Gastbeitrag | Kritik

God shuffled his feet and glanced around …

von Volkmar Hilbig

Olaf Nicolai
faites le travail qu’accomplit le soleil
Kestnergesellschaft Hannover
11. juni bis 22. august 2010

Zufrieden konnte er sein; Sonne und Gras, die er geschaffen hatte, taten das, wozu er sie einst auserkor.

Auch der Mensch, mit dem ihm am 6ten Tag die zweifelhafte Krönung seines Werkes gelungen war, führte nicht nur Kriege und baute babylonische Türme, sondern seine aufgewecktesten Exemplare dachten auch über die Arbeit von Sonne und Gras nach. War doch nicht alles verloren?

Nun kann man trefflich darüber spekulieren, wie sehr sich Jean-Francois Lyotard, El Lissitzki und Olaf Nicolai dagegen wehren würden, mit der christlichen Mythologie in Verbindung gebracht zu werden, aber ein Satz wie „Ihr müsst die Arbeit tun, die die Sonne oder das Gras leisten, wenn euer Körper in ihnen badet.“, klingt so verdammt pantheistisch, dass dem mit der abendländischen Kultur aufgewachsenen Verfasser auch der gütige, weise Gott der Christenheit gleich mal unter kommt. Und, by the way, El Lissitzki ohne seinen jiddischen Hintergrund zu denken, wäre verfehlt.

Dennoch, dem Verfasser ist selbst nicht klar, warum er diesen Eingangsexkurs voranstellt, aber Klarheit ist auch Lyotards Sache nicht. Die Ausstellung „Faites le travail qu’accomplit le soleil“ in der Kestnergesellschaft Hannover kreist nicht um Gott oder um Religion. Lyotard, dessen Name sich auf immer mit dem Siegeszug des Begriffskomplexes „Postmoderne“ verbindet, schrieb den der Ausstellung namensgebenden Satz in seiner „Economie libidinale“ 1974. Die erste deutsche Übersetzung wurde etwas prüde „Ökonomie des Wunsches“ betitelt, mittlerweile erschien eine „Libidinöse Ökonomie“. Darin geht es z.B. um das Auflösen der Trennung von Orten des Begehrens und des Politischen, um den libidinösen Marx, um Geldkrieg und Todesgeld, oder um die These, dass jeder Akt von Tausch, Handel und (auch künstlerischer) Produktion mit dem Libidinösen durchtränkt ist. Letztere These gehört zu den Gründen, warum queere AutorInnen dieses Werk bei Diskursen zu Sexualität und Arbeit oder zur theoretischen Begründung von postpornografischen SexarbeiterInnen-Aktivitäten gern als geistigen Steinbruch nutzen.

Das alles hat mit Olaf Nicolais Ausstellung wenig zu tun; hier wird die Postmoderne verhandelt, oder besser, wobei wir gleich mal Lyotard mit nachlyotardschen Thesen vermengen, das Ende der Moderne, die Befragung der Moderne nach ihren dauerhaft nutzbaren guten Seiten bzw. die Postmoderne als die aktuelle Zustandsbeschreibung der Moderne. Zuerst aber schickt uns Nicolai weiter zurück, lässt uns, mit Lyotard an der Hand, zu Kants grundlegende Einlassungen zum Erhabenen entlang schreiten. Der Fotozyklus „Zabriskie Point“ beweist, dass erhabene Objekte, wie eben dieser Gebirgszug im Death Valley, von uns nicht mehr mittels der Sinne gänzlich aufgenommen werden können. Die Fotos bilden einen winzigen Teil ab, Nicolai klopft hier an die Tür zur Abstraktion; der Rest ist unsere Aufgabe, wir müssen die Idee des Erhabenen in der Vernunft ausbilden. Und selbstverständlich ist die Suche nach dem Erhabenen nicht auf den Versuch der visuellen Erfassung eines Gebirgszuges beschränkt; es ist eine Geisteshaltung, deren künstlerische Umsetzung Lyotard am überzeugendsten bei Mark Rothko oder Barnett Newman konstatiert.

Olaf Nicolai zeigt mit der Wahl des Ortes der Aufnahmen zusätzlich noch eine Assoziationskette auf zu einem Thema der Ausstellung, zum Ende von Utopien. Michelangelo Antonionis Film „Zabriskie Point“ erzählt holprig von den Träumen der 68er Bewegung und deren Scheitern; von Sex, Gewalt und Konsumkritik, alles drin. Nicolai lässt uns hier bereits einmal darüber nachdenken, wie viele Utopien es schon gab, die unsere Welt humaner machen wollten. Lyotard äußert sich oft sehr skeptisch zum Thema des klassischen Humanismus, nennt es paradox, dass das Humane dem Menschen von Geburt an eigen sei und doch erst durch Bildung gewonnen werden kann. Für einen Künstler wie Nicolai sind selbstverständlich Utopien interessant, die die Welt gerade dadurch humaner gestalten wollen, weil Künstler an ihrer Gestaltung mitwirken. Da landet man schnell bei den russischen Konstruktivisten oder beim Bauhaus und schon stehen wir im Hauptraum der Kestnergesellschaft. Der zwiespältige Konstruktivist El Lissitzky arbeitete im Auftrag der jungen Sowjetmacht an der Gestaltung der neuen Gesellschaft mit, entwarf Rednertribünen für Lenin, Messestände der Sowjetunion im westlichen Ausland und Wolkenbügel als Antwort auf amerikanische Wolkenkratzer; das Große, Ganze immer im Auge. In Deutschland landete er bei Schwitters in Hannover und schuf Proun-Räume als Separee für den individuellen Kunstbetrachter. Natürlich, das war noch hochmoderne Moderne, bemalte Wände, Bilder mit geometrisch konstruierte Flächen und Körpern; der Betrachter war aufgefordert, seinen individuellen Standpunkt in der illusionistischen Räumlichkeit selbst zu bestimmen, auch die Anordnung der Arbeiten sollte er verändern. Aber der Traum vom „neuen Menschen“, der sein Leben zweckmäßig, vernünftig organisiert ist als Massenphänomen, ob sich selbst eingestanden oder nicht, von El Lissitzky schon ausgeträumt. Wie Theo van Doesburg, der, als er sieht, wie Teile seiner Weltverbesserungsideen von anderen, mit Kompromissen, konkret realisiert werden, sich dem Dadaismus zuwendet, bleibt El Lissitzky in seltsamer Distanz zum Bauhaus, dem Hort der großen künstlerischen Utopie der Moderne. Viele Visionen scheitern einfach an falschen Annahmen der Voraussetzungen, an einer Überheblichkeit des Denkens, am Problem, dass die Durchsetzung radikal fortschrittlicher Ideen eben wohl (wir hören es nicht gern) diktatorische Mittel braucht.

