Markus Wirthmann | Alles
Hallo Echo!
Der berlinweite "Open Call" des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit wurde überarbeitet und liegt jetzt in einer akzeptablen Form vor. Das Anliegen sowohl der Künstlerdaten-Erfassung als auch der inhaltlichen Ausrichtung der irgendwie damit verknüpften Ausstellung wird jetzt deutlich trockener und seriöser beschrieben. Das Wort "Leistungsschau", das die ganze Angelegenheit in die Nähe einer Rassekaninchenschau rücken ließ, wird in der Ausschreibung komplett vermieden.
Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit hat ein Team von Kuratoren beauftragt, die Kunstproduktion Berlins zu sichten und im Sommer 2011 ausgewählte künstlerische Positionen zu präsentieren.
Alle Künstler mit Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Berlin sind eingeladen, eine Dokumentation ihrer Arbeit einzureichen, um dadurch die Recherche der Kuratoren zu ergänzen.
Na, das klingt doch ganz vernünftig. Jetzt bleibt es nur noch übrig, allen Berliner Künstlern mit minderen Computerkenntnissen unter die Arme zu greifen. Die technischen Anforderungen an die Beschaffenheit der einzureichenden Dokumentation sind nämlich nicht trivial! Sämtliche Doku-Materialien inklusive Katalog sollen als PDF auf einer CD oder DVD eingereicht werden. Das ist ne ganze Menge Fummelkram.
Am Rande eines Symposiums an den letzten beiden Wochenenden führte ich ein paar Gespräche mit Leuten die es wissen müssen. Zur Sprache kam natürlich der "Open Call" und die "Leistungsschau". Meinen nörgeligen Animositäten wurden da einige ganz interessante Argumente und Fakten entgegengesetzt die ich an dieser Stelle nicht unterschlagen will:
Der Regierende surft erst seit relativ kurzer Zeit auf der Kunst-Welle und verdient dabei – aus rein pragmatischen Gründen – die Unterstützung der Künstler. Wahrscheinlich ist ihm die Idee auf die bildende Kunst zu setzen nicht höchstselbst gekommen sondern von seinem jung-dynamischen Beraterstab eingeimpft worden. Die neuerliche Kunsthalleninitiative ist das sichtbarste Zeichen dieser Ausrichtung, für deren Durchsetzung Wowereit allerdings nicht über eine eigene Hausmacht verfügt. Bei der Abstimmung zur Bereitstellung der Mittel haben nur 3 (!) von 54 Abgeordneten der SPD ein positives Votum abgegeben. Mein Gesprächspartner ist der Meinung, dass Klaus Wowereit gegen seine kunstfeindliche Fraktion jetzt Unterstützung braucht – und die kann eigentlich nur von den Künstlern kommen, die jetzt mal aufhören sollen zu nörgeln und lieber versuchen sollten das ganze in eine Win-Win-Situation zu verwandeln: „Wenn es gelingt, möglichst viel Kompetenz mit aufs Trittbrett zu packen, kann was Gutes dabei rauskommen.“
Ein umfassender Überblick über die Berliner "Kunstlandschaft" ermögliche das Schöpfen bisher ungeahnter kuratorischer Potenziale, weil man den so entstandenen "Körper" systematisch nach Übereinstimmungen, Koinzidenzen und Schnittmengen durchforsten könne. Im Boykott des “Open Calls“ dagegen liege die Gefahr, dass erstens interessante künstlerische Positionen nicht repräsentiert sein werden und zweitens die vielgerühmte Berliner Szene plötzlich als Scheinriese dastünde - der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt.
Für die Förderprogramme der bildenden Kunst könnte es sich fatal auswirken wenn das Ergebnis der Wowereitschen Bemühungen, aufgrund der Antihaltung der Berliner Künstlerschaft, von den Kritikern in Grund und Boden geschrieben würde. Der Wind blase den freien Plattformen sowieso schon ins Gesicht. So antichambriere der Galeristenverband nachweislich obwohl oder weil es „haufenweise Kunst gibt, die qualitativ hervorragend und innovativ ist, die aber von den Galerien mangels Personal gar nicht aufgenommen werden kann“.
