Markus Wirthmann | Alles

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Rat der Künste ruft zur Teilnahme auf

Als der energische Aufruf zur Teilnahme an der großen Wowereitschen Leistungsschau vom Rat für die Künste in meinen elektrischen Briefkasten geflattert kam, ergriff sofort ein inneres Kopfschütteln Macht über mich: Sind die denn von allen guten Geistern verlassen, sowas unkommentiert stehen zu lassen?! Mittlerweile befanden sich nämlich schon einige Exemplare des Original-Aufrufs in meinem Briefkasten. Versendet von den gleichen lieben Künstler-Kollegen, die sich neulich auch schon an der "Schmutzig und dreckig" Kettenbrief-Ausstellungskiste beteiligt hatten. Und niemand legte auch nur virtuell die Stirn in Falten und fragte sich oder mich was das alles soll.

Anscheinend muss man in Berlin nur noch mit der vagen Möglichkeit einer Ausstellungsbeteiligung winken und scharenweise werden aus Künstlern entindividualisierte Kunst-Zombies. Ohne lange Zeit ans Nachdenken zu verschwenden, werfen sie ihre und gleich auch noch per "Carbon Copy" die Identitäten ihres kompletten Bekanntenkreises in den Orkus. Es entsteht quasi ein künstlerischer Schleimpilz, bestehend aus tausenden und abertausenden Einzelorganismen, aus allen Ritzen und Atelierverschlägen, aus Projekträumen und Studio-Spaces strömenden Kunst-Zombies, die geifernd hirnlos den Weg ins Verderben antreten. Ich stelle mir lebhaft und bildlich vor wie nächtens Klaus Wowereit am Humboldhafen steht, von den Flakscheinwerfern des Hauptbahnhofs illuminiert, links und rechts gestützt von Klaus Biesenbach und H.-U. Obrist, den Grundstein legend für die zweite und bessere Temporäre Kunsthalle. Umgeben von der wabernden Masse der Kunst-Untoten, die ständig anwächst - mittlerweile sind die Sonderzüge aus den Außenbezirken Adlershof und Oberschöneweide angekommen mit weiteren Kunstschaffenden, die sich der Kreatur einverleiben wollen - skandieren er und seine beiden Schergen "Lei! Stungs! Schau! Lei! Stungs! Schau!" und rühren in einem giftigen Süppchen - sie alle zu knechten, sie alle zu finden, ins dunkel zu treiben und ewig zu binden - aber vorher bitte aus Dankbarkeit bei der nächsten Wahl das Kreuzchen an der richtigen Stelle neben W wie Wowereit machen!

- Aufwachen! Bitte Aufwachen! Aufwa... -

Jetzt hatte ich also den Aufruf vom Künsterat im Postfach und wollte mich gerade künstlich aufregen, als ich beim zweiten Durchlesen über den Passus stolperte: "... wird die Senatsverwaltung für Kultur aufgefordert gemeinsam mit den Einwohnermeldeämtern alle in Berlin wohnenden KünstlerInnen anzuschreiben und über die große „Leistungsschau“ zu informieren." Einwohnermeldeämter? Sollte das ganze hier etwa nicht ERNST gemeint sein? Könnte es sich hier um eine versteckte Kritik handeln? Um IRONIE etwa? Nun, ich kann mit Ironie und Satire auch nicht wirklich umgehen, dachte ich doch bis vor kurzem, der Rat für die Künste sei eigentlich in seiner Gänze ein Satire-Projekt.

Kurze Zeit später kam die Bestätigung per E-Mail. Also nicht die Bestätigung, dass der Rat ein Satireprojekt ist, sondern, dass der Aufruf ironisch gemeint war: Max Schumacher, Mitglied des Rats für die Künste, teilte seinen Ratskollegen und, so wie´s aussieht, auch der gesamten Mailingliste mit, dass er sehr wohl wisse, was Ironie und Satire sind: "... finde es auch nicht in der überarbeiteten Form besonders spritzig oder scharf oder toll ironisch. Wenn schon, denn schon. Leider kann ich da beim besten Willen nicht mitschreiben, da ich eine sachliche Kritik immer noch sinnvoller finde."

Nun, dem kann ich mich nur anschließen, wer´s nicht drauf hat soll lieber sachlich bleiben. Von Mario Barth würde ich beispielsweise ja auch keinen gesellschaftspolitischen Essay erwarten. Von Dieter Nuhr schon, der macht ja auch Kunst. Bei Cindy aus Mahrzahn bin ich mir da nicht ganz so sicher. Auf alle Fälle kann ich dem Rat der Künste ein eingehendes Studium dieser drei Unterhaltungskünstler sehr ans Herz legen, falls mal wieder Scherz, Satire und Ironie gefragt sind. Im Falle der tieferen Bedeutung empfehle ich, einfach drauf los zu schreiben. Das ist nicht so schwer.

Markus Wirthmann, 11.11.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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