Einen weiteren Grund für die Nichteinlösbarkeit der großen gesellschaftlichen Utopien, die den Gemeinsinn über den Eigensinn stellen wollen, (bzw. der Grund, der allen anderen Gründen eingeschrieben ist) zeigt uns Olaf Nicolai in der, der gesamten Ausstellung namensgebenden Installation „Faites le travail qu’accomplit le soleil“, die nur eine Ahnung des Lissitzkyschen Proun-Raumes wider gibt. Bei Nicolai ist alles verspiegelt, die verschiedenen geometrischen Formen sind irrelevant. Wichtig ist, wir sehen immer wieder uns selbst. Wir sind der Grund für das Scheitern aller Utopien. Da können wir noch so oft um das Werk herum gehen, es besteigen und betatschen; im grellen Neonlicht schaut immer wieder unser Spiegelbild zurück. Kunst kann die Welt nicht verbessern und wird auch nicht durch die Einbeziehung des Publikums so gesamtgesellschaftlich relevant, als dass der neue Mensch entsteht. Kunst ist etwas für Kunstinteressierte, die Entwicklung der modernen Gesellschaft folgt anderen Gesetzen, egal wie viel Elfenbeinturmträumereien uns noch offeriert werden. Der Traum der Moderne, wie so viele Visionen des 20ten Jahrhunderts, bleibt illusorisch.
Denn da ist bei Olaf Nicolai noch der andere Teil des Raumes mit dem doppelten Kokon aus Perlenvorhängen. Die zwei konzentrischen Kreise ziehen uns magisch an, wir können uns in deren und unser Innerstes zurückziehen, in unser Ego. Die Vorhänge sind durchschaubar und auch durchlässig, aber sie schließen sich immer wieder, sie sind Sinnbild unserer Egozentrik, unseres Egoismus, unserer Verlustängste. Hier im abgezirkelten Zentrum unserer Individualität fühlen wir uns sicher, hier residiert unser geschundenes Ich; wohlwollend betrachten wir draußen das Werden von Utopien und bedauern ihr Scheitern; manchmal verlassen wir den Kokon, bauen mit am Traum, aber irgendwann finden wir uns wieder im sicheren Hafen der individuellen Glückssuche.

Diese Küchenphilosophie weitergesponnen bedeutet, die Moderne ist als gesellschaftspolitische Utopie, im künstlerischen als vernünftige Einheit von Leben und Form, gescheitert weil nicht mehrheitsfähig. Ihre schönen und auch ihre totgeborenen Ideen leben als winziges Teilelement fort in der Postmoderne. In der Postmoderne triumphiert der zeitgenössische Individualismus; das universelle Wissen ist für jedermann ständig abrufbar, aber für niemand mehr erfassbar. Also regiert die Fragmentarisierung, die Marginale, das Randphänomen. Es gibt kein Vertrauen in eine alleserklärende Instanz, der Kanon hat sich aufgelöst, die vielen Unbestimmtheiten finden keine Synthese mehr. In dieser Heterogenität feiert jede Minderheit ihr Fest, die Priorität der Partikularinteressen holt den Nerd aus der Nische und so schön das ist, es ist von da nur ein kurzer Weg zu Voreingenommenheit, zu überbetonten Abgrenzungen, zum Egoismus.

All das ist längst wissenschaftlich erklärt, mit der Analyse der Geschichte unterlegt. Olaf Nicolai muss schon ein etwas älteres Werk hervorholen, um noch mal Mut zu schöpfen. Er spricht mitunter von „wissenschaftlicher Camouflage“ und bezeichnet damit seine Skepsis gegenüber der Untersuchung der Geschichte zur Gewinnung von Aussagen für die Zukunft. Nicolai hat seine Zweifel an Gesetzmäßigkeiten, die sich aus dem Vergangenen herleiten. Also doch nicht alles verloren? Blüht uns doch noch das goldene Zeitalter? Der Scheinwerfer der Samani-Installation im letzten Raum der Ausstellung liefert immer wieder Vorschläge zur Beantwortung wichtiger Fragen. Wahllos, irritierend, hektisch. Wir sind begeistert und doch ratlos. Diese ohne jegliche Logik ablaufende Suche nach einem Ziel des Lichtstrahls ist ja – ach - auch schon wieder so postmodern; widerspiegelt ja eins zu eins unser nimmermüdes Bemühen, einen Fokus unserer Aktivitäten zu definieren. Am Ende sinkt der Scheinwerfer erschöpft in die Nullstellung. Ja, so ist unser Leben, der Weg ist das Ziel und plötzlich ist es zu Ende.

Gastbeitrag, 18.08.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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