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Unstimmigkeiten im Griechischen Hof des
Neuen Museums in Berlin

Gastbeitrag von CPE

Außergewöhnliche Objekte machen gegenwärtig im Griechischen Hof des Neuen Museums auf der Museumsinsel einiges Aufsehen. Es handelt sich dabei um elf kleine Skulpturen, die ganz überraschend ins Haus und unter die antiken Schätzen gekommen sind. Sie erinnern an eine Blütezeit der Bildnerischen Moderne des XX. Jahrhunderts hierzulande und zugleich auch an das traurigste Kapitel der Deutschen Geschichte und Kunstgeschichte.
Es sind "Glücksfunde".
Die kleinen Kunstwerke sind bei archäologischen Grabungen aus dem Erdreich gehoben worden. Ihr Fundort liegt im Zentrum Berlins, in der Flucht einer gerade im Bau befindlichen Untergrundbahn, der sogenannten "Kanzlerbahn", die übrigens derzeit bei den Berlinern wegen der vielen Behinderungen nicht sonderlich beliebt ist. In nicht allzu ferner Zukunft aber wird diese zur Freude aller - Berlin Alexanderplatz, das Brandenburger Tor und den Hauptbahnhof (ehemals Lehrter Bahnhof) verbinden. Durch sozusagen "archäologische Fenster" wird man dann Mauerresten eines alten Rathauses begegnen können und überdies Verweise darauf vorfinden, was von dieser Stadt zuzeiten der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten einmal ausging. In dieser Form dann ein Novum in Berlin.

Von den Resten des alten Berliner Rathauses aus dem 13. Jahrhundert an dieser Stelle wussten die Archäologen, auf die kleinen Kunstobjekte aus Bronze, Messing oder Steinguss dagegen trafen sie völlig unvorbereitet. Was diese vorstellen, ist inzwischen geklärt. Es sind Arbeiten von Künstlern des XX. Jahrhunderts: Marg Moll, Otto Freundlich, Naum Glutzky, Heinrich Wolff, Edwin Scharff, Emy Roeder und Karl Knappe, die alle aus deutschem Museumsbesitz stammen. Aus dieser Geborgenheit wurden sie 1937 von Nationalsozialisten im Auftrag des NS-Staates herausgerissen und mit den besten Werken der Bildnerischen Moderne in den Ausstellungen "Entartete Kunst" als "Ausgeburten des Schwachsinns" geschmäht. Der nationalsozialistische Terror bezichtigte alles, was gut und teuer war, des "Undeutschen" und der "Entartung“. Das traf die Künstler, deren aktuelles Schaffen und betraf ebenso ihre bereits in Besitz der Museen und Sammlungen befindlichen Werke.
Es ging nicht nur um Karrierebrüche, um Diffamierung und Vernichtung, es ging um Leib und Leben.

Auf welche Weise diese elf Skulpturen in die Nähe des Roten Rathauses gekommen sind, gibt derzeit einige Rätsel auf, wie aus den Begleittexten im Neuen Museum zu entnehmen ist.
Das Haus über dem Fundort wurde 1944 durch einen alliierten Luftangriff zerstört. Man verfolgt jetzt eine Spur, die einen ehemaligen Bewohner des Hauses Königstrasse 50, den Treuhänder Erhard Oewerdieck, in den Fokus der Nachforschungen rückt und erhofft sich von dessen Erben, die heute in Australien und in den USA leben, Hinweise zur Aufklärung der Vorgänge vor inzwischen nahezu 70 Jahren. Der Kontakt sei hergestellt, erfährt man noch. Dem Schicksal der Opfer des Nazi-Regimes heute mit aller Sorgfalt nachzugehen, ist allemal verdienstvoll und gilt zu recht als profundes Mittel gegen das Vergessen.

