grund, dass ich zwei nur formal vergleichbare Ausstellungen miteinander in Beziehung setze, besteht darin, dass die Ähnlichkeit der Mittel die Unterschiedlichkeit des Anliegens hervortreten lässt: Beide Veranstaltungen wirken auf den ganzen Körper und können keinesfalls rein optisch erfahren werden. Beide schärfen die Wahrnehmung durch Irritation. Doch während Jetelová die politische Realität mit ästhetischen Mitteln bedrohlich darstellt, spricht Eliassons Schau von seinem Interesse für und Zuneigung zu seiner Wahlheimat, in der er seit 1993 lebt.
Am deutlichsten kommt das zum Ausdruck in Your Roundabout Movie (2010), der Berliner Straßenverkehr im Winter zeigt. Anfangs irritierend ist die Teilung der Bildfläche in zwei unverbundene Ansichten eines relativ ähnlichen Ortes. Innerhalb seiner zehnminütigen Dauer erhöht sich das Tempo von Schnittfolge und Kamerabewegung, bis in der zweiten Hälfte der Ursprung der Unterbrechung der Bildfläche sichtbar wird: Ein Kleintransporter fährt eine Spiegelfläche von der Größe einer Plakatwand durch die Stadt, während die Kamera sowohl die darauf gespiegelte wie auch die sie umgebende Szenerie aufnimmt. Mittels der Spiegelung wird auch einmal die filmende Person mit ihrem Stativ inmitten des Kreisverkehrs sichtbar.
Angesichts der optisch unspektakulären Orte fragt man nach dem Grund, der das Publikum auf den Plätzen hält. Warum betrachten wir innen statt außen gebannt, was wir außen statt innen keines Blickes würdigen würden – wenn wir nicht täglich hindurch müssten? Doch der ästhetische Reiz, der dem Gefilmten fehlt, wird durch die Synchronisation von gefilmter und filmender Geschwindigkeit ersetzt. Das Tempo von Fahrzeugen und Schnitten entwickelt eine geradezu mitreißende Dynamik. Und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gehobene Nebensachen wie Regentropfen und ein leichtes Zittern des Spiegels, das die darin erfassten Gebäude erbeben lässt, verwandeln die vertrauten Anblicke zum rasanten Roadmovie.
Durch diese vermittelte und somit verwandelte Sicht entsteht Platos Höhle auf einer Verkehrsinsel. Während in der klassischen Versuchsanordnung die Probanden durch Fesseln gehindert sind, die Ursache ihrer Wahrnehmung – die sich hinter ihnen bewegenden Personen – zu erkennen, entsteht in Eliassons Setting Transparenz in der zweiten Halbzeit. Denn wir erkennen die Ursache unserer Täuschung, sobald wir den Transporter seinen Spiegel im Kreis herumfahren sehen.

Liebe Ignoranten, die ihr die Ausstellung nicht heimgesucht habt, ihr hättet euch nicht fürchten brauchen: Die Schlange hätte euch nichts getan. Sie wollte zu Frida. Aber der Dampf, der dem Kamin entweicht, ist das Außen statt Innen von Eliassons Nebelkammer.

Olafur Eliasson "Innen Stadt Außen", Gropius-Bau, vorbei.
Magdalena Jetelová "Landscape of Transformation", Kunsthalle Mannheim, bis 10.10.10.

Charlotte Lindenberg, 09.08.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

hallo charlotte,
ich war mehrfach in der eliasson ausstellung und war ebenfalss überwältigt. als ich am 01.august zum letzten mal mit einer freundin die ausstellung besuchen wollte, habe ich bei meiner ankunft noch mitleid mit den frida fans gehabt und habe dann selbst glatt eine stunde in einer nebenschlange warten müssen, hatte sich wohl rumgesprochen, dass die ausstellung sich auch lohnt.
also auch für eliasson musste man schlange stehen.
liebe grüße
julie

julie | 10.08.10

 

hallo charlotte,
es wurde ja hier und auch anderswo schon viel geschrieben über diese ausstellung. ich war dort und kann mich eigentlich nur den betrachtungen von Hugo Boadas, der hier kürzlich darüber berichtet hatte, oder anderer kritischer texte, im großen und ganzen anschließen.

die einzige arbeit die mich in der ausstellung angesprochen hat (von der weder du noch Boadas viel sprechen) war der große inszenierte Werkstatttisch mit den Modellkörpern. dort hatte ich als einziges werk in der ausstellung das gefühl es wird mir eine utopie vermittelt die sich ausserhalb des vorgefertigten Physikunterrichtwissens befindet. dort konnte man mit seinen blicken auf dem tisch in einer fiktiven, utopischen welt herumwandeln, beflügelt von den kleinen videoscreens, die inmitten dieser landschaft herumstanden und auf eine realität verwiesen haben, die inmitten dieses szenariums wie science-fiction bilder wirkten, und dabei doch nur realität waren... das hat mich beeindruckt.

der ganze andere jahrmarktskram, für den du zwar wunderbare worte und anknüpfungen findest, bleibt in meiner wahrnehmung doch nur leicht und seicht. ich war wirklich sehr enttäuscht inmitten der ausstellung.

und ich war - wenn auch an einem anderen tag - bei frieda. die ausstellungskonzeption empfand ich als katastrophal, die texte die die ausstellungen begleiteten als zu sehr auf "nur ihre krankheit" und ihren "liebesentzug" und ihr leiden reduziert. frieda kahlo hat nicht nur wegen ihres leidens gemalt. so wird sie immer wieder präsentiert. das finde ich sehr sehr schade. denn sie war und ist eine frau die um des malen wegens gemalt hat und nicht wegen der männer und ihrer krankheit. ich empfand es als fast beschämend sie so darzustellen, denn diese bilder sprechen von einer auseinadersetzung mit sich selbst, der malerei und ihrem umfeld, die man gut als voreiterin der kritischen und provozierenden künstlerinnen der 70er/ 80er jahre einreihen könnte (z.b. carolee schneemann, hannah wilke ... ).

heidi sill | 10.08.10

 

Heidi, ich hab deinen Kommentar leider erst jetzt gelesen, finde ihn sehr gut und würde dir gern darauf antworten. Falls du dies lesen solltest, schickst du mir bitte deine Email-Adresse? Charlotte.Lindenberg@gmail.com
Danke!

Charlotte | 13.09.10

 

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