Also, Mitmachen ist angesagt um den “Scheinriesen“ zu verhindern. Dass Zahlen und Statistiken sehr “anpassungsfähig“ sind dürfte ja hinlänglich bekannt sein. So nannte beispielsweise ein Redner am letzten Samstag die Zahl von ca. 800 professionellen Künstlern die in Berlin leben als realistisch. Bei der zugrunde liegenden Daten handelte es sich um “Studio Berlin“, einer Studie des Instituts für Strategieentwicklung die in Zusammenarbeit mit dem NBK erstellt wurde. Hierbei wurden als professionell nur jene Künstler eingeschätzt, die direkt von ihrer Kunst, also den Verkäufen u.ä., leben. Der BBK dagegen verfügt über eine Kartei von mindestens 7000 Adressen. Hierbei muss man wiederum bedenken, dass die Fluktuation sehr groß sein dürfte und der BBK die Abwanderung nicht erfassen kann.
Markus Wirthmann, 06.12.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Der bbk Berlin unterstützt den "Open Call" grundsätzlich, spickt seine Solidaritätserklärung allerdings mit allerlei sinnfreien und naiven Forderungen und wertlosen Feststellungen:
"Zum Artist Open Call
Der Aufruf des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zu einer „Leistungschau“ der Bildenden Kunst in Berlin – was für ein Wort –, zu der Bildende Künstlerinnen und Künstler eine Kurzdokumentation ihrer Werke einreichen sollen, hat zu einer breiten Diskussion geführt.
Gegen eine Ausstellung von Kunst aus Berlin kann niemand etwas haben.
Wenn diese Ausstellung eine Kunsthalle in Berlin befördert, wie das der Regierende hofft, kann das nur gut sein. Dass die Aktion auch Wahlkampfzwecken dient, ist nicht verwerflich, wenn das Konzept der Kunsthalle Sinn ergibt. Der call wurde inzwischen verändert, Urheberrechte bleiben bei den Künstlerinnen und Künstlern, die Postfolios können später abgeholt werden, ein Archiv entsteht nicht.
Zum Ziel der Kunsthalle
Der bbk berlin unterstützt eine Kunsthalle in Berlin, wenn sie folgende Bedingungen erfüllt :
Sie muss die räumlichen Voraussetzungen für Parallelausstellungen und zusätzliche Dokumentations- und Projekträume bieten.
Sie muss experimentell- und risikofreudig- und für alle Richtungen der Bildenden Kunst und Altersgruppen in Berlin offen sein. Sie muss diese Kunst auch mit überregionaler und internationaler Wirkung vermitteln und „exportieren“ können.
Kommerzielle und Sammlerinteressen dürfen auf die Ausstellungspolitik keine Einfluss erlangen.
Unterschiedliche, wechselnde Kuratoren sollten gleichzeitig parallel laufende Ausstellungen und Veranstaltungen vorbereiten und durchführen.
Die Kunsthalle braucht einen Beirat, in dem auch die Künstlerinnen und Künstler Mitspracherechte haben, denn sie machen die Kunst.
Die Kunsthalle darf durch ihre finanzielle Sogkraft auf keinen Fall bestehende Infrastrukturen gefährden, wie Kunstvereine oder bestehende Künstlerförderungen, die ohnehin für die inzwischen steigenden Zahlen und Aktivitäten der Künstlerinnen und Künstler schon lange nicht mehr reichen.
Berliner Infrastruktur
Viele hoffen, die „Leistungsschau“ solle dazu dienen, festzustellen, an welcher Stelle mehr für die Arbeitsfähigkeit der bildenden Künstlerinnen und Künstler getan werden könnte. Das ist nicht das Ziel des call - wäre aber sinnvoll.
Die Förderung der Künste in Berlin ist extrem ungleichgewichtig: Die Bildende Kunst spielt im Landeshaushalt eine vergleichsweise marginale Rolle. Die Bühnen erhalten allein 50-mal mehr Haushaltsmittel als die Bildende Kunst, für die nur ein Prozent des Berliner Kulturhaushalts vorgesehen ist.
Es wird Zeit, dass Berlin den Bildenden Künstlerinnen und Künstlern etwas für ihre „Leistungen für Berlin“ (hier hat das Wort Sinn!) zurückgibt.
