Charlotte Lindenberg | Alles
Never Ever
Über social networks hatte ich nie länger nachgedacht, als man braucht, um „du mich auch“ zu murmeln. Ich glaubte, das sei etwas für Personen, die Zeit verlieren oder KundInnen gewinnen wollten. „Freundschaftsanfragen“ hatte ich mit dem gleichen Interesse behandelt wie Telefonmarketing und ungeachtet des Absenders für das Ergebnis von organisiertem Datenklau gehalten. Insofern ging ich davon aus, dass hinter jeder der Penisverlängerer lauert. Auch meine gelegentlichen Ausflüge ins Getwitter bestätigten meine Theorie, dass hier überwiegend außer Kontrolle geratene Übersetzungsprogramme sich miteinander unterhalten.

Ben Vautier, Ausstellungsansicht Lyon, 2010, Foto Frieze No 131.
Vor einigen Tagen erreichte mich dann die erste „Freundschaftsanfrage“, deren Absender mir ausreichend vertrauenswürdig schien, um sie zu bestätigen. Postwendend erhalte ich die Auskunft, der Absender und ich seien nun "Freunde". Ich bin leicht verblüfft, denn wenn man bedenkt, dass mein neuer Freund und ich seit über zwanzig Jahren ein Paar bilden, kommt diese Feststellung ein wenig spät. Andererseits hätten wir somit die Sache dann tatsächlich doch noch formalisiert. Immerhin.
Ich fühle mich wie frisch verheiratet. Mithin in genau dem Modus, den ich lebenslänglich zu vermeiden gedenke.
Erbost ruf ich meinen neuen Freund an: „Sachma, was soll der Quaak? Wolltst du nich heute Steuererklärung machen? Statt wildfremde Frauen zu Freundinnen zu küren?“
„Ja, klar, wollt grad anfangen. Mach ich sofort. Augenblick noch, weil ich muss nur noch ganz kurz hier was ...“ Ich höre es klappern und lege auf. Another soul lost to Faithbook.
Und die Moral: Sollte es unter euch noch irgendwelche Hardliner geben, die frei sind vom permanenten elektronischen Händchenhalten – FANGT GAR NICHT ERST AN. Ruckzuck sind STUNDEN weg. Denn natürlich ist es ungeheuer verführerisch, wenn man so unbeachtet am Schreibtisch sitzt, wo man zu arbeiten gedenkt, und dann aber – nur mal ganz schnell … Wenige Stunden später stellt man dann fest: „Was, schon so spät? Das lohnt sich ja heute gar nicht mehr.“
Da braucht man schon viel Disziplin, so wie ich sie zum Beispiel habe. Ich fang jetzt nämlich an mit dem Arbeiten – sitz ja schließlich nicht zum Vergnügen hier. Jetzt sofort.
Aber vorher muss ich nur noch mal kurz …
Charlotte Lindenberg, 13.08.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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