Gastbeitrag | Kritik

SENT BY MAIL

von John Beeson

SENT BY MAIL
Galerie Barbara Weiss, Berlin
7.12.2010-29.01.2011


John Miller, Untitled, 2009. Courtesy Galerie Barbara Weiss. Photo: Jens Ziehe

Die neue Ausstellung in der Galerie Barbara Weiss entstand aus einem Aufruf an verschiedene Künstler mit der Bitte: Teilnahme an einer Gruppenausstellung, aber nicht durch eine Einsendung der Kunstwerke per professioneller Kunstspedition, sondern durch Einsendung per Post. Traditionellerweise hält „Mail Art“, die ursprünglich als eine Abteilung von Konzeptkunst ihre Inspiration aus den Standards und Ordnungen der Post nahm, an bestimmten formalen und thematischen Tendenzen fest. SENT BY MAIL jedoch zerstreut Vorbehalte über die Limitationen von „Mail Art“ und ist gleichzeitig eine beeindruckende zeitgenössische Ausstellung. Das Konzept war eine einfache und ehrliche Geste - eine oberflächliche Verlinkung von diversen Künstlern - und die Einsendungen der Künstler sind sehr persönlich und zeigen ihre Macher aus dem Takt, oft Halt suchend in gewohntem Terrain, aber auch auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.

Einige der Künstler bleiben in ihren gewohnten Medien, aber haben die Arbeiten verkleinert; Niele Toronis und Rebecca Morris´ kleinformatige, abstrakte Malereien sind gute Beispiele dafür. In gewisser Weise trifft dies auch auf John Millers Beitrag zu, der ein (unecht) vergoldetes Objekt eingearbeitet hat - ein bekanntes Motiv dieses Künstlers. Die Arbeit zeigt jedoch einige methodologische Neuerungen: Collagiert auf eine Postkarte tritt das Objekt in einen Dialog mit der abgebildeten Landschaft. Noch weiter von seiner Routine entfernt sich Roman Signer mit  Herbstfilm - ein Päckchen voll mit Herbstlaub und einer kleinen Spielzeugkamera aus Plastik. Die abstrakte Sprache des Objekts führt, sofern der Betrachter seine bisherigen Produktionen kennt, zu einem erweiterten Einblick in dessen Denken: Wir sehen kein eingeschicktes Video oder eine Fotografie einer seiner „Aktionsskulpturen“, sondern eine Übersetzung seiner Untersuchungen von Film, Performance, Ort und Humor. Gitte Villesen und Deimantas Narkevicius haben Videos eingeschickt - vielleicht weil sie schon versandfertig waren - die ansonsten thematisch seltsam bezugslos zum Thema der Ausstellung wirken.


Roman Signer, Herbstfilm, 2010. Courtesy Galerie Barbara Weiss. Photo: Jens Ziehe.

Das Aufschlussreichste dieser Ausstellung ist nicht die Erkenntnis, was Künstler heute per Post verschicken können, sondern deren konzeptuelle Erweiterung dessen, was Kunst ist, wie sie sich in Beziehung zur Post setzen kann und was ausgedrückt wird, auch wenn sie sich einer systematischen Reduzierung unterwirft. Die Videos von Villesen und Narkevicius heben die erhöhte Mobilität von Information hervor, die von der technologischen Entwicklung gefördert wird. Und auch die  sechsunddreißigteilige Soundarbeit Heike Baranowskys - Aufnahmen von Bewegungen der Künstlerin, die in Teilen zu je vier CDs wöchentlich eingeschickt wurden - untersucht diesen Prozess durch Tonaufnahmen; darüber hinaus steht die Arbeit, ähnlich wie Torinis Malerei, als Beweis dafür, dass Raum auch für den Prozess in “Mail Art” existieren kann. Eine der lebendigsten Arbeiten in der Ausstellung - nicht wegen ihrer Form, sondern wegen ihres manischen Inhalts - der unadressierte, in einem Textverarbeitungsprogramm geschriebene Brief von Mai-Thu Perret: Er findet einen Platz für Poesie, die über die der literarisch experimentellen Kunst der 60er und 70er Jahre hinausgeht. Allerdings sind narrative Elemente nicht so präsent wie man erwarten könnte, wenn man an das kommunikative Potenzial der Post denkt. So besteht Waszem Kahns Pins and Pounds etwa aus einer Plastiktüte mit zerschnittenen Pfundscheinen, die neben einem Brett mit ähnlichen Papierstücken hängt, aus denen Notizen zusammengepinnt wurden: Hier scheint die Beziehung des Teils zum Ganzen behandelt zu werden. Nur der Siebdruck von Raoul De Keyser ist eine Ausnahme und bezieht sich sowohl auf die literarischen Konnotationen als auch auf die logistischen Einschränkungen der Post. Barbara Steppe, Boris Mikhailov und William Engelen führen die Ausdehnungsfähigkeit des Briefinhalts ins Feld und greifen so die vermeintlichen logistischen Begrenzungen der Post an. Schließlich werden die Erwartungen an Verborgenheit und Überraschung, generell Assoziationen der sogenannten „snail mail“, einem englischen Slang-Wort für reguläre Post in Zeiten des E-Mail-Verkehrs, von Monika Baers alleinstehendem Schlüssel erfasst, dessen Käufer auch eine unbekannte Papierarbeit aus einem Schließfach erwirbt.


Boris Mikhailov, From under the bridge, 2010. Courtesy Galerie Barbara Weiss. Photo: Jens Ziehe.

Insgesamt hat der Aufruf zum Postversand die Künstler herausgefordert, eine Einsendung in einer Art poetischen Effizienz darzubieten - was jedoch nicht alle ausführen konnten. Die Künstler, die innerhalb ihrer gewohnten künstlerischen Arbeitsweise geblieben sind, sollten deshalb bezüglich ihrer Produktion mit reduzierten Mitteln danach beurteilt werden, welche davon funktionieren. Anderseits kreierten eher die Künstler, die mit ihren Arbeiten eine neue Herangehensweise zur „Mail Art“ geschaffen haben, eine intellektuelle Sensibilität zu einer anspruchsvollen und offensichtlich ungelösten historischen Möglichkeit der Kunstproduktion. Die meisten waren dabei erfolgreich.


John Beeson ist ein us-amerikanischer Kunstkritiker und vor kurzer Zeit nach Berlin gezogen. Bisher hat er für spike Art Quarterly, BOMB Magazine und den Independent geschrieben.
Übersetzt von Brad Alexander, Moritz Drung, and Daniel Herleth

Gastbeitrag, 01.02.11 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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