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Michael Reuter | 12.01.10

Debütausstellung I: Friedemann Flöther “Rich Punks” in der Kunstaka Stuttgart


Friedemann Flöther: Der Kuss, 2008, patinierte Bronze, 75 x 35 x 35 cm

Wo Damien Hirst mit seinem Diamantenschädel "For the Love of God" schon das eigene Ableben beklagt, geht es bei Friedemann Flöther noch ums Arbeiten. „Carve!“ klopfte er zur Freude der Hausmeister in eine Wand der Ausstellungshalle und legte sein Werkzeug gleich dazu, gebettet auf schwarzem Samt und mit Strasssteinen überzogen, zum Arbeiten nun gänzlich ungeeignet. Flöther stellt in der Kunstakademie Stuttgart noch bis zum 24. Januar unsere Vorstellungswelt infrage. Harte Superhelden dürfen sich auch mal küssen, Raketen tauschen ihre ölverschmierten Metallhüllen gegen ornamentale Tapetenmuster und ein friedfertiges Einhorn bohrt Selbiges wütend in eine Wand.

Die Verdrehung von Idealwelt und Realität kommt vielleicht etwas zu plakativ daher, ist dafür aber handwerklich perfekt und mit einem augenzwinkernden Blick auf das eigene Werk umgesetzt.


Friedemann Flöther: Hammer und Meißel, 2009, Strasssteine, Hammer, Meißel, 34 x 18 x 4 cm

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Michael Reuter | 12.01.10

Debütausstellung II: Xianwei Zhu “Searching for No Heaven”


Xianwei Zhu: Searching for No Heaven, Öl auf Leinwand, 200x180cm (Ausschnitt)

Ganz an den Rand des Bildes „Searching for No Heaven“ setzte der 1971 in Qingdao/China geborene Xianwei Zhu einen kleinen Affen, der sich melancholisch das Remmidemmi in der Bildmitte betrachtet. Liest der Betrachter den Affen als klassische Reflexionsfigur für den die Natur „nachäffenden“ Künstler, so scheint sich auch Xianwei nicht ganz wohl zu fühlen in der lärmigen Gegenwart. Schon sein früheres malerisches Alter Ego, ein kugelköpfiger Knirps, stand immer etwas verloren im leeren Bildraum. Die Welt, das waren stets die Anderen, die jenseits des Keilrahmens bleiben sollten. Immerhin greift der Künstler nun in die Vollen, um sich den menschlichen Affenfelsen in seiner schönsten Verwirrtheit auszumalen, inklusive dem zähnefletschenden Alphatier als Sinnbild gesellschaftlicher Dominanz. Trotzdem findet sich in den Bildern Xianwei Zhus stets ein ruhiger, abgelegener Felsen: Man muss ja nicht gleich alles mitmachen.

Debütausstellung Xianwei Zhu in der Alten Aula der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Noch bis 24.01.2010.


Xianwei Zhu: Searching for No Heaven, Öl auf Leinwand, 200x180cm


Xianwei Zhu: Mein Berg, Öl auf Leinwand, 40x40cm, 2009

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Michael Reuter | 31.12.09

Viktorianischer Liebesreigen.
Der Maler Edward Burne-Jones und seine Freunde im Taumel der Leidenschaften


Die Familien von William Morris and Edward Burne-Jones, Foto von Frederick Hollyer, aufgenommen im Garten von The Grange, Burne-Jones´s Haus in Fulham. Von links nach rechts: Edward Jones (Burne-Jones´s Vater), Margaret Burne-Jones, Edward Burne-Jones, Philip Burne-Jones, Georgiana Burne-Jones, May Morris, William Morris, Jane Morris und Jenny Morris. Platinotypie, 14 x 13.1 cm.

Die lange Regentschaft der englischen Königin Viktorias von 1837 bis 1901 gilt gemeinhin und sprichwörtlich als verklemmte Epoche. Da nützt auch die erfolgreiche Industrialisierung oder die florierende Wirtschaft des Landes gar nichts – Prüderie und Frauenfeindlichkeit prägen unser Bild der viktorianischen Zeit. Und wo zu Zeiten Königin Elisabeth I in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch von „England’s Golden Age“ geschwärmt wurde, dominierten nun Fabrikschlote und die ungesunden Lebensbedingungen des Industrieproletariats. Kein Wunder, dass die Malerfreunde der „Präraffaelitischen Bruderschaft“ ab 1848 zur Wiederentdeckung der Natur aufriefen. Eingebettet in mythische Traumwelten wurden Heldensagen erzählt, die Kraft der klassischen Mythologie beschworen und ein idealisiertes Frauenbild besungen.

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Michael Reuter | 16.12.09

Licht! Mehr Licht!
Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen wagt sich mit einer kleinen Kerze in das Mysterium der Nacht


Ralf Peters: Porträt rot, 1998

An den Anfang hätten sie gehört, die beiden Werke von Philipp Haager, in denen Isabell Schenk-Weininger von der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen die kosmische Ursuppe schwappen sieht, die Gähnung grundlos und das archaische Nichts.
Aber auch der Beginn göttlichen Gestaltungswillens lässt sich in Haagers Tuschmalerei beobachten, denn nach einigem Hinsehen schälen sich rötliche Farbwolken aus dem schwärzlichen Wabern. Es ist, als ob sich die Schöpfung vollzieht, je länger man die Bilder betrachtet.

Doch statt dem Stuttgarter Jungmaler darf Altstar Thomas Ruff mit zwei seiner langweiligen Fotos des Sternenhimmels und einem etwas unmotiviert gehängten Bild der „Nächte“-Serie das Entree der Galerie bespielen. 1992 fotografierte Ruff als Reaktion auf die Medienbilder des Golfkriegs mit einem Restlichtverstärker im Düsseldorfer Hafen und schuf mit „Nächte“eine unwirklich-unheimliche Serie, deren Wirkung in Bietigheim verpufft, weil der Kontext „Nacht“ das Bild nicht gut trägt.

