Charlotte Lindenberg | Essay
Höhere Wesen befahlen gar nix

Frame, 10; © Schoderer
... und das Auge lässt sich herumführen von einer konkreten Farbe, ohne vorn und hinten, ohne Illusion. Das autonome Werk wäre perfekt.
Wäre.
Wäre da nicht der Wunsch der Malerin nach einem Dahinter, Darunter – wo auch immer man diesen malerischen Mehrwert metaphorisch verorten mag.
Und daher, kurz bevor sich das Gewebe zum All-Over verselbständigt, übernimmt ihre rationale Seele, ach, und teilt die Fläche in Raum.

Umgekippt, 10; © Schoderer
Der erste Eindruck, den Sarah Schoderers Gemälde vermitteln, ist der von Gewicht. Was von Weitem als lebhafte Struktur erscheint, gibt sich beim Nähertreten als zerklüftetes Relief zu erkennen, dessen – kaum noch als solche zu bezeichnende – Oberfläche von einander kreuzenden Pinselspuren aufgewühlt ist. Erhöhungen und Vertiefungen reflektieren und schlucken Licht, Grate werfen Schatten über Falten. Glatte und raue Zonen erscheinen glänzend und matt, grobkörnige Partikel liegen neben sich geschmeidig windenden Bahnen. Das temperamentvolle Zusammenspiel von Richtungen und Beschaffenheiten erzeugt eine visuelle Dynamik, die vergessen lässt, dass sich der gesamte Aufruhr allein Konsistenz und Handhabung der Farbmasse verdankt und sich in einem überraschend begrenzten Farbspektrum abspielt. Selten treffen Kontraste aufeinander, bunte Töne finden sich als bloße Spuren, und zudem stets weiträumig von Grau- und Brauntönen umfahren.
So lassen sich in den seit 2008 entstandenen Gemälden bestimmte Grundkonstanten ausmachen, wie z.B. die Einbettung kleiner Objekte in ausgedehnte Flächen. Letzteren verleiht die Komplexität ihrer Textur die eingangs erwähnte Schwerkraft und Dichte, so dass sie nur mit Mühe als 'frei' - ganz zu schweigen von 'leer' oder 'negativ' zu bezeichnen sind. Vielmehr nutzt Sarah Schoderer den von Gegenständlichem unverstellten Raum zum freien Spiel malerischer Mittel, lässt flüssige und feste Komponenten sich gezogen, gestoßen, vertrieben, zerdrückt hin und her bewegen. Der üppige Auftrag der Malmittel berietet ihr sichtlich Freude. „Ich male einfach gern“ sagt sie. Man sieht's.

Poser, 10; © Schoderer
Und das Auge lässt sich herumführen von einer konkreten Farbe, die nichts bezeichnet. Mangels Binnenflächen entstehen auch keine von einem Grund zu unterscheidenden Figuren, mithin kein vorn und hinten, keine Raumillusion. Das autonome Werk wäre perfekt.
Wäre.
Wäre da nicht der Wunsch der Malerin nach einem Dahinter, Darunter – wo auch immer man diesen malerischen Mehrwert metaphorisch verorten mag – jedenfalls die Absicht „unsere Zeit mittels der Malerei zu reflektieren und mit Hilfe meiner Bilder darüber nachdenken und anregen, es auch zu tun.“
Noch vor wenigen Jahren hatte sie der Malerei ihre Autonomie zugestanden, heute aber erklärt sie: „Ich male nicht um zu malen. In diesem Sinne bin ich mehr Konzeptkünstlerin.“
Und daher, kurz bevor sich das Gewebe aus Flächen, Streifen und Flecken zum All-Over verselbständigt, übernimmt Sarah Schoderers rationale Seele, ach, und teilt die Fläche in Raum. Durch deren mal subtile, mal deutliche Unterscheidung entstehen Boden und Wand, Ecken, unten und oben. Belebte und unbelebte Objekte erscheinen, wenn auch dank massiver Präsenz der malerischen Umgebung eher in als auf der Fläche.
Und unser Geist erwacht aus dem begrifflosen Schwelgen und beginnt zu lesen. Denn jetzt gibt's was zu erkennen, genauer: wieder zu erkennen.

Dislocation, 10; © Schoderer
Allerdings wird das Bemühen um das Entziffern einer Geschichte bald enttäuscht: Terpentin und Apfelsaftschorle bieten ähnlich wenig semantische Angriffsfläche wie Tüten, Taschen, Turnschuhe. Und als seien die im Bildtitel auch noch namentlich erwähnten Bierdeckel nicht schon beleidigend genug für uns Sinnsuchende, so bildet höchst unterkomplexes Spielzeug den Gehalt des – abermals provozierend präzise benannten - Stilllebens mit Pferdchen und Joghurtglas.
Doch die trotz aller Willkür eben doch erkennbare Inszenierung der nur scheinbar beiläufigen Arrangements weckt den investigativen Ehrgeiz, und lässt prompt hintergründige Details im vordergründig Wahllosen erkennen. Flugs reißen wir unsere ikonographischen Schubladen auf und erkennen im unscheinbaren Garn den Ariadnefaden. Schon kommentiert das Kruzifix die benachbarte Aktstudie, der Jogginganzug das Busenwunder, Spiegel mahnen zur Selbsterkenntnis, Putzwerkzeuge zu innerer Reinigung - insbesondere den über der Kehrschaufel befestigten, und buchstäblich „flachen“ Helden. Der gekippte Stuhl gerät zur Metapher menschlichen Seins, der Kopfstand sowieso. Und was erst wollen uns die leeren und zerbrochenen Bilderrahmen sagen?
Und die Malerin lässt uns. Wir durften fühlen, wir dürfen denken.

Seduced, 10, © Schoderer
Alle erwähnten Bilder befinden sich auf www.sarahschoderer.com
Charlotte Lindenberg, 04.01.11 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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