Wie schäbig ist es, dass Bildenden Künstlerinnen und Künstler z.B. der freie Eintritt in Museen und Ausstellungen verwehrt ist, obwohl sie letztlich von ihnen leben. Wie schäbig, dass Künstlerinnen und Künstler für das Zeigen ihrer Werke in Ausstellungen nie ein Honorar erhalten. Für alle anderen künstlerischen Leistungen sind Honorare doch auch selbstverständlich.
Eigentlich kein Problem, hier Abhilfe zu schaffen! Konkrete Vorschläge hat der bbk berlin ins Berliner Parlament eingebracht.
bbk berlin
Herbert Mondry
Vorsitzender"
Markus | 09.12.10
Liebe Grüsse vom Tellerrand!
Ja, da sind sie wieder, die Fakten von den "Leuten, die es wissen müssen".
und was empfehlen Sie uns?
Zurückhaltung. Erst mal vorsichtig sein, die Förderprogramme könnten ja vollkommen eingestellt werden. Also "Wegducken"ist angesagt. Hoffentlich trifft es jemand anderes. Vielleicht die freie Theaterszene. Ach, deren Gelder sind schon vor Jahren zusammengestrichen worden? Da waren wir KünstlerInnen ja wohl ruhig genug, oder?
Aber jetzt hilft Ruhe allein nicht weiter.
Lasst uns jenem Aufruf folgen, der da lautet: "Recherchearbeit der Kuratoren ist zu ergänzen".
Und was soll das nun wieder?
Kommt da etwa jemand mit seinen Aufgaben nicht klar, oder gibt es keine Ausstellungsmacher die sich in der Berliner Kunstszene auskennen? Und ich meine mit Kenntnis nicht das "Wissen-Was-Geht-Gerede".
Wenn man in Europa trotz mangelder Qualifizierung Außenminister werden kann, dann kann man ja auch Berliner Kunst ausstellen. Man lernt ja beim "Machen".
Das Gerede übrigens, vom professionellen Künstler und wie hoch oder niedrig die Zahl der Kunstschaffenden in Berlin sein mag, kann ja für manche als spannender Diskurs gelten, glücklicherweise bestimmen die KünstlerInnen immer noch selbst darüber.
Deren Interessenvertretung, der BBK Berlin (zum mitlesen: Berufsverband Bildender Künstler Berlin), hat eine Stellungnahme, zum "Open Call" abgegeben, die hier mit einer kleinen "Einstimmung" kommentiert wird.
In dieser "Einstimmung" ist die Rede von sinnfreien, naiven Forderungen und wertlosen Feststellungen seitens des BBK.
Argumente werden für diese "Einschätzungen" nicht geliefert, wahrscheinlich waren die "Leute die es wissen müssen" schon nach Hause gegangen.
In gleichem Duktus ließe sich behaupten, das z.B die Farbe der Unterwäsche des Herrn Wirthmann nicht mehr zeitgemäß sei.
Ausdrücklich möchte ich aber von einer solchen Behauptung abraten!
Es könnten daraus Nachteile entstehen die den Kritikern an der "Berliner Mode" Wind in die Segel blase.
Ich schlage also zur Lösung der Konfliktsituation vor, das wir KünstlerInnen uns alle zu einem vorgegebenen Termin versammeln.
Jeder mit einer "Arbeit" unterm Arm können wir ein Spalier bilden, welches vom zuständigen Beurteilungskader abgeschritten wird. Die Beurteilungen erfolgen standrechtlich oder stante pede.
Außerdem können wir dann mal genau nachzählen.
Ich stelle mir das übrigens eher Event-mäßig vor.
So wie die öffentlichen Gelöbnisse der Bundeswehr. Das bringt dann auch wieder Touristen in die Stadt und das ist gut für Berlin. Und was für Berlin gut ist, ist uns bekanntlich ja nur billig.
Ich seh´ Sie dann …
lou favorite | 11.12.10
Für Katalog und Renommee!
Der Kommentar von Ute Weiss Leder befindet sich hier:
http://kunst-blog.com/2010/12/fur_katalog_und.php
ute weiss leder | 16.12.10