In diesem konkreten Falle aber liegen die historischen Fakten anders und sind ohne alle Reisespesen zu haben. Wofür das Haus Nr. 50 in der Königstrasse, der heutigen Rathausstrasse und dem Hauptportal des Roten Rathauses gegenüber gelegen, damals genutzt wurde ist eindeutig belegt:
"Das bei der Reichspropagandaleitung bereitstehende Material obiger Ausstellung (Entartete Kunst- d. V.) kann in den ersten Tagen des Monats September (1942- d. V.) in den Lagerraum des Ministeriums in Berlin, Königstrasse 50, vormittags von 8-11 Uhr angeliefert werden."
Quelle: Bundesarchiv BArch R 55 21028 / 38

Wo der Schlüssel für den Lagerraum abzuholen sei, ist auch überliefert, heute aber wohl von geringerem Interesse. Was hierbei erneut Bestätigung findet, ist die Tatsache, dass Unterlassungen, auch wenn sie lange zurückliegen, ihre Auswirkungen noch immer haben.

Im Zentrum Berlins befanden sich sowohl die "Tatorte" als auch die Unterlagen der NS-Aktion. Es wäre noch Ende der vierziger oder spätestens Anfang der 50er Jahre ein Leichtes gewesenmöchte man meinen, das Kapitel zügig aufzuklären und für die Rückführung des noch Greifbaren zu sorgen. Die Realität inmitten der Hinterlassenschaft des NS-Regimes sah anders aus. Dennoch gab es bemerkenswerte Ergebnisse. Der neue Magistrat von Groß-Berlin ist für die Ermittlung und Rückführung des von den Nationalsozialisten aus öffentlicher Hand "entfremdeten" Kunstbesitzes sehr wohl tätig geworden, gestützt dabei auf eine Ermächtigung der sowjetischen Militäradministration (SMAD). Die herausragende Persönlichkeit bei diesem Engagement hieß Kurt Reutti, ein Berliner Künstler. Ihm verdanken wir u.a. die Sicherung des Kunstgutes aus dem Nachlass von Bernhard A. Böhmer in Güstrow. Mehr als 1000 Einzelposten: 34 Ölgemälde, 9 Plastiken und etwa 1000 Blatt Graphik fanden dadurch einen Weg zurück in die Museen. Die neuerliche Zuspitzung der politischen Lage zwischen den Alliierten von einst stand solcher Bemühung allerdings eher kontraproduktiv gegenüber. Das offizielle Schreiben des Generaldirektors der (ehemals) Staatlichen Museen vom September 1949, gerichtet an das Hauptamt Wissenschaft und Forschung, kann als Beleg dafür genommen werden. Professor L. Justi konstatiert darin ein signifikantes Ereignis: ein von den Nationalsozialisten beauftragter Kommissionshändler "ist mit allen Werken der >Entarteten Kunst< aus deutschem Museumsbesitz, die er noch (in der SBZ - d. V.) in der Hand hatte, nach Köln (in den amerikanischen Sektor - d. V.) geflüchtet."
Quelle: Landesarchiv Berlin Berlin C.Rep. 120 Nr. 509 / 63

Die Sache verlief im Sande und die neuen Machthaber in "Ostberlin", fortan unter dem Zeichen von "Hammer und Sichel", hatten bald auch ihrerseits in der modernen Kunst den Klassenfeind ausgemacht und zeigten kaum noch Interesse an der weiteren Aufklärung von deren traurigem Schicksal. Die Erklärung eines führenden Funktionärs der Sozialistischen Einheitspartei kann vielleicht helfen, jener bemerkenswerten kulturpolitischen Kontinuität auf die Spur zu kommen, die sich in totalitären Systemen zwangsläufig gegen alles Geistige und Freiheitliche richtet. Gegenüber einem besorgten Kunsthistoriker zuzeiten der "Formalismusdebatte" sprach der Mann das Ungeheuerliche gelassen aus:
"Nicht alles, junger Mann, was die Nazis gemacht haben, war falsch!"
Quelle: Filmdokument CPE-Archiv
Eine bittere Reminiszenz!

Zurück zum historischen Faktum: die ehemalige Königstrasse 50 war als Lagerort in die NS-Aktion "Entartete Kunst" einbezogen und kann als solcher auf dem Geschichtstableau und in die Annalen eingetragen werden.

Gastbeitrag, 16.01.11 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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