Markus Wirthmann | Netz

Gehen alle hin - und bleiben zu Hause?

VIP Art Fair
22. bis 30. Januar
Überall wo ein Computer rumsteht

Am Samstag eröffnet die "VIP Art Fair". Von Eröffnung kann man eigentlich ja gar nicht sprechen, denn die Messe findet online statt. Im Rechner. Auf dem Schreibtisch. Im Internetcafé oder im Laptop auf den Knien im Bett sitzend. Oder sonstwo. Am Samstag, den 22. Januar um 14:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird die Sache einfach freigeschaltet. Oder auch nicht. Vielleicht haben sich die Organisatoren ja noch ein paar Gimmicks einfallen lassen. Ein Feuerwerk auf dem Bildschirm vielleicht oder ne Ansprache.

VIP heisst in diesem Fall übrigens "Viewing in Private". Launige Organisatoren geben auch immer wieder mal das Bonmot "Viewing in Pyjamas" zum Besten. Zuhause im Morgenmantel und mit Lockenwicklern auf dem Kopf kann der Sammler oder die Sammlerin also – very private – sich das Angebot in 137 "Messekojen" anschauen. Wie man sich das vorzustellen hat, zeigt ein kleiner Lehrfilm auf der Homepage. Dominique Levy von L&M Arts aus New York moderiert das Intro: "I think an internet art fair corresponds to a lot of the new ways of living." Stimmt. Im Augenblick sitze ich auch noch im Schlafanzug am Schreibtisch - dabei ist es schon dreiviertel drei. New way of living. Und um was über ne Internet-Messe bzw. eine, die im Internet stattfindet, rauszufinden geht man halt ins – richtig: ins Internet.

Die Galerien gehören zum klangvollsten, was das internationale Kunstmarktgesschehen so zu bieten hat. Gründungsgalerien sind zum Beispiel Max Hetzler, White Cube, Hauser & Wirth sowie Gagosian und David Zwirner. Der Auftritt innerhalb der kollektiven Webseite, und was anderes ist das ganze ja technisch gesehen nicht, kostet die Galerien zwischen 5 und 20.000 Dollar. Oder waren´s Euro? Egal. Keine Lust das jetzt zu googeln. Judy Lybke ist übrigens nicht dabei, ob er rausgeflogen ist oder sich nur nicht beworben hat kann ich aber nicht sagen.

Aus gestalterischer Sicht ist das Angebot relativ konservativ und übersichtlich in 2D angeordnet. Immer an der Wand lang. Um nen Eindruck von den Größenverhältnissen zu bekommen, kann man anscheinend einen grauen Pappkameraden einblenden, der dann in entspannt nachdenklicher Pose vor den Werken der Kunst herumsteht. Die Abbildungen der Arbeiten liegen in sehr hoher Auflösung vor und erlauben einen Zoomfaktor, den man auf einer richtigen Messe gar nicht haben möchte. Außerdem gibt’s natürlich alles, was man heutzutage von einer vernünftigen Webseite so verlangt: "Add to Favorites", "Share" und das Herunterladen von "in depth information" sowie Video und einige interaktive und soziale Features. Allerdings kostet das Geld. Wie bei einer anständigen Messe werden nämlich Eintrittsgelder verlangt. Das pure interesselose Wohlgefallen kostet allerdings noch nichts. Die Nutzung "interactive capabilities" schlägt dann schon mit 100 Dollar an den ersten vier und mit 20 Dollar an den restlichen Tagen zu buche.

Ich habe schon vor Tagen eine Einladung requested und dann auch gleich bekommen. Seit dem kann ich den Fortgang der Arbeiten an den Messekojen beobachten. Augenblicklich, einen Tag vor Eröffnung, sieht das folgendermaßen aus: 96,8% Booth completeness, 8472 Kunstwerke von 2293 Künstlern. 815 Zeichnungen, 2248 Gemälde, 1648 Skulpturen, 1840 Fotografien, 401 Druckgrafiken, 663 Dinge aus allem Möglichen, also „Mixed Media“, 346 Videos oder Filme, 38 Multimediakunstwerke, 372 Installationen und – nur eine einzige Performance. Na, die werden dann wohl morgen alle kommen. Ahh, fast vergessen hätte ich noch 235 andere Dinge. Also Unkategorisierbares. Da bin ich ja mal gespannt, was sich dahinter verbirgt. Tino Sehgal vielleicht. Aber der lässt ja eigentlich auch nur Performance aufführen.

Weia, kaum habe ich den vorhergegangenen Absatz im Schweiße meines Angesichtes recherchiert, schon kann ich ihn wieder über den Haufen werfen. Performance ist noch keine dazugekommen aber die Completeness beträgt jetzt 96,9%, dabei ist nur ein einziges neues Kunstwerk dazugekommen. Ich nehme an, die Putzfrauen haben ihren Dienst angetreten und mit ihren Mops die Completeness gepusht.

Dass das ganze kein Windei ist, zeigen nicht nur die illustre Galerieliste und die ernsthaften Minen in dem Intro-Filmchen. Ein Branchenkenner hat mir neulich mit unbekanntem Minenspiel, nämlich per E-Mail, zugeraunt: "Die Angst, dass die Internetmesse VIP einen Trend setzen könnte, ist gross. Was passiert, wenn es Galeristen tatsächlich gelingt, Sammler davon zu überzeugen, dass man zuhause auf dem Sofa kaum etwas verpasst?"
Ich würde sagen, dann ist Polen offen! - Also metaphorisch, kunstmarkttechnisch gesehen jetzt.

Markus Wirthmann, 20.01.11 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

"Advisory note

Due to the overwhelming number of visitors from around the world who have logged on to VIP Art Fair since its launch, the Fair is experiencing slower than normal response rates. We apologize for any frustration you are experiencing. Please bare with us as we work to remedy this situation as swiftly as possible. Thank you."

Sieht also zumindest nach mehr Besuchern aus als die Organisatoren gedacht und für das die Techniker das System ausgelegt haben.

markus | 23.01.11

 

Das Interesse schwappt rund um den Globus wie ne Gezeitenwelle.

Ist übrigens ganz lustig zu verschiedenen Zeiten mal bei Twitter nachzugucken wer gerade über die "VIP Art Fair" twittert. An bestimmten Tageszeiten sind verschiedene Regionen in Twitter aktiv. Heute morgen um acht warens Mexikaner, Argentinier etc. und Japaner. Ein paar Stunden vorher Koreaner und Australier.

Markus | 23.01.11

 

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