Charlotte Lindenberg | Rückschau

Germany´s Next Capital

Unter der Überschrift „Ausgerechnet Gießen?“ war am 6.12. war auf diesem Blog zu lesen: „Ist das jetzt der Anfang vom Ende? Müssen Galeristen jetzt schon aus Berlin in die hessische Provinz fliehen? Für mein Gefühl kommt Gießen gleich hinter Ouagadougou“.
Anschließend fand noch ein Veranstaltungsort namens kümmerei Erwähnung.


Gabi Schaffner, Ausstellungsansicht kümmerei, 8.1.11, Foto CL

Empört über des Autors verbale Entgleisungen wie „Exotenbonus“ bekundeten drei KommentatorInnen flugs ihre Verbundenheit mit dieser Nochnichtganz-Metropole (wird noch, Stephie!), die zwar weder arm noch sexy (vergib mir, Herr Lustig), dafür aber im Begriff ist, sich zur premium location mitteleuropäischer Kreativindustrie aufzuschwingen. (So besser, Frau Adam?)
Nachdem die erzürnte Solidargemeinschaft Gießen (die vermutlich geschlossen in Berlin wohnt – gebt´s zu!) hoffentlich beschwichtigt ist, hier also Neues aus der kümmerei.

Unter dem vielsagenden Titel „Trash & Beauty“ beging die in – wie sag ich´s nur – also die normalerweise in einer nordöstlich gelegenen größeren Gemeinde ansässige Künstlerin Gabi Schaffner den Abschluss ihres Arbeitsstipendiums in der Kulturhochburg in spe mit einer Ausstellung von Audio-, Video-, Foto-, Text- und Textilarbeiten. Textilarbeiten, jawohl. Profan ausgedrückt handelt es sich um bestickte Taschentücher, deren Bedeutung als europäische Kulturtechnik die Künstlerin in ausliegenden Texten hervorhob.


Schaffner, Taschentuch 2011, Foto CL

Im Unterschied zu herkömmlichem Infomaterial sind derartige Erläuterungen Teil, nicht Begleitmaterial von Schaffners Arbeit, wodurch die Exponate, die sich lesen, hören und sehen lassen, ein multi-sensorisches Ensemble bilden, angesichts dessen sich der abgenudelte Begriff vom Gesamtkunstwerk unerbittlich aufdrängt.
Mit Aufschriften wie „Trash & Beauty“ verbalisieren besagte Rotzf ... Schnupftücher die in sämtlichen Exponaten enthaltene Kombination von Erhabenem und Lächerlichen. So zeigt etwa ein Video die nicht von des Gedankens Blässe angekränkelte Unschuld, mit der sich dressierte Haustiere in einer Mischung aus animalischem Ernst und menschlicher Albernheit zum Affen machen. Mit derwischafter Ausdauer, mit der sich der aberwitzig frisierte Pudel auf den Hinterpfoten dreht, lassen Autorennfahrer im nächsten Film ihre Wagen grazil durch Kurven schleudern. Ein Micro-Movie weiter preisen textilfreie Naturfreunde so inbrünstig die Vorzüge erdverbundenen Daseins, dass man ihren Aufforderungen umgehend Folge leisten würde – könnte man die in fließendem Finnisch vorgetragenen Tiraden nur verstehen.
Weniger rationale Kopffüßler, die den ästhetischen dem diskursiven Kunstkonsum vorziehen, konnten eine von der Künstlerin produzierte Schallplatte mit mehr und weniger traditioneller finnischer "Schneemusik" (05) erwerben. Wem diese oder auch Schaffners Audiostücke zu intensiv schienen, konnte auf eine CD namens „Music für Bathrooms and Toilets“ (09) ausweichen, in der Hoffnung auf sphärische Klänge im Geiste von Enos „Music for Airports“.


Schaffner, Ausstellungsansicht kümmerei, Gießen, 8.1.11, Foto CL

Angesichts der geschilderten Eindrücke beschleicht einen der Verdacht, das Verhältnis zwischen Trash und Beauty sei leicht unausgewogen. Und doch war sie da, die Schönheit, etwa in Gestalt eines schwarzen Nachtfalters, der innerhalb eines Rechtecks aus weißem Licht so energisch wie unsinnig herumflattert und mit dieser anthropomorphen Sisyphusnummer zu versonnenen Betrachtungen Anlass gibt.
Doch stärker noch als das plakative „Trash and Beauty“ fassen zwei weitere Handarbeiten die Grundgedanken der Ausstellung zusammen.


Schaffner Taschentuch 2011 Foto CL

Die Abwandlung von Mark Twains These „Everyman is a moon. He has a side he doesn't show to anybody" lässt sich auf die Janusköpfigkeit der Exponate übertragen, gilt Schaffners Interesse doch der sich chronisch entziehenden Seite der Phänomene. Doch wie die gestickte Erkenntnis „no one can see“ bereits andeutet, ist die Künstlerin frei von der romantischen Hoffnung auf Zutritt zur dunklen Seite des Mondes und schlägt mit der Autorität von auf Sofakissen gestickten Psalmen vor:


Schaffner, Taschentuch 2011, Foto CL

Charlotte Lindenberg, 09.01.11 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

die kümmerei findet man unter www.kümmerei.org

jörg wagner | 10.01.11

 

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