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Michael Reuter | 09.12.09

Pussyclub im Pleistozän


Frauenstatuette aus Mammutelfenbein, bisher älteste bekannte Menschendarstellung der Welt, Hohle Fels, 40.000 bis 35.000 Jahre vor heute.(© Universität Tübingen, Foto: Hilde Jensen)

In der Schatzkammer der Großen Landesausstellung Eiszeit – Kunst und Kultur gibt es pralle Weiblichkeit zu bestaunen. Die „Venusfiguren“ zeigen das Wesentliche – Titten und Ärsche in dionysischer Fülle. Unsere Abbildung zeigt die älteste bislang bekannte Menschenfigur der Welt, die Venus vom Hohle Fels, wobei der kleine Wurmfortsatz über den Zehn-Punkte-Brüsten kein Kopf ist, also nicht auf eine cerebrale Unterbelichtung der Frau und damit auf einen eiszeitlichen Chauvinismus verweist, sondern eine Öse, um die kleine Statuette,zumindest zeitweise, bei sich zu tragen. Männliche Statuetten wurden dagegen kaum gefunden, hier und dort mal ein Phallus aus Stein, aber welcher Eiszeitler hängt sich schon einen Schwanz um den Hals, wenn sowieso ständig einer an ihm herunter baumelt.

Wer Naturkundliches öde findet, (und die jetzige Show macht in Sachen progressivem Ausstellungsdesign keine großen Sprünge) sollte die Stellwände, Völkerkundemuseumsfellhütten, Dekoskelette ( nein, keine Dinosaurier) und das penetrante Flötengedudel schnell hinter sich lassen, um zu den wirklich beeindruckenden Exponaten vorzudringen: Der großen Sammlung eiszeitlicher und damit der ältesten Kunstwerke der Welt. Was jetzt im Kunstgebäude an kleine Figuren aus Mammutelfenbein zu sehen ist, wird so schnell nicht mehr zusammenfinden. Venusfiguren, Pferde, Mammuts, Vögel und Knochenflöten aus der Zeit vor etwa 40.000 – 12.000 Jahren aus den Höhlen der Schwäbischen Alb mit Vergleichsfunden aus vielen anderen Ländern.

Wie gediegen langweilig die Zeit bis zum nächsten spektakulären Funde werden kann, illustrieren einige ausgestellte Grabungs-Dokumentation. Bei Jamie Clark lesen wir: “Today I will remove the rest of 3bWF and then hopefully begin with 3bIIb. Along the northern edge of VQuD, there is a hole approx. 4 cm in diameter.” Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.

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Michael Reuter | 19.11.09

De Zoch kütt

Na bitte ..., als Reaktion auf die angekündigten Kürzungen im Stuttgarter Kulturhaushalt startete heute die erste Stuttgarter Art Parade. Der selige Fra Angelico, seit 1984 auf Anweisung von Johannes Paul II Schutzpatron der Künstler, sorgte für strahlenden Sonnenschein, die Stimmung war prima und auf dem Marktplatz wurde parallel zur Demonstration die Weihnachtsdeko am Rathaus montiert.Was kann da noch schief gehen?
Die Kürzungen sind Geschichte!
Schlechte Geschichte!
Hoffentlich!

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Michael Reuter | 26.10.09

Zuviel Friedfertigkeit ist auch nix.

Die afrikanische Biennale DAK’ART zu Gast in Stuttgart


Ausstellungsansicht

Im August berichtete Lutz Mükke in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ über die „Dramatisierungsfalle“, in der die deutsche Berichterstattung über den afrikanischen Kontinent stecken würde.
Die „K-Berichterstattung“, also Kriege, Krisen, Katastrophen und Krankheiten, nehme zwischen 40 und 50 Prozent der analysierenden Berichte ein. „Schwer absetzbar sind hingegen Themen wie Innen- und Außenpolitik afrikanischer Staaten, Alltag, Kultur, Literatur oder lokale Wirtschaftsthemen.“
So ist es schon erstaunlich, dass auch die aktuelle Ausstellung in der ifa-Galerie Stuttgart sich in der künstlerischen Berichterstattung nicht dem vielleicht gar nicht so grauenvollen Alltag der Bevölkerung widmet, sondern ebenfalls auf Bedrückendes setzt.

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Michael Reuter | 20.10.09

Neuer Wein in alten Schläuchen?
Die neue Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart stellt sich der Presse

Here She Comes: Miss Schnellfeuer Dr. Ulrike Groos, neue Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. Der Griffel fliegt über das Papier, um wenigstens einige ihrer Ziele und Anmerkungen festzuhalten, während die Beisitzer der Inthronisation, auf der rechten Seite OB Wolle Schuster und Susanne Eisenmann als Stiftungsratsvorsitzende, im Quartalsprogramm blättern. Links sekundieren schweigend die Hauskuratoren Simone Schimpf und Daniel Spanke – es hätte schlimmer kommen können.

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Michael Reuter | 15.10.09

Reiche Stadt. Arme Stadt. Stuttgart muss sparen.
Wer möchte eingespart werden?

Zurzeit kursieren im ehemals wohlhabenden Stuttgart gruselige Streichlisten. Dass die Haushaltskonsolidierung mit bis zu zehnprozentigen Kürzungen der Zuschüsse für städtisch geförderte Kultureinrichtungen einhergeht, stößt auf Protest. (Einige wenige Einrichtungen werden wohl auch mit gänzlich leeren Taschen dastehen und damit am Ende ihres kulturellen Engagements angelangt sein.) Vor allem die Stuttgarter Leuchttürme Künstlerhaus und Württembergischer Kunstverein sehen ihre programmatische Arbeit gefährdet. Man arbeite schon seit Jahren am Limit und eine weitere Kürzung sei nicht zu verkraften. Und schließlich gehe es nicht nur um den Fortbestand einzelner Institutionen, sondern um die „feinen Verästelungen“ innerhalb der kulturellen und subkulturellen Milieus, die eine Stadt erst lebens- und erlebenswert machen würden.
Der folgende Text basiert auf einem Kommentar von Hans D. Christ, einem der Direktoren des Württembergischen Kunstvereins, auf der Internet-Plattform e-stuttgart, die versucht, Fakten, Stimmungen und Meinungen zu den geplanten Kürzungen im Kulturbereich zu bündeln. Ein Besuch lohnt sich.

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Wer möchte eingespart werden?« weiterlesen ...

 

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Michael Reuter | 30.08.09

Meine Musik bleibt


John Cage: HV2
Foto: Kolumba, Köln, Courtesy of the John Cage Trust

Der Zugang zur Ausstellung „Kunst = Leben. John Cage“ in der Stihl Galerie Waiblingen führt durch eine innen verspiegelte Black Box, in der Henning Lohners Film „One11“ zusammen mit dem Orchesterwerk „103“ gezeigt wird. Es ist ein Schwarzweißfilm ohne Thema, der einzige Langfilm von John Cage, gedreht 1992, im Jahr seines Todes. Es gibt keine Personen oder Handlungen, nur wanderndes Licht. Film und Musik bestehen aus siebzehn Teilen und laufen parallel, obwohl sie nicht direkt zusammen gehören. Jeder Teil von „One11“ besteht aus ca. 1.200 Zufallsoperationen eines Computers, der das Licht und den Kamerakran steuert.

Der Zufall spielt auch im grafischen Werk eine große Rolle. Zufall und Schicksal. Cage war ein großer Anhänger des alten Weisheitsbuches „I Ging“, das in China seit Jahrtausenden als Orakel befragt wird. Das Papierformat, die Farbmischung, die Zahl der Striche, die Wahl der Motive und ihre Anordnung – bei allen Entscheidungen ließ sich Cage durch das „Buch der Wandlungen“ leiten und inspirieren.

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Michael Reuter | 30.08.09

Ein melancholisches Gefühl der Heimatlosigkeit


Foto: Columbus Art Foundation

Volkskultur und Volkskunst, insbesondere die religiöse Volkskunst, entfaltet ihren ganz eigenen Reiz. Wer einmal den Rundgang mit Votivbildern an der Gnadenkapelle in Altötting oder in einer anderen süddeutschen Wallfahrtskirche gesehen hat, wird sich einem quasi-religiösen Gefühl des solidarischen Mitleidens kaum entziehen können. Diese über Jahrhunderte gewachsenen Bildwände zeigen ein ganz unmittelbares Verhältnis zur Religion. Viele Dinge waren damals heilig und auch der normale Bürger, Bauer oder Handwerker hatte einen direkten Draht zum Jenseits.
Broschen aus dem Haar von Toten, Amulette, Schutzsymbole, Marien- und Heiligenbildchen – gerade die magisch angehauchten Artefakte lassen die Fantasie des säkularisierten und von der totalen Aufklärung doch arg gelangweilten Jetztzeitlers aufblühen. Nur wenig von der alten Volkskultur ist uns geblieben, die kitschigen Devotionalien an Wallfahrtsorten treiben dem Betrachter allenfalls Tränen des Zorns in die Augen, traditionelles Brauchtum verkommt zur Sauforgie oder zum Gaudium für Touristen.

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Michael Reuter | 30.08.09

Nicht immer nur Krieg


Otto Dix, Walpurgisnacht, 1913

Das Werk von Otto Dix zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellungstätigkeit der Städtischen Galerie Albstadt. Kein Wunder, das 1975 gegründete Haus besitzt den weltweit größten Bestand von Arbeiten auf Papier des 1891 in Gera geborenen Künstlers.

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Michael Reuter | 23.07.09

Akademie-Rundgang 2009 in Stuttgart


Ursula Donn (Ausschnitt)

Am Freitag Abend um 19 Uhr startet das schönste Sommerfest im Kessel – der Rundgang durch die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Performances, Malerei, Glaskunst, Architektur oder Kommunikationsdesign – was die 32 Werkstätten der Akademie unter Volllast hervorgebracht haben, verdichtet sich beim Rundgang zu einer unverkrampften Leistungsschau. Dabei geht es auch innerhalb der künstlerischen Klassen sehr abwechslungsreich zur Sache. Der Kampf der Gattungen ist längst einer entspannten Durchmischung gewichen und eigentlich kann ja jeder machen, was er will – wenn er es nur mit Hingabe tut.
Anbei als kleiner Appetizer eine total subjektive Auswahl künstlerischer Positionen. Ich hoffe, die Zuordnung der Namen stimmt. Bei Korrekturbedarf einfach melden.

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Michael Reuter | 22.07.09

Performance von Joan Jonas im Staatstheater Stuttgart

Zur Verleihung des mit 16.000 Euro dotierten Hans-Molfender-Preises 2008 zeigt die 1963 in New York geborene Performance-Künstlerin Joan Jonas in Stuttgart ihre Arbeit "The Shape, the Scent, the Feel of Things".
Endlich mal was los im Ländle, sollte man meinen, trotzdem war gestern noch jede Menge Platz im Staatstheater. Lag wohl an den brütenden Temperaturen, aber Leute: Wetter gibt es jeden Tag, die olle Jonas nur noch heute Abend!
Grundlage des Ganzen ist die Person des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, der 1923 mit einem Vortrag über das Schlangenritual der Hopi-Indianer in Nordamerika seine geistige Gesundheit belegen wollte. Er saß im schweizerischen Kreuzlingen in der Psychatrie und wollte wieder raus. Da nutze der schöne Name "Sanatorium Bellevue" gar nichts.

Es gibt eine bildgewaltige Produktion, die bisher nur in New York, Sao Paolo und Berlin (Mist!) zu sehen war. Zeichnungen, Fotografie, Videoprojektion, Jazzmusik von Pianisten Jason Moran, ein ausgestopfter Hund, Krankenhausbetten und Geräusche, Noh Theater und Brüder Grimm: Jonas greift tief in die Truhe kultureller Schätze, um ihre eigenen universellen Bilder zu erzeugen. Schon schön. Vielleicht sollte die Kunst wieder mehr Performance wagen.


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Michael Reuter | 20.07.09

„Hast du heute schon dein Viagra gefressen?“

Die frühberufene Künstlerin Jana Kuznetsov malt bei ihren provokanten Performances am liebsten mit Schamröte. Zurzeit stellt sie im Bahnwärterhaus in Esslingen bei Stuttgart aus.


Macht über Macht - Performance mit Sammler und Kunstkritiker Harald Falckenberg, November 2007

Kaum 150 cm hoch, haselnussbraune Kulleraugen und ein zartes Mini-Maus-Stimmchen: „Pffft“ denkt sich der Wolf und pustet die Frau ohne Anstrengung von den Klippen. Aber Obacht, verehrte Kunstfreunde, bevor diese Künstlerin sich wegblasen lässt, wird sie wandelbar wie ein Virus, anhänglich wie eine Zecke, bissig wie ein Rehpinscher und dickfellig wie ein Elefant. Ihr Name ist Jana Kuznetsov: Erdlinge, lauft weg oder kniet nieder.

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Michael Reuter | 15.07.09

Stadtstaat. Szenario für das Verbinden von Städten

Eine Anti-Utopie im Künstlerhaus Stuttgart


Metahaven: Stadtstaat (Poster), 2009

Als Fallstudie für ihr Ausstellungsprojekt im Künstlerhaus Stuttgart wählte das Design- und Forschungsbüro Metahaven (Amsterdam/Brüssel) einen fiktiven Stadtstaat, der aus den fusionierten Städten Utrecht und Stuttgart besteht. Für dieses grenzüberschreitende Gemeinwesen entwarf das Büro Ausschnitte eines Corporate Designs, dass aktuelle gesellschaftliche Diskurse spiegelt und analysiert.

Metahaven konstruiert eine Dystopie, einen durchgestylten, hoch technisierten, pseudodemokratischen Staat, der soziale Netzwerke, globalisierte Marken und Informationstechnologie nutzt, um die Bevölkerung auf Linie zu halten, ohne dass es ihr bewusst wird.

Zum besseren Verständnis gibt es eine Reihe von fiktiven Briefen, die alle mit "Freund" unterzeichnet sind, aber offensichtlich von verschiedenen Personen geschrieben wurden. Die Texte fangen den typografieverliebten, menschenleeren Spekulationsraum von Metahaven auf, schmälern aber die Wertigkeit der Ausstellungsstücke. Es wird auch nicht klar, wozu das Konstrukt Utrecht/Stuttgart benötigt wird. Die These, dass Stadtarchitektur, politische Ideologien und Konsumentenwelten, zumindestens im europäischen Kontext, kaum noch unterscheidbar sind, ist abgearbeitet. Was die Gesellschaft braucht, ist nicht das wiederholte Beschwören eines technoiden Überwachungsstaates, sondern die Förderung einer partizipativen Geisteshaltung, die Demokratie mitgestalten und mitverantworten will.

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Michael Reuter | 12.07.09

Die Welt wird Stellwand

Drei Sätze zur Ausstellung »Die Welt wird Stadt« in der ifa-Galerie Stuttgart

Tolles Thema: bildgewaltig, zukunftsträchtig, überlebenswichtig.

Die Umsetzung: Stellwandterror mit langen Texten und einigen verschämten Architekturmodellen.

Abhilfe: Zuhause bleiben, Dossier zum Thema im Netz lesen, den Katalog bestellen oder gleich das 2005 erschienene Buch von Eckhart Ribbeck »Die Welt wird Stadt« kaufen.

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Michael Reuter | 10.07.09

Adolf Hölzel im Kunstmuseum Stuttgart

Eher von akademischem Interesse ist die neue Ausstellung „Kaleidoskop. Hoelzel in der Avantgarde“ im Kunstmuseum Stuttgart. Als stolze Besitzer von 400 Werken und damit der weltgrößten Sammlung des 1905 als Professor an die Königlich Württembergische Akademie in Stuttgart berufenen Adolf Hölzels sahen sich die scheidende Direktorin Marion Ackermann und ihr Mannen in einer Bringschuld, „einen der Pioniere der Avantgarde von europäischem Rang, den es als Wegbereiter der Moderne neu zu entdecken gilt“ angemessen zu präsentieren.

Der 400seitige Monsterkatalog, eine wunderbare Urlaubslektüre, die auch als Auffahrkeil für Wohnmobile geeignet scheint, bietet dreizehn AutorInnen die Gelegenheit, Hölzel aus dem Nebel des Vergessens hervorzuzerren und ihn als Avantgarde der Avantgarde zu präsentieren. Ein verkannter Revolutionär, der bereits 1905 mit der „Komposition in Rot I“ eines der frühesten Beispiele abstrakter Malerei schuf, ein bedeutender Theoretiker, der bereits 1901 mit seinem Aufsatz „Über Formen und Massenverteilungen im Bilde“ einen der Schlüsseltexte der Moderne schrieb und ein wegweisender Lehrer, der Künstler wie Johannes Itten, Oskar Schlemmer oder Willi Baumeister maßgeblich beeinflusste.

Tja, woran hat es nun gelegen, das Hölzel (noch) nicht zu den wichtigen Großmalern gezählt wird? Zurückhaltend ist er gewesen. Nicht seine eigene Person war ihm wichtig, sondern die Malerei und sein Werk stellt das „progressiv verlaufende Konzept der Moderne in Frage“. Drei Todsünden, die auch heute noch ins kunsthistorische Nirvana führen können.

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Michael Reuter | 08.07.09

Armes reiches Stuttgart?

Also, richtig schlau bin ich aus dem "Goldtransport" von Justyna Koeke nicht geworden, der heute Vormittag durch die Stadt rollte.
Soll der Abtransport des Nuggets die wegbrechenden Gewerbesteuereinnahmen kommentieren? Oder den Fluch des Goldes? Oder soll er gar als verspäteter Kommentar zur Finanzkrise gelesen werden?
Jedenfalls war die Freude kurz und schon war der Mercedes, gefilmt von einem offenen Porsche (so prekär kann die Situation der deutschen Künstler noch nicht sein) wieder verschwunden. Näheres sicher bald im Netz und bei Youtube und bei Justya und beim Kunstblog.

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Michael Reuter | 11.05.09

Freies Verprügeln

Apropos Haue für Alle: Anbei ein kleiner Schnupperclip zu Justyna Koekes Performance “Schlag auf Schlag”, gegeben am letzten Freitag zur Preview des neuen Projektraumes “White Heat” im schönen Stuttgart.
Die Kostüme waren wie immer erste Sahne, an der Choreografie könnte sie noch arbeiten.
Die Zielgruppe vom “White Heat” scheint weniger das klassische Kunstpublikum zu sein, sondern die vom Trunke geröteten Gesichter der nahgelegenen Partypeopleverwahranstalten und Abzappeltempel der Theodor-Heuss-Straße. So würden sich zumindest die Öffnungszeiten erklären: Donnerstag 18:00 - 01:00, Freitag 18:00 - 1:00, Samstag 16:00 - 01:00 :-)

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Michael Reuter | 28.04.09

Die Antipoden

Oliver Ross und Hendrik Lörper zeigen die Extrempunkte
zeitgenössischer Skulptur


Hendrik Lörper: Zelle mit Organ (Projekt 3), 2007, Folie, PC-Lüfter, Kabel, Klebeband, Zeitschaltuhren, Installationsansicht Stadtgalerie Kiel

In der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen lief bis Mitte April die Ausstellung „Sculpt-O-Mania“ mit zwölf jungen bildhauerischen Positionen. Im obersten Stockwerk des Erweiterungsbaus trafen zwei Künstler aufeinander, die als Antipoden funktionieren. Hendrik Lörper (*1977) zeigt eine Kojen füllende Plastikfolie, die sich mithilfe einiger PC-Lüfter langsam aufplustert, um dann wieder in sich zusammen zu sinken. Oliver Ross (*1967) präsentiert einige seiner psychedelischen Material-Module, deren Farbigkeit und reichlicher Besatz mit trashigen Fundstücken wie Erdnüssen, Schwämmen, Pflasterstreifen, Rinde oder Schrott das genaue Gegenteil der kontemplativen Arbeit Lörpers sind.

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Michael Reuter | 07.03.09

Die Routine des Alltags durchbrechen. Im Künstlerhaus Stuttgart werden die Möglichkeiten einer zeitgemäßen Kunstvermittlung in Kunstvereinen und Museen untersucht

In Abwandlung eines Bonmots des Malers Ad Reinhardt könnte man sagen, dass Kunstvermittlung der Zwerg ist, über den man stolpert, wenn man zurücktritt, um ein Gemälde zu betrachten. Ganze Horden von Schulklassen und Kindergartengruppen werden regelmäßig – und zum Schrecken des dünnhäutigen Aufsichtspersonals – mit Buntstiften und Papier durch die Bildertempel der Post-Postmoderne getrieben. Die Museumspädagogik spricht hier von dynamischen Formen der Kunstpräsentation.
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine bietet Mitte März im Künstlerhaus Stuttgart Vorträge und Workshops zur zeitgemäßen Kunstvermittlung an. Unter dem Titel VERMITTELN/VERHANDELN beschäftigt sich die zweitägige Tagung mit der Rolle des Publikums und gibt Einblicke in experimentelle Formen der Vermittlung. Wie kann es gelingen, die Besucher zu Co-Produzenten, Kritikern oder gar Komplizen zu machen?

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Michael Reuter | 21.02.09

Vielfalt in der Einheit. Der Kulturverein Provisorium in Nürtingen bei Stuttgart

Muss ja ein mächtig großer Kulturverein sein! Mit Zentralsaal! In Nürtingen! „Hotelbar Kassel“, „borderlines“, „Schauraum“, „Café Logos“, „El Kursaal“ und ein „Filmclub“ buhlen auf der Website um die Gunst eines kulturell offensichtlich äußerst regen Publikums. Womöglich mit Strahlkraft weit über die Provinz hinaus? Nie gehört. Verdammt!
Die Recherche vor Ort führt in den Keller der frisch renovierten Stadthalle und zur buddhistischen Erkenntnis: Alles ist Eins.

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Michael Reuter | 17.02.09

Always Look on the Bright Side of Life. Die Ausstellung "Medium Religion" im ZKM Karlsruhe


Alexander Kosolapov: This is my blood, 2002, Leuchtkasten, 105 x 150 cm, Courtesy Guelman Gallery

Okay, okay, die Theorie! Mag sein, dass die von Peter Waibel und Boris Groys kuratierte Ausstellung „Medium Religion“ im ZKM arg gedankenschwer daherkommt und dass die große Themenvielfalt einige Besucher intellektuell keult, aber was soll´s?
Leben, Tod und Unsterblichkeit, religiöser Fanatismus, Genderthematik, quasi-religiöse Verehrung von Künstlern und Politikern, dazu Dokumente zum Streit um das Kaaba-Projekt von Gregor Schneider oder zur Debatte um die Kölner Zentralmoschee: In der Materialmenge überwältigend und zeitraubend, aber trotz der teils bedrückenden Thematik spannend, blasphemisch und unkonventionell.

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Michael Reuter | 12.01.09

Hammer oder Harke? Malewitsch und Natur in Baden-Baden


Kasimir Malewitsch (1879–1935), Schwarzes Quadrat, 1929, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm, Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau, Foto: Elma Velagic

Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein! Die Künstler glaubten noch an ihr Genie, an ihren gesellschaftsprägenden Einfluss, und die Zeit war reif für eine epochale Wendung. Der Erste Weltkrieg tobte. Es kam zu ersten empfindlichen Engpässen in der Versorgung der Bevölkerung. Die Russische Revolution stand vor der Tür. Mitten drin: Kasimir Malewitsch, einer der wichtigsten Vorläufer der konzeptuellen und minimalistischen Kunst, Wegbereiter der abstrakten Kunst und als Toter zur Schau gestellt in einem suprematistischen Sarg. Er wollte die Kunst von allem gegenständlichen Ballast befreien. Sein berühmtes schwarzes Quadrat hing 1915 bei der „Letzten Futuristischen Ausstellung 0.10“ in Petrograd wie eine Ikone im „schönen Winkel“, quer über die Wandecke oben an der Decke, in einem von geometrischen Bildern verseuchten Ausstellungsraum. Das sollte sie nun sein, die utopische schöne neue Welt?

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Michael Reuter | 19.12.08

Weich gespülte Souveränität in Schwäbisch Hall


Ornamentmann (Remix), 2008, Öl auf Leinwand, 300 x 250 cm, Sammlung Würth, Inv. 11478

Als Kurator in eigener Sache agiert Georg Baselitz (*1938) in der Kunsthalle Würth und bastelte aus den rund fünfzig Werken des Baselitz-Blocks der Sammlung Würth und diversen Leihgaben eine Ausstellung mit dem unbescheidenen Titel „Georg Baselitz ↑ Top“. Schön ist sie geworden. Fast zu schön, um wahrhaftig zu sein.

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Michael Reuter | 10.12.08

In der Dunkelheit hinterlässt das Licht Spuren


© Ralf Spieß

Grundlage der Arbeiten von Volker Schöbel (64) sind fotografische Abfälle. Probestreifen oder misslungene Abzüge unterschiedlicher Schwarz-Weiß-Papiere landen in einem dunklen Mülleimer, in dem die Entwickler-, Stopp- und Fixier-Chemikalien zwischen den Schnipseln weiter wirken. Auf zufälligem, fotochemischem Weg entstehen im Laufe der Zeit abstrakt anmutende Farbcollagen in erdigen Tönen. Aus unzähligen dieser Puzzleteile – als Leiter der Freien Fotoschule Stuttgart sitzt der Künstler an der Quelle – hat Schöbel über die Jahre etwa zweitausend besonders interessante Fragmente herausgefiltert, die als Grundlage für unterschiedlich große Bildtableaus dienen. Eine komplette Arbeit kann aus fünf oder aus über hundert einzelnen Teilen bestehen.

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Michael Reuter | 24.11.08

Kunstdiskurs-Kunst. Daniel García Andújar im Württembergischen Kunstverein


Daniel García Andújar, Postcapital (Bibliothek / Library), 2008
Ausstellungsansicht / Exhibition view, Hartware MedienKunstVerein, Dortmund, 2008, Foto: Daniel García Andújar

Der spanische Künstler Daniel García Andújar ist mit seinem Projekt „Postcapital. Archive 1989 – 2001“ bis Mitte Januar 2009 im Württembergischen Kunstverein zu Gast. Das Archiv Andújars basiert auf über 250.000 Dateien aus dem Internet. Die Dokumente, Filme, Fotos und Audioaufnahmen dienen ihm zur Beschreibung eines Zeitalters, dessen Wendepunkte der Künstler durch den Fall der Berliner Mauer 1989 und die Zerstörung der Twin Towers im Jahr 2001 markiert sieht.

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Michael Reuter | 08.11.08

Zweifel berechtigt. Ruprecht von Kaufmann im Stuttgarter Hospitalhof


Dobermänner, Gouache and Collage on Paper, 2008, 20 x 45 cm

Nach einer Phase der melancholischen Dunkelheit herrscht in den Gemälden des in München geborenen Ruprecht von Kaufmann (34) wieder etwas Licht. Wo er vor einem Jahr noch Nashörner und Elefanten, isolierte Menschlein und übergroße Insekten, kläffende Höllenhunde, Insektenheere und Hubschrauberschwärme auf schwarzes Gummi malte, wabert nun ein blasser, weißer Nebel über die Leinwand, der seine Figuren, gerade dem Dunkel entkommen, gleich wieder verschluckt.

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Michael Reuter | 06.11.08

Neue Kuratorin an der Staatsgalerie Stuttgart


Alice Koegel

Alice Koegel hat Mitte September den neu eingerichteten Posten der wissenschaftlichen Kuratorin für zeitgenössische Kunst an der Staatsgalerie Stuttgart übernommen. Ihr Arbeitsbereich umfasst Kunst ab 1980. Sie studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Pädagogik, arbeitet seit 1997 als Kritikerin und Kuratorin und hat zahlreiche Texte und Publikationen über zeitgenössische Kunst, Film und Video veröffentlicht. Die sonnendeck-Redakteure Hansjörg Fröhlich und Michael Reuter trafen Koegel zum Interview.

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Michael Reuter | 29.09.08

Die Wunden vernähen. Isabell Kamp im Hospitalhof Stuttgart


No Consequences (No Excuses), 2008, 140 x 210 cm, Acryl, Stoff, Garn

Immer das Gleiche. Der Kunstkritiker geht in eine Ausstellung, sinniert ein wenig über die gezeigten Werke, schreitet gedankenschwer nach Hause und formuliert am Schreibtisch die einzig wahre Interpretation. Zumindest aus seiner Sicht. Konfrontiert man die betreffenden Künstler mit den Einsichten, zeigen die erfahrenen Hasen ein verständnisvolles Lächeln und schweigen, die Frischlinge von den Akademien schlackern mit den Ohren und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. So erging es dem Rezensenten jüngst mit Isabell Kamp (28), deren Werke seit letzter Woche im Hospitalhof in Stuttgart zu sehen sind. Dem Genderdiskurs unter autoaggressiven Aspekten wollte Isabell so nicht folgen. Der Kritiker ist darob nicht geknickt, sondern freut sich über jede Kunst, über die zu diskutieren sich lohnt.

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Michael Reuter | 17.09.08

Karl Bohrmann in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Stuttgart


Ölkreide auf Papier, 1998, 9,8 x 12,4 cm

Karl Bohrmanns (1928–1998) zeichnerisches Œuvre ist kaum zu überblicken. Hunderte von Blättern mit Akten, Stillleben und Landschaften in endlosen Variationen.
Stuhl, Tisch, Fenster, Gefäß, Raum, Haus, Baum und Frauenfigur: Nicht das spektakuläre Thema zeichnet die Arbeiten aus, sondern die Bereitstellung einer stillen Zimmerecke, durch deren Fenster wir die Bildgewitterfronten der Jetztzeit beobachten können, während wir uns, mit einer Tasse Tee in der Hand und dem Katalog auf dem Schoß, dem Wunsch des Künstlers anschließen, „dem Strudel der Eindrücke, der betörend betäubenden Bilderflut, ein Stück herausreißen zu wollen, ein Bild herauszuschneiden, kühl und klar wie Glas, das prismatisch die Flut bricht und enthält“.

Informationen zur Ausstellung finden sich hier

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Michael Reuter | 05.09.08

Geisterstunde im Ländle

Mit den Medien der Malerei, der Fotografie und der Skulptur präsentiert der chilenische Künstler Cristóbal Lehyt im Künstlerhaus Stuttgart eine facettenreiche Installation: „Drama Projektion (The People of Stuttgart), 2008“.
Seine Arbeiten kreisen um die Frage, wie das eigene subjektive Empfinden mit kulturellen Prägungen, aber auch mit Projektionen und Erwartungen zusammenhängt.

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Michael Reuter | 16.07.08

Galerietaugliche Kapitulationen


Ausstellungsansicht mit der Arbeit »Tumbleweeds« von Manuela Tirler

Volles Haus im Stuttgarter »Kunstbezirk«. Die Absolventen des Diplomstudiengangs Bildende Kunst der Kunstakademie Stuttgart präsentieren hier seit gestern auf 400 qm ihre Arbeiten. Eine Ausstellung, die sich auch dem kunstfernen Betrachter erschließt, da allerlei Figürliches und gut Vorgekautes zur Ansicht kommt.

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Michael Reuter | 21.05.08

Play it – Kunst und Spiel in Stuttgart


Eva Grubinger, "Hype! Hack! Hit! Hegemony!", 1998

Vier zu vier stand es am vergangenen Montag beim Presserundgang in der Halle 6 des alten Messegeländes am Stuttgarter Killesberg. Die traurige Delegation des Stuttgarter Pressekorps und vier angespannte Ausstellungsmacher. Ohrenbetäubender Aufbaulärm im Hintergrund. Werner Meyer, Leiter der Kunsthalle Göppingen und Kurator der „Play it“ - Ausstellung rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Ludger Hünnekens, Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und erster Vorsitzender des Vereins „Kunst08+“, gab sich gelassen, flankiert von Jörg-Dieter Walz (Galerie 14-1) und Ramona Dengel vom Projektbüro.

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Michael Reuter | 06.05.08

Dieter Krieg - Fritten und Brillanten im Kunstmuseum Stuttgart


Dieter Krieg, o.T. (Spiegelei), 1995, Acryl auf Leinwand, 227 x 476 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Dicke Farbschichten auf riesigen Leinwänden geschliert, banale Motive wie Spiegeleier, Bücher und Duschvorhänge in Serie gemalt und ins gigantisch Bedeutungsvolle überhöht, wütende, hingeblaffte Sätze, die zu Malerei werden. Der Maler und Rektor der Kunstakademie Düsseldorf Markus Lüpertz sagt im Audioguide zur ersten umfassenden Retrospektive des 1995 gestorbenen Dieter Krieg: „Sie haben immer das Problem zwischen dem, was sie wollen und dem, was sie können...und dieses Annähern dieser beiden Punkte, das beschäftigt jeden Künstler, und das ist unter Umständen Krieg – nicht Dieter Krieg, sondern Krieg“.

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Michael Reuter | 29.04.08

Garten Eden – Der Garten in der Kunst seit 1900


Luzia Simons, Stockage 45 (Triptyche), 2006, Ultrachrome auf Aludibond © VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Die Sehnsucht nach ein wenig grünem Glück scheint groß zu sein. Nach der Ausstellung „Gärten – Ordnung, Inspiration, Glück“ Ende 2006 im Frankfurter Städel Museum schob die frisch umgebaute und erweiterte Kunsthalle Emden gleich ein Jahr später die nächste Pflichtveranstaltung für Kleingartenfreunde hinterher: „Garten Eden – Der Garten in der Kunst seit 1900“. Zurzeit und noch bis zum 06. Juli ist die Ausstellung nun in einer etwas veränderten und abgespeckten Version in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart zu bewundern.

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Michael Reuter | 15.03.08

In der Drachenhöhle

Zeitgenössische Druckgrafik aus China in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen


Yang Shaobin, Untitled (red biting), 2003, Sammlung Huang Liaoyuan, Peking

Der chinesische Drache blendet die Augen, dröhnt in den Ohren, springt garstig dominant aus dem Wirtschaftsteil der Tageszeitung und legt sich als Leichentuch über alle Wünsche des deutschen Michels, es möge doch alles so bleiben, wie es war. Auch in der Kunst startete China raketengleich durch und so werden im Jahr der Olympiade in Peking die Glatzköpfe von Fang Lijung, die fleischig-blutigen Figuren von Yang Shobin, Xu Bings poetische Schrift-Installationen oder Yue Minjuns Bilder des gefrorenen Lachens noch des Öfteren unsere Sehnerven passieren. Den Beginn macht die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen mit einer prächtig ausgestatteten Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Druckgrafik, die noch bis zum 06.04.2008 zu sehen ist. Die etwa 130 Holzschnitte, Radierungen Lithografien und Siebdrucke entstammen überwiegend einer Privatsammlung aus Peking, ergänzt durch Leihgaben aus deutschen und internationalen Sammlungen.

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Michael Reuter | 04.03.08

Kehraus im Off Space. Gibt es ein künstlerisches Leben nach Stuttgart 21?


Waggons am Nordbahnhof

„Ich bin schon optimistisch, dass der Mietvertrag häppchenweise verlängert wird.“ Peter Patzig (Name geändert), letzter Mohikaner des Kunstvereins „Für Flüssigkeiten & Schwingungen“ und seit vielen Jahren bei den im Einbahnstraßengewirr des Nordbahnhofs verborgenen alten Eisenbahn-Waggons aktiv, blinzelt auf der Terrasse seiner Bar in die Wintersonne. Er möchte den Gedanken, dass hier statt Ateliers, Konzerten und kreativem Chaos demnächst eine Containerstadt für Arbeiter der Jahrhundertbaustelle Stuttgart 21 entstehen könnte, am liebsten verdrängen. Doch der Mietvertrag eines der letzten Großstadtbiotope läuft Ende März aus – Verlängerung ungewiss.

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Michael Reuter | 22.01.08

Das Kunstlaboratorium der Nelly Knatz

Vom 22. Januar - 02. März 2008 in der Galerie Deck, Stuttgart


Nelly Knatz: 15.07.2007/1 (Erhalten des Gefühls am französischen Nationalfeiertag (14.07.2007))

Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung »Böse Limonade« der 1976 in Tübingen geborenen Nelly Knatz wie die verstreuten Reste eines Sperrmüllhaufens. Hier ein mit Wortfetzen bemaltes Zelt und ein Stapel Paletten zwischen schnell hingeworfenen Zeichnungen, dort ein Föhn und ein alter Fernseher, die wider Erwarten noch funktionieren. Nichts, wonach man sich auf der Straße bücken würde.

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Michael Reuter | 22.01.08

Aufbruch im Abbruch

Die studentisch organisierte Gesamtausstellung »TESTBILD 2008« in Stuttgart


Malerei von Mona Ardeleanu

Obwohl eine der ältesten und größten Kunsthochschulen in Deutschland, gelingt es der 1761 gegründeten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart nur selten, aus ihrer provinziellen Beschränkung hervorzutreten. Aber warum sollte der nächste Hype nicht mal aus Stuttgart kommen, denken sich die Studenten und lassen sich die Kunst nicht vermiesen. In den ehemaligen Räumen der Firma Polster City zeigen vom 18. Januar bis zum 8. Februar mehr als 130 Künstler, Kommunikationsdesigner, Bühnenbildner, Architekten und Industriedesigner aktuelle Arbeiten. Klar, bei einigen Werken wendet sich der Geist mit Grausen, aber es ist erstaunlich, was die Studentenschaft jedes Jahr auf die Beine stellt und welche ausgefallenen Örtlichkeiten bespielt werden. Dabei erliegen die Planer immer wieder dem morbiden Charme abbruchreifer Gewerbeimmobilien. Vielleicht, weil hier ein Hauch von Berlin durch die Räume weht?


Teekanne von Jeong Hyun Park

Infos zur Ausstellung: Testbild 2008

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Michael Reuter | 08.01.08

HHORRRAUTICA im Media Space

Der 21. Stuttgarter Filmwinter vom 17. bis 20. Januar 2008 zwischen Trash und technischer Avantgarde


©Telemach Wiesinger, 3x1, 2007

Walt Wobulon
7:00, Stereo, 2007,
von Christian K. Burns
Grüne Wellen-werfende Tapes. Wabernde Fleisch-werdende Gesichter. CKB-Körper & und Worte von Whitman reagieren auf analoge Familienmaschinen. Siebziger Jahre- Wohncontainer aus Ziegelstein.

Keine Ahnung, worum es geht? Dada? Meese? Sammlung Prinzhorn? Weit gefehlt: Ein Ausschnitt aus dem Experimentalfilmprogramm des bevorstehenden Filmwinters, dessen wort- und bildgewaltigen Medientheoretiker und -künstler das Ländle zum nunmehr 21. Mal beglücken. Kunstpuristen sollten schon zum Warm-up das Weite suchen, denn am 11. Januar steht eine DVD-Präsentation des Machwerks WOTØRWOERLD auf dem Programm des Filmhauses, eine Persiflage auf Kevin Kostners Film, gedreht mit einer Koalition der Willigen in der Abstellkammer von Oberwelt e.V. in Stuttgart.

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Michael Reuter | 09.12.07

Der Schrank - Wissensgehäuse oder Grab der Erkenntnis?

Wer glaubt, sich in der Ausstellung »auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften« des Museums der Universität Tübingen durch ein Labyrinth wunderbar verschnörkelter Solitäre bewegen zu können, deren Geheimfächer und wundersame Geschichten überraschen und schockieren, dürfte enttäuscht sein. Keine Schreckgespenster, die aus barocken Truhen hüpfen, und keine zusammengerollten, vergessenen Weltformeln, die es zwischen Spinngewebe zu entdecken gilt. Im doppelten Wortsinn ein »sperriges« Thema, definiert sich doch der Schrank als Schranke zwischen einem Innen und einem Außen.

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Michael Reuter | 18.11.07

Abenteuer Sammlung – Work in Progress

Konzentriert! Kunst von 1350 bis heute
Staatsgalerie Stuttgart
17. November 2007 bis 17. November 2008


Raum 32, © Staatsgalerie Stuttgart/Gerhard Ziller 2007

Sean Rainbird, seit Ende 2006 neuer Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, traten jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn er auf die Schätze blickte, die wegen der Renovierungsmaßnahmen der Öffentlichkeit seit Jahren nicht zugänglich waren. So macht man nun in Stuttgart aus der Not eine Tugend und versucht sich in der Neuen Staatsgalerie an einer Neuhängung von Teilen der Sammlungsbeständen aus der Zeit vor 1900. Der postmoderne Bau des englischen Architekten James Stirling wird so für ein Jahr zur Heimat handverlesener Exponate, bevor die Alte Staatsgalerie Ende 2008 wiedereröffnet wird. 15 Räume stehen für 800 Jahre Kunstgeschichte zur Verfügung, eine Herausforderung, die nur die Präsentation eines Konzentrats der Bestände erlaubt, die quinta essentia der Staatsgalerie.

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Michael Reuter | 25.10.07

Jüngstes Gericht

Hörzeichnungen von Dorothea Schulz

»Das Große Band II«, 2006, Aquarell auf Bütten, 1000 x 150 cm (Ausschnitt)

Telefonzeichnungen entstehen, wenn nervöse Hände mit einem Bleistift Eckiges, Schraffiertes oder Figuratives auf einem Blatt Papier entstehen lassen. Die »Hörzeichnungen« der 1962 geborenen Dorothea Schulz gehen da ein deutliches Stück weiter. Die Künstlerin fertigt ihre Zeichnungen parallel zu aufgeschnappten Gesprächen aus den Medien oder aus eigenen Unterhaltungen an und immer entstehen dabei wild verschlungene Suchbilder voller Wortfetzen, Kommunikationshäppchen und cartoonhafter Gesichter, die zwar alle die gleiche Sprache benutzen aber trotzdem in babylonischer Verwirrung selten miteinander, aber häufig gegeneinander und aneinander vorbei disputieren. In Zeiten der fortschreitenden »Ill Communication« könnten die Bilder als kritischer Kommentar zu den schwindenden rhetorischen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten einer »It´s all 4 U-Generation« gesehen werden.

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Michael Reuter | 21.09.07

Stuhl, Stulle und stundenlang Zeit

Stan Douglas. Past Imperfect
Werke 1986 – 2007

Württembergischer Kunstverein und Staatsgalerie Stuttgart
15. September 2007 – 06. Januar 2008

Stan Douglas, Journey into Fear, 2001, Filminstallation/Film installation, Still, © Stan Douglas, Pressefoto Württembergischer Kunstverein

Klar kann man jetzt dicke Backen machen und den intellektuellen Prügel rausholen. Aber die Werke des 1960 in Vancouver geborenen Stan Douglas funktionieren, jenseits von allem lexikalischen Wissen, auch auf der emotionalen und ästhetischen Ebene sehr gut. Seine Filme sind perfekt inszeniert und entwickeln trotz ihrer ungewöhnlichen Form einen spannungsreichen Sog, dem man gerne länger folgen würde – gäbe es in den riesigen Dunkelkammern des Württembergischen Kunstvereins und der Staatsgalerie Stuttgart nur angemessene Sitzgelegenheiten.

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