Dirk Teschner | Kritik

Basel-Blues

Selten waren sich Feuilleton, Kunstkritiker, Galeristen und Künstler so einig – es ist ein Skandal, dass die Galerie Eigen+Art an der diesjährigen Art Basel nicht teilnehmen darf. Und das nach zwanzigjähriger Basel-Präsenz in Folge. Nicht nur Judy Lybke darf nicht, auch Giti Nourbakhsch und Mehdi Chouakri. Nun kommt diese Entscheidung nicht so überraschend wie die Zeitungen meinen.

Schon vor Monaten pfiffen es die Spatzen von Berliner Dächern, dass Judy für Basel ausgeladen wird. Erklärungsversuche gibt es zuhauf, von der Miami-Asien-Connection bis zur Konkurrenz zwischen Gallery Weekend in Berlin und dem Leipziger Galerienwochenende. Giti Nourbakhsch schreibt uns aus ihrem Exil in Indien über die Rache an ihrem Rückzug als Gesellschafterin der Gallery Weekend Berlin GmbH.
Das meiste liest sich wie der Plot eines schlechten Mafiafilms.

Wenn ich es recht verstehe dann geht es darum, dass bei der wichtigsten internationalen Wirtschaftsmesse für Kunst einige mittelständige Galerie-Unternehmen nicht zugelassen werden. Sechs Personen (Jury genannt) bestimmen welche Kunstunternehmen weltweit für diese Wirtschaftsmesse in Basel passen. Will wirklich jemand ernsthaft behaupten bei Kunstmessen geht es um Qualität? Nein! Das will wirklich niemand. Da sind sich alle einig, die noch einigermaßen bei Verstand sind. Auch Judy gibt ehrlich zu, dass die meisten Arbeiten auf Kunstmessen Schrott sind. Und da hat er recht.
Wer als Galerist oder Künstler schon mal an Kunstmessen beteiligt war kann ein Lied davon singen. Das manchmal Qualität honoriert wird, wie die Auszeichnung für den besten Stand an die Galerie September beim Art Forum Berlin 2008 und 2009, gehört in den Bereich unerklärbarer Wunder.

Kunstmessen wie die Art Basel sind Kapitalismus pur, da geht es nur darum, soviel wie möglich Kunst zu so hohen Preisen wie möglich zu verkaufen. Und um nichts anderes. Art Basel sagt gar nichts über aktuelle Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst, sagt nichts über gesellschaftliche Entwicklungen. Art Basel hat nichts mit aktuellen Kunstshows wie der documenta oder der Biennale Venedig gemein, obwohl auch dort die Auswahlkriterien fraglich sind. Die besten Galerien werden es sich nie leisten können bei den großen Kunstmessen teilzunehmen.

Die ausgeschlossenen Galerien hinterfragen doch nicht die Mechanismen des kapitalistischen Kunstmarktes. Sie beschweren sich doch nur darüber, dass sie diesmal nicht mitmachen dürfen. Wenn man die ganzen Texte, Interviews und Mails dazu liest wird es einem doch nur schlecht. Bei dem ganzen Ekel fragt man sich, warum machen die Galerien und Künstler da mit. Wo ist der Punkt, wo politisch denkende Künstler und Galeristen, als Beispiel mag Daniel Richter und die Galerie September genügen, ein Teil des kapitalistischen Kunstmarktes werden.
Harz IV oder Schwein? Nein. Da gibt es noch etwas dazwischen.

Dirk Teschner, 20.01.11 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Spes postremo moritur!

Philipp runge | 29.01.11

 

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Basel-Blues«




Automatisch anmelden?