Konstantin Schneider | BERLIN weekly

Es mußte einfach so kommen

Ca. 20 Jahre nach Erfindung des Cyberspaces und zweieinhalb Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ist es nun endlich so weit: Ende Januar 2011 wird mit der VIP Art Fair die erste ausschliesslich online laufende Kunstmesse im Internet stattfinden. Eine innovative Technologie solle es Sammlern ermöglichen, die Kunstwerke so wirklichkeitsnah wie möglich zu sehen. Aber auch der Jetset kann endlich mal zuhause bleiben und "mit nie zuvor dagewesener Leichtigkeit" auf herausragende Galerien zugreifen und etwas über deren Künstler erfahren.

Einzelheiten der Gemälde-Oberfläche oder verschiedene Seiten eines dreidimensionalen Werks lassen sich natürlich heranziehen und vergrössern. Damit wird ganz nebenbei auch der Traum vieler Museumsdirektoren wahr, die insgeheim schon länger daran verzweifeln, dass mit einem an und für sich sehr wünschenswerten Besucheransturm, immer auch Gefahren für die ausgestellten Kunstwerke einhergehen. Oder waren es die Sammler gewesen, die ihre Werke den Museen ausliehen?

Kunstfans sollen zu den Händlern jedenfalls für einen Ticketpreis von 100 USD auch direkten Kontakt aufnehmen und sich in Echtzeit Arbeiten auf ihrem Computer zeigen lassen können. Sicher soll die virtuelle Messe den Galerien wie auch ihren Besuchern beim Sparen helfen und auch den Stress angesichts von Leibesvisiten an Flughäfen bzw. beim Kunstim- und export in Schwellenländer vermindern, andererseits kann sich auch die breite Masse endlich erst einmal ein Bild davon machen, wofür sich ihre Oberschicht erwärmt, bevor sie diese verteufelt. Sich auf der Messe einfach nur umzuschauen, kostet nämlich nichts. Von daher nix gegen den Trend der Fernerfahrung! Die Erkenntnis, dass Kulturschätze vor Touristenströmen so schwer zu schützen sind, hatte Wolfgang Welsch schon vor ca. 20 Jahren dazu angetrieben, für den Konsum von erbaulicher Kunst ein neues Bewußtsein zu entwickeln.

Konstantin Schneider, 18.08.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Da hat die Finanzkrise den Kunstmarkt wohl doch stärker getroffen als alle zugeben - oder? Sehe noch nicht ganz den Sinn einer weiteren Plattform. Zumal die Aktion auch noch zeitlich begrenzt sein wird. Die 100 Dollar Eintrittshürde soll wohl eher vor zu vielen nicht ernst gemeinten Anfragen schützen.
Ganz neu ist das Modell aber nicht. artnet hatte mal die Art Basel und das Art Forum Berlin noch 6 Monate nach Messeschluss virtuell begleitet. Es wurden alle Galerien, Künstler und Werke weiterhin Online gezeigt.

Wie schon geschrieben, der Sinn hinter Vip Art Fair erschließt sich mir nicht so recht. Der Name spricht allerdings auch schon wieder Bände.

T.Paul von artinfo24.com | 19.08.10

 

Na prima, dann können jetzt die VIPs endlich für 100 Euro das nutzen, was wir nicht VIPs schon seit Jahren gern nutzen und auch anbieten........

Regine Freise | 02.09.10

 

Interessantes Konzept, und ja, es musste so kommen, denn wie hat schon Walter Benjamin in seinem Kunstwerk-Aufsatz festgestellt: Das Konstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ist überall erlebbar, wieso nicht auch mehrere Kunstwerke im Rahmen einer virtuellen Messe? Ist ja auch nichts anderes als ein Kunssammelband anzusehen letztendlich. Stellt sich nur die Frage, ob der fehlende Event-Aspekt, das Erleben der Messe nicht tatsächlich einen Aura-Verlust bedeutet wie von Benjamin beschrieben.

Hanna Schmerle | 03.12.